Stellplatz-Probleme: Mehr Unfälle durch veraltete Parkplatzgrößen

Parkplatz-Probleme

Autos werden immer größer, nur die Stellplätze nicht. Weil der Gesetzgeber Verordnungen aus den siebziger Jahren nicht an moderne Fahrzeuggrößen anpasst, häufen sich kostspielige Parkrempler in den Tiefgaragen.

Wer in einem Parkhaus einen Stellplatz erkämpft hat, muss mitunter über akrobatische Fähigkeiten verfügen, um den fahrbaren Untersatz noch verlassen zu können. Denn bereits mit einem Mittelklassewagen reicht der Platz selten aus. Schlimm wird es, wenn der Nachbarplatz schon belegt ist. Zwischen 2,3 und 2,5 Meter Breite bieten die Parkhäuser, eine Mercedes E-Klasse (Mercedes E-Klasse im Top-Test)  ist aber schon 1,82 Meter breit. Da wird es eng.

Unterschiedliche Garagenverordnungen

Rund ein halber Meter Türschlitz ist nötig, um sich aus dem Auto zwängen zu können. Nicht nur Coupé-Fahrer, deren Fahrzeuge große Türen und Öffnungswinkel haben, fluchen in solchen Momenten über die raumgreifende Konstruktion. Der Architektur-Professor und Fachmann für Gebäudeplanung Thomas Jocher kennt das Thema zur Genüge und redet sich schnell in Rage. Denn die Platznot ist nicht zuletzt auf die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Garagenverordnungen zurückzuführen.

Keine Änderung mehr seit den 70ern

"Anders als beim Wohnzimmer meint der Staat, eine Mindestanforderung für Parkplätze definieren zu müssen. Und wo eine gesetzliche Bestimmung existiert, greifen eben viele Bauherren auf deren Mindestanforderungen zurück." Das wäre vermutlich kein allzu großes Problem, wenn die Verordnungen nicht in den siebziger Jahren eingeführt worden wären und sich bis heute nicht grundlegend geändert hätten.

Autos werden immer breiter

Im Gegensatz zu den Autos. Während ein VW Golf I von 1974 mit einer Breite von 1,61 Meter auf dem Normstellplatz fast verloren wirkt, sieht das bei der inzwischen sechsten Generation anders aus: Auf immerhin 1,78 Meter Breite ist der Kompaktwagen gewachsen. Damit ist er einen Zentimeter breiter als ein Mercedes Strich Acht, Urahn der aktuellen, 1,82 Meter breiten Mercedes E-Klasse. Es ist vor allem das Wachstum bei kleinen und kompakten Autos, das zum Problem wird. Denn während die Mercedes-Mittelklasse in 30 Jahren gerade mal fünf Zentimeter in der Breite wuchs, legte der VW Golf rund 17 Zentimeter zu. Beim Polo sind es immerhin 12,1 Zentimeter. Mit 1,68 Meter ist er stattliche sieben Zentimeter breiter als ein drei Jahrzehnte alter BMW 3er. Früher sorgte das Gros kleiner Fahrzeuge dafür, dass genug Platz zum Aussteigen blieb. Anno 1975 war der Mercedes 350 SE mit 1,87 Meter Breite eines der breitesten Gefährte.

Parkrempler und Dellen durch Türkontakt

Die Folge des ungebremsten Wachstums sind Parkrempler und Dellen durch Türkontakt. Ein weiteres Problem, so Jocher, sind die ebenfalls per Verordnung definierten Abmessungen der Fahrspuren: Mit 5,5 bis sechs Meter Breite ließ sich anno 1975 ein 3,72 Meter langer VW Golf (VW Golf im Test) spielend leicht auch in enge Lücken bugsieren. Der 4,20 Meter lange Nachfolger tut sich da schon schwerer, zumal die gefüllten Plätze den Rangierplatz einschränken. Besonders bei weniger geübten Piloten wird das Ein- und Ausparken schnell zu einer wilden Kurbelei, die besonders zu Stoßzeiten nicht selten von ungeduldigem Hupen der Wartenden begleitet wird.

Autofahrer meiden Parkhäuser

Zunehmend knapper wird es auch in der Länge: Fünf Meter sind weitgehend Norm. Eine Größe, der sich Autos immer schneller nähern. Auch wenn die legebatterieähnliche Auto-Verwahrung auf den ersten Blick für die Parkhausbetreiber von Vorteil ist, sieht Jocher die Gewinnmaximierung nicht als Hauptgrund für das Dilemma. Schließlich meiden viele Autofahrer jene Gebäude, in denen sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Für den Dozenten der Stuttgarter Universität liegt die Crux in der staatlichen Verordnungswut an sich. So mancher Bauherr meint, hinter den Vorgaben stecke eine sinnvolle und erprobte Größe, und stellt zu spät fest, dass sie mit den heutigen Anforderungen nur wenig zu tun hat.

Nur selten werden Parkplatzgrößen geändert

Hinzu kommt, dass viele Großgaragen oft ebenso alt wie die Verordnung sind und niemand ernsthaft über Änderungen nachdenkt. Dass Betreiber das Dilemma durchaus erkannt haben, zeigt das Bestreben des Marktführers APCOA, mindestens 2,5 Meter breite Parkgelegenheiten bereitzustellen, wie Unternehmenssprecher Tilmann Kube erklärt: "Außerdem beraten wir die Verpächter bei Renovierungen entsprechend. Uns ist das Problem bekannt." Wie flexibel und zeitgemäß solche Änderungen aussehen können, zeigen die vielerorts eingerichteten Familienparkplätze. Hier ist zwischen den Stellflächen zusätzlich ein Meter Abstand, um den Umgang mit Kids und Babyschalen zu erleichtern.

Die Behörden setzten darauf, dass Autos wieder kleiner werden

Weitere Änderungen, so Kube, betreffen Details wie hohe Randsteine, die in Zeiten von Niederquerschnittsreifen schon so manche teure Felge ruiniert haben. Bei Neubauten kommen sie nicht mehr zum Einsatz. Wo sie bei Altbauten Fahrspuren voneinander trennen, werden sie, soweit möglich, abgebaut. Bei Neubauten werde zudem versucht, mit weniger Stützpfeilern auszukommen. Schritte, die auch Jocher freuen. Noch zufriedener wäre er allerdings, wenn die Bürokraten der Länder einfach auf ihre Garagenverordnungen verzichten würden. Dass sie die Größen neu definieren, glaubt er nicht. "Die zuständigen Behörden setzen eher drauf, dass die Autos wieder kleiner werden."

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René Olma

Autor:

auto motor und sport, Heft 15 / 2009

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