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Strandsegeln - Blokarting in Dänemark

Wind-Spiel

Foto: Gerhard Eisenschink 20 Bilder

Strandsegeln auf drei Rädern: Das ist Blokarting. Ausüben kann man die launige Sportart auf einer kleinen dänischen Insel mit viel Wind und dem größten Sandstrand Nordeuropas.

16.03.2007

Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau, die Fahrt führt durch sanft gewelltes Heideland und könnte ewig so weitergehen. Einziger Haken: Die Insel Rømø ist nach gut vier Kilometern zu Ende. Preben Nielsen, Vorsitzender des dänischen Strandsegler-Clubs, hatte vorgewarnt: Das Eiland verfüge zwar über den breitesten Sandstrand von ganz Nordeuropa, sei aber nur zirka 13 Kilometer lang und vier Kilometer breit.

Die Anfahrtsbeschreibung zum Treffpunkt ist daher denkbar einfach: ab Skærbæk über den 9,2 Kilometer langen Rømø-Damm, dann immer geradeaus bis zum Strand. Während der Volvo XC 90 Ocean Race gen Westen über die Insel rollt, passiert er die höchste Erhebung Rømøs: den Spidsbjerg, eine 19 Meter hohe Düne. Kurze Zeit später taucht mit dem Lakolk-Einkaufscenter eine von Dünenheide umgebene Boutiquenmeile mitten im Nichts auf. Ein Reklameschild "Termosokker“ – Thermosocken, sechs Paar à 100 Dänische Kronen – rauscht im Augenwinkel vorbei. Es gibt Anoraks mit Pelzkrägen und flauschige Fleecepullis, die die "Butik Winter" jetzt, kurz vor Frühlingsbeginn, mit Schnäppchenpreisen ausgezeichnet hat. Die Straße, nun zweispurig, passiert noch eine Kollektion Lenkdrachen – "Royal Loop", "Orkan", "Explosion", "NASA Wing" –, dann endet der Asphalt, und die Fahrbahn mündet in den Strand.

Im Geländewagen-Korso zum Strand

War die ganze Zeit über kaum ein Auto zu sehen, herrscht nach dem Schild "Rømø-Strand" auf einmal reger Verkehr. Beschränkt auf 30 km/h, geht es im Korso mit drei weiteren Geländewagen an einem blau-weißen Verkehrszeichen vorbei. Dahinter erstreckt sich die Unendlichkeit. Nichts als Sandstrand, Himmel und eine Handvoll Lenkdrachen am Horizont. Ein  Großteil des breiten Strandes darf – in Anlehnung an das skandinavische Jedermannsrecht – mit Kraftfahrzeugen befahren werden, kleinere Abschnitte sind für Windsurfer, Kitebuggys, Strandsegler, Brutvögel und das dänische Militär reserviert.

Strandsegler, Brutvögel und Militär

Zaghaft tasten sich die Reifen des Volvo auf den goldgelben Sand, bis klar wird, dass sie auf dem festgebackenen Untergrund prima greifen. Dann geht es an vier Quads vorbei nach links, um die Dünen herum bis zur Rømø-Ranch ("Jetzt auch isländische Pferde"), an den Prielen entlang zu den vielen Strandseglern.

Normalerweise, erläutert Preben Nielsen bei der Begrüßung, liege ihr Revier am knapp acht Kilometer entfernten  Sønderstrand. Doch das mit neun Quadratkilometern größte Strandsegler-Areal Europas sei heute leider überschwemmt, und so habe er für diesen Abschnitt eine Ausnahmegenehmigung erwirkt. Der erste Vorsitzende des dänischen Strandsegler-Clubs steht mit geblähter Windjacke neben seinem "Dommervogn", auf deutsch: Schiedsrichterwagen, der bei Regatten das Büro für die Rennleitung ist. Heute dient der mit Tisch und Stühlen ausgestattete Wohnwagen zum Aufwärmen bei Kaffee oder Tee. Und zum Unterhalten, da man bei dem pfeifenden Wind draußen sein eigenes Wort nicht versteht.

Doch die Teilnehmer sind schließlich nicht zum Reden hier. Werner, eines von 153 Mitgliedern des dänischen Clubs, lenkt seinen Strandsegler mit 54 km/h haarscharf am Dommervogn vorbei. Club-Kollege Lars zieht zum Überholen ansetzend mit beachtlichen 72 km/h hinterher. Das sei noch gar nichts, erläutert
Preben grinsend.

