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Uhren-Extra

TAG Heuer und die Formel 1

TAG Heuer Chrono-Kaliber 1887 Foto: Wolfgang Wilhelm 9 Bilder

TAG Heuer und Rennsport – das ist seit jeher eins. Die innovative Uhrenmarke will stets ganz vorne mitfahren.

30.03.2011 Martin Häußermann

Wie selbstverständlich nennt heute jeder den Schweizer Chronographenspezialisten TAG Heuer. Dabei ist die Vorsilbe gerade mal gut 25 Jahre alt. TAG ist die Abkürzung für Technique d’Avantgarde. So heißt das Unternehmen des Saudis Mansour Ojjeh, der Mitte der achtziger Jahre nicht nur den Formel 1-Rennstall von McLaren sponserte, sondern auch den damals notleidenden Uhrenhersteller Heuer kaufte, aufpäppelte und sich später wieder zurückzog. Inzwischen gehört TAG Heuer zum weltweit größten Luxuskonzern LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy). Das TAG als Namenszusatz ist geblieben, denn Technique d’Avantgarde ist so wie Effizienz das Wesensmerkmal von TAG Heuer.

„Der Mechanismus unseres Chronographen zeichnet sich durch große Einfachheit aus“, formulierte FirmengründerEdouard Heuer in seinem Patentantrag für einen neuartigen Chronographenmechanismus im April 1882. Zu diesem Zeitpunkt fertigte Heuer schon zwei Jahre lang Chronographen in Serie. Heuers erklärtes Ziel war, den Kurzzeitmesser zu demokratisieren. Bis dahin waren Chronographen aufgrund ihrer komplexen Konstruktionen mit Schaltrad und Kupplung sehr teuer und für die meisten Menschen unerschwinglich. Vereinfachung war angesagt.

Edouard Heuers Bemühungen mündeten in einem Patent, das am 3. Mai 1887 ausgestellt wurde. Schwingtrieb heißt das kleine Teil, das damals die Chronographenwelt revolutionierte. Es handelt sich um eine vertikal schwenkbare Welle mit zwei Ritzeln. Eines greift in das Uhrwerk, also den Motor, ein. Beim Druck des Startdrückers schwenkt die Welle so weit, dass das zweite Ritzel in das Räderwerk des Chronographen-mechanismus eingreift. Mit unmittelbarem Kraftschluss, der Stoppsekundenzeiger läuft. Nach diesem Prinzip funktioniert bis heute übrigens das meistverkaufte Automatik-Chronographenwerk der Welt, das ETA-Valjoux 7750.

Und selbstverständlich verfügt auch das erste Chronographenwerk, das TAG Heuer im eigenen Haus in Serie produziert, über ein Schwingtrieb (in der Uhrmacherei heißt es das Trieb) als Chronographenkupplung. Der Name des Uhrwerks ist eine Hommage an das Patent von Edouard Heuer, es heißt deshalb schlicht Kaliber 1887. Dieses Werk hat Heuer allerdings nicht von Grund auf neu konstruiert. Die Basis bildet vielmehr das Kaliber TC 78 von Seiko Instruments, dessen exklusive Montagerechte TAG Heuer im Jahr 2006 erwarb. Auch wenn die Grundkonstruktion japanisch ist, darf sich das Kaliber 1887 dennoch „Swiss made“ nennen. Schließlich wurde das Uhrwerk von TAG Heuer umkonstruiert, um den Einsatz einer Hemmungspartie – bestehend aus Ankerrad, Anker, Unruh und Spirale – des Schweizer Komponentenlieferanten Nivarox-FAR zu ermöglichen.

Darüber hinaus baut TAG Heuer auch noch einen eigenen, kugelgelagerten Aufzugsrotor ein. Das aus nicht weniger als 320 Einzelteilen bestehende Werk baut gut sieben Milli- meter hoch, misst rund 29 Millimeter im Durchmesser und hat sich laut TAG Heuer während der Homologationsphase als überaus robust erwiesen. Das bestätigten auch mehrere Tests durch Fachjournalisten.

Fast selbstverständlich findet das Kaliber 1887 seine erste Heimat in einer „Carrera“.  Dieser Name ist seit 1964 der Inbegriff für den (TAG) Heuer-Sport-chronographen. Auch das legendäre Kaliber 11, eine Gemeinschaftsproduktion von Heuer, Breitling, Hamilton und Büren, startete 1969 in einer Carrera. Als Manufaktur bezeichnet sich TAG Heuer dennoch nicht, auch wenn schon allein das zahnriemen-getriebene Uhr- werk in der Monaco V4 dies durchaus gestatten würde. Und so kommen nicht wenige Betrachter zu dem Schluss, dass das großserienreife Kaliber 1887 eigentlich die größere Leistung ist.

Denn TAG Heuer hat über den Tellerrand geschaut und auch Produktionsmethoden der Automobilindustrie zum Vorbild genommen. So hat man das bei der Vorentwicklung gesparte Geld zur Anschaffung hocheffektiver Produktionsanlagen genutzt. Die 39 Lager- steine werden nun von einem Roboter mit Greifarm in die Platine eingesetzt. Dafür braucht er genau eineinhalb Minuten, während der gleiche Prozess in Handarbeit mind- estens vier Minuten länger braucht. Außerdem ließ man sich eine Fräsmaschine maß- schneidern, die Werkgestellteile – also Platinen und Brücken – ohne Schmieröl bearbeitet. Der Verzicht auf Schmierung spart zahlreiche Reinigungsvorgänge, was den Fertigungsprozess erheblich verkürzt.

Nicht zuletzt wurde darauf geachtet, dass sich leicht montieren – und später auch re- parieren – lässt. Diese erhöhte Effektivität – Firmenchef Jean-Christophe Babin spricht von rund 40 Prozent – wirkt sich auf die Kosten und damit auf den Verkaufspreis aus. Ganz im Sinne des Gründers steht die Carrera Calibre 1887 auch für funktionelle, bezahl- bare Chronographentechnik. Mit einem Einstandspreis von 2800 Euro ist dieser Kurzzeit-messer der günstigste Chronograph aus Schweizer Produktion, der nicht von dem Aller-welts-Kaliber ETA Valjoux 7750 angetrieben wird. Daran hätte auch Edouard Heuer seine Freude gehabt. Ebenso wie an den weiteren Aktivitäten der Geschäftsleitung, die Jack W. Heuer anerkennend als die „nächste Heuer-Generation“ bezeichnet. Der Ehren-präsident, der das Unternehmen Heuer von 1961 bis 1985 leitete, hält große Stücke auf Jean-Christophe Babin und sein Team, aus dem Entwicklungschef Guy Sémon und Produktdirektor Stéphane Linder herausragen. Dieses Team stellte auf der Baselworld 2010 bereits das nächste Leuchtturmprojekt des Hauses vor, das „Pedulum-Concept“.

Dabei ersetzen die Konstrukteure die altehrwürdige Schweizer Ankerhemmung durch einen Oszillator, der mit Hilfe von Magneten schwingt. Nach Aussagen der Techniker arbeite das System über Jahrzehnte stabil und rein mechanisch. Serienreif ist das auf- sehenerregende Hemmungssystem, das mit einer Frequenz von 4 Hertz arbeitet, zwar noch nicht, aber die Prototypen laufen schon im Wortsinne auf Hochtouren. Technique d’Avantgarde eben.

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