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Straßenkreuzer-Schrottplatz

Detroits zerbrochene Träume

Schrottplatz, Nevada, Oldtimer, Viehmann, 0309 Foto: press-inform 23 Bilder

In der Wüste Nevadas hortet ein schrulliger Sammler Schätze der amerikanischen Automobilgeschichte. Doch statt die Blech-Raritäten zu pflegen, lässt er sie langsam verrotten. Sein Straßenkreuzer-Friedhof wird zum Sinnbild einer gescheiterten Industrie.

14.03.2009

Wenn Clyde Collins in seinem muffigen kleinen Wohnwagen zu Bett geht, ist nur sein Hund bei ihm. Der alte Mann mit dem schlohweißen Haar und der leicht verbogenen Brille lebt allein mitten in einem kleinen Kaff in Nevada. Manchmal ruft eines seiner Kinder an, doch die wohnen weit weg. Seine Frau hat ihn längst verlassen. "Sie hat gesagt: Entweder deine Autos oder ich", erzählt Clyde. Seine Frau ging. Das Blech blieb.

Oldies in erbärmlichem Zustand

Wenn man in der warmen Abendsonne aus Clydes Wohnwagen tritt und sich an einem verrosteten Chevrolet-Abschleppwagen vorbei zwängt, reibt man sich verwundert die Augen. Wer sich nur ein bisschen für alte amerikanische Autos begeistern kann, dem geht sofort das Herz auf - und beginnt zu bluten. Clyde Collins hat zwar eine Automobilsammlung, die ihresgleichen sucht. Doch sie befindet sich in einem erbärmlichen Zustand.

Schon das T-Modell, das mit zerrupftem Dach auf einem alten Schuppen steht, lässt Böses erahnen. Dahinter reihen sich in chaotischer Folge mächtige Karossen auf: Chevrolets der 50er Jahre, Cadillacs der 60er, Thunderbirds, Mustangs. Versprengt dazwischen sind Raritäten mit längst verblassten Namen der amerikanischen Automobilgeschichte. Kaiser, Packard, Studebaker - sie alle haben das Scheitern schon hinter sich, das GM oder Chrysler vielleicht noch bevorsteht. Wie Veteranen längst vergessener Kriege stehen die Blechungetüme kreuz und quer im Wüstensand. Ihr Chrom ist stumpf, die Reifen platt, ihr Lack vom sandigen Wind manchmal fast abgeschliffen. Die verrottenden Polster sind von Sprungfedern durchstoßen oder von kleinen Tierchen bewohnt.

Die letzte Ruhestätte

Rund 100 Autos gammeln auf Clydes riesigem Grundstück vor sich hin. Wie viele es genau sind - längst hat der Sammler den Überblick darüber verloren. Alle Autos befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Verwesung: Manche wären durchaus durch eine entschlossene Restaurierung noch zu retten, doch für viele kommt jede Hilfe zu spät. Ganz übel sieht es mit den Vehikeln aus, die 80 Jahre oder mehr auf dem Buckel haben. Einige Ford A-Modelle und so exotische Karossen wie ein alter Tourer von Hupmobile haben bei Clyde Collins ihre definitiv letzte Ruhestätte gefunden. Einige Autos bestehen nur noch aus verrosteten, mit Spinnweben überzogenen Gerippen.

Reich des Rostes

"Ich bin eben eine "Pack Rat". Ich kann einfach nichts wegwerfen", gibt Clyde freimütig zu. Wenn man knirschend die Kofferräume seiner Wagen öffnet, finden sich darin oft Ersatzteile und Zubehör - seltene Radkappen und Kühlerfiguren etwa, nach denen sich Oldtimer-Fans wahrscheinlich alle zehn Finger lecken würden. Doch Clyde verkauft nur ganz selten etwas von seinem Klassiker-Friedhof in der Nähe von Carson City. Er steht nicht im Telefonbuch und hat an Besuchern eigentlich gar kein Interesse. Erst wenn man beharrlich am verschlossenen Eingangstor wartet und laut brüllt - Clyde hört nicht mehr so gut - schlurft der alte Mann mit seinem Hund Max langsam zum Gitter, öffnet das schwere Vorhängeschloss und gewährt Einblicke in sein bizarres Reich des Rostes.

Kein Auto über 700 Dollar Kaufpreis

Wann und wie seine Sammelwut begann, daran kann sich der Amerikaner nicht mehr erinnern. Früher hat er bei der US-Armee als Fahrlehrer gearbeitet, sich später als Arbeiter auf dem Schlachthof durchgeschlagen. Viel Geld hatte er nie, musste Frau und drei Kinder ernähren. Was übrig blieb, steckte er in seine Sammlung. "Ich habe in meinem ganzen Leben nie mehr als 700 Dollar für einen Wagen bezahlt", behauptet der Autonarr steif und fest. Heute wären manche seiner Klassiker selbst in ihrem traurigen Zustand weit mehr wert, doch das interessiert Clyde nicht. Einst träumte er von einem Duesenberg, dem legendären Gangsterauto der 30er Jahre. Gereicht hat es nur für gebrauchte Cadillacs, von denen Clyde eine ganze Reihe besitzt. Sein Liebling ist ein weißes 65er Modell, das er vor mehr als 30 Jahren für 300 Dollar gekauft hat. "Leider fährt er nicht mehr, aber der V8-Motor war einfach grandios", erzählt Clyde.

In zwei großen Schuppen hortet er Abertausende von Ersatzteilen, Öldosen, Werkzeug, Zeitungen und Prospekten. Dazwischen steht ein uralter Ford Roadster, den Clyde gerade restauriert. Behauptet er jedenfalls, denn ernsthafte Arbeitsspuren kann man an dem Gefährt nicht entdecken. Manchmal, wenn Clyde von alten Autos und alten Zeiten schwärmt, hält er inne und starrt traurig ins Leere - so als dämmere ihm plötzlich die Erkenntnis, dass sein Traum von der großen Automobilsammlung auf einen staubigen Schrottplatz voller zerbrochener Träume zusammengeschrumpft ist. Seine jüngsten Autos stammen übrigens aus den 80er Jahren, eines davon ein ist ein schwarzer Camaro. "Was da heutzutage vom Band läuft, hat doch keine Klasse mehr", meint Clyde - und lebt lieber weiter in der Vergangenheit.

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