Mit 130 km/h in der Spitze am Strand entlang

Einige Strandsegler kämen in der Spitze locker auf 130 km/h – was dem Tempolimit auf Dänemarks Autobahnen entspricht. Theoretisch könnten sie also das knapp 13 Kilometer lange Rømø in etwa sechs Minuten durchmessen – in Anbetracht
der hohen dänischen Spritpreise eine echte Alternative. Der im Kofferraum des XC 90 verstaute Blokart – Spitzengeschwindigkeit: 93 km/h – käme mit knapp 2,4 Minuten Zeitverzögerung hinterher.

"Das ist wie Staubsauger-Zusammenschrauben", meint Preben beim Blick in die 1,2 mal 0,7 mal 0,2 Meter große Tasche, in der sich die Teile des 27 Kilogramm leichten Blokart befinden. Umso erstaunlicher, dass der kleine, von Volvo vertriebene Strandsegler in nur fünf Minuten aufgebaut ist. Und in weiteren 30 Minuten hat auch der Laie die Grundlagen des Strandsegelns erlernt.

Helm auf, angurten und mit geblähten Segeln geht´s los

Helm aufsetzen. Angurten. Baum (gleich Mast) von der Ruheposition "gegen den Wind" auf "halben Wind". Und mit halb geblähtem Segel eine Acht fahren, so dass man ein Gefühl für das dreirädrige Gefährt bekommt und einen wesentlichen Aspekt des Strandsegelns auf einer kleinen Insel übt, nämlich die Wende. Während der Blokart eine Acht nach der anderen zeichnet, zieht draußen am Horizont ein Containerschiff vorbei. Ringsum knattern Segel, flattern Fähnchen, fliegen Haare. Ganz in der Nähe galoppiert eine Gruppe Reiter auf den Islandpferden der Rømø-Ranch vorbei.

Irgendwann herrscht dann plötzlich Flaute und es wird Zeit für eine Inselerkundung. Rømø liegt im dänischen Wattenmeer, dem größten Naturschutzgebiet des Landes. Zehn bis zwölf Millionen Wasservögel nutzen das Wattenmeer als Zwischenstopp auf ihrem Zug zwischen den Brutgebieten im hohen Norden und den Winterquartieren im Süden. Kiebitz, Austernfischer und Großer Brachvogel machen auf Rømø Zwischenstation. Brandenten, Pfeifenten und Eiderenten bleiben das ganze Jahr über. Im Winter kommen Wanderfalken und Seeadler aus Nordskandinavien zu Besuch. Und im Frühjahr ziehen hunderttausende Stare über das Eiland und führen – riesige Schwärme bildend – ein eindrucksvolles Luftballett auf.

Der Wind weht stramm und kontinuierlich, nicht von ungefähr hat Dänemark den weltweit größten Windmühlenbauer Vestas hervorgebracht. Herrscht dennoch einmal Flaute an der Nordsee, wandert man durch Watt oder Dünenheide, isst fiskebolle (Fischbrötchen) im Hafenstädtchen Havneby, besucht die Seefahrerkirche von Kirkeby oder sieht sich die hübschen, über die ganze Insel verstreuten reetgedeckten Backsteinhäuschen an.

Ein Bäcker, ein Metzger, 1,2 Millionen Besucher

Mit 129 Quadratkilometern passt die Insel fast sieben Mal in die Fläche von Berlin, hat aber nur knapp 750 Einwohner, also im Vergleich zur deutschen Hauptstadt etwa 3,4 Millionen weniger. Es gibt nur einen Bäcker, einen Metzger und zwei Reetdachdecker, aber rund 1,2 Millionen Übernachtungsgäste pro Jahr. Schon in den Kindertagen des Inseltourismus um 1840 begeisterten sich Gäste für die bis zu vier Kilometer breiten Strände.

Wind zieht auf, der Sønderstrand beginnt zu trocknen, und die Strandsegler können wieder in ihr angestammtes Neun-Quadratkilometer-Revier. Gleich hinter dem Damm westlich von Havneby sieht man die dreirädrigen Gefährte mit geblähten Segeln über den schier unendlichen Sandstrand jagen. Etwas weiter nördlich wirbeln Kitebuggys durch die Lüfte, dahinter schließen sich Lenkdrachen an. Immer, wenn der Wind bläst – also fast ständig –, wird Sand vom benachbarten Sylt abgetragen und nach Rømø geweht, so dass Sylt immer kleiner und Rømø immer größer wird.

Der größte Sandstrand Nordeuropas wird also weiter wachsen und mit ihm vermutlich auch Europas größtes Strandsegler- Revier. Preben Nielsen und seine Kollegen reiben sich die Hände.

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