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Talbot Matra Rancho und VW Golf Country

Zu früh geboren, schwer gescheitert

Talbot Matra Rancho, VW Golf Country, Seitenansicht Foto: Ingolf Pompe 34 Bilder

Sie wären Bestseller gewesen, hätten die Kunden SUV früher gemocht. Aber: hätte, hätte, Steuerkette. Feiern wir nicht den Konjunktiv, sondern zwei fulminant gescheiterte Helden: Talbot Rancho und VW Golf Country.

11.08.2013 Sebastian Renz

Die Helden deiner Kindheit verrätst du nicht. Wobei es hier für gewöhnlich sehr hilft, sie nie zu treffen. Nun steht er jedenfalls da, der Talbot Matra Rancho. Um seinen Zauber ganz zu verstehen, nützt es, in den frühen achtziger Jahren einen Kindergarten auf dem Land besucht zu haben. Dort bezwangen Rancho-Spielzeugmodelle von Matchbox, Siku oder Corgi wildeste Sandkastenpisten. Im echten Leben bezwang er eher sich selbst. Was er dabei allein nicht schaffte, erledigt der unstete Lebenswandel seiner Vormünder.

Vor allem aber scheitert er an seiner frühen Geburt. Hätte Peugeot 15 Jahre später, 1993, solch einen Pseudo-Geländewagen – einen SUV also – vorgestellt, wäre er dem Toyota RAV4 ein Jahr zuvorgekommen. Doch die Simca-Techniker, die spätestens seit dem dreisitzigen Sportwagen Bagheera von 1973 dafür bekannt sind, frühzeitig Lösungen zu entwickeln, für die es langfristig kein rechtes Problem gibt, starten schon 1976 das Projekt P12. Basis des Rancho ist der City-Laster 1.100, dem sie das Heck um 24 Zentimeter langziehen und eine verglaste Loggia draufsetzen. Das Hüttchen aus glasfaserverstärktem Kunststoff wiegt 150 Kilogramm und feiert bei Matra im Werk Romorantin Richtfest.

Talbot Matra Rancho mag kein Gelände

Designer Antonis Volanis dramatisiert dazu den Vorderwagen mit breitem Stoßfänger, Rammschutz, vergitterten Zusatz-Scheinwerfern und der Dachgalerie samt Spoiler. So erkennt man kaum, dass drunter der olle Simca 1.100 steckt. Acht Zentimeter höhergesetzt, scharrt der Rancho abenteuerlustig mit 14-Zoll-Rädern.

Alles ein Missverständnis. Die Käufer meinen, weil der Rancho so nach Range Rover aussieht, sei er ebenso gelände-talentiert. Aber nein. Eher im Gegenteil