Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Stegemanns Fundgrube

Flip-Kalender für Ungeduldige

VW Daumenkino, Bernd Stegemann Foto: Archiv 9 Bilder

Redakteur Bernd Stegemann greift in seine Schatzkiste. Diesmal gefunden: Das Daumenkino von VW, das das Warten auf den Käfer verkürzte.

16.10.2012 Bernd Stegemann

Vor kurzem auf meinem Speicher: Was ich eigentlich suchte, habe ich längst vergessen, doch gefunden habe ich dieses Büchlein. 46 mal 98 Millimeter klein, 60 Seiten dünn, leicht angegraut, schwer abgegriffen. Die Eselsohren und die rissige Klebebindung zeigen jedenfalls, dass es schon oft als das genutzt wurde, wozu es vor rund 40 Jahren in der Werbeabteilung von VW entstand: als Daumenkino oder "Flip-Kalender für Ungeduldige".

Ein gleichermaßen kurzes wie kurzweiliges Vergnügen, wenn man das Heft in eine Hand nimmt, es mit der anderen kräftig biegt und die Seiten dank Vorspannung flott an der Daumenkuppe vorbeirauschen lässt. Dann entsteht aus Einzelbildern die Illusion eines Bewegungsablaufs – nicht so perfekt ineinanderfließend wie die 60 Halbbilder pro Sekunde der modernen Blue-Ray-Technik, aber im Prinzip nach dem gleichen Stroboskopeffekt. Und durch die Reduktion der Mittel und Motive viel plakativer auf den Punkt gebracht.

Kunden sollen bei Laune gehalten werden

Schließlich geht es laut Deckblatt um eine ganz schlichte Botschaft: Kommt Zeit, kommt VW. Nicht dass es Anfang der Siebziger, als der Käfer mehr als eine Million Mal pro Jahr gebaut wird und gerade den Produktions-Weltrekord des Ford Model T einstellt, einer solchen Zusicherung wirklich bedurft hätte. Vielmehr sollen wohl all jene Kunden bei Laune gehalten werden, die ihr neues Krabbeltier am liebsten gleich vom Händler mitnehmen würden, statt wochenlang darauf warten zu müssen.

So vertreibt das ungeduldig herumzappelnde Strichmännchen dem Betrachter nicht nur die Zeit, sondern auch das Gefühl der Untätigkeit. Denn mit jedem neuen Bild passiert ein kleiner Schritt zum großen Ziel: Erst bewegt sich nur der Mann, dann nimmt auch das Auto um ihn herum langsam Gestalt an. Über den ersten 58 Bildern schwebt wie ein Mantra die immer gleiche Selbstbeschwörungsformel: "Bald kommt mein neuer VW." Beim vorletzten heißt es dann endlich "Morgen kommt mein neuer VW", bevor das letzte die erlösende Nachricht verkündet: "Jetzt ist er da."

"Er läuft und läuft und läuft ..."

Genial einfach und deshalb einfach genial, wie VW damals alltägliche Dinge, Erfahrungen und Botschaften ohne große Worte vermittelt. Diese reduzierte Bild- und Textsprache liegt auf der gleichen Linie wie die legendäre Käfer-Werbekampagne der US-Agentur Doyle Dane Bernbach, die in den sechziger Jahren Slogans von unübertrefflicher Klarheit und Prägnanz erfand: "Da weiß man, was man hat" oder "Er läuft und läuft und läuft ..." Kein Wunder, dass Volkswagen auch zum Up ein Daumenkino auflegte: Beide sind relativ schlicht und klein – und doch großes Kino.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Gebrauchtwagen Angebote
Autokredit berechnen
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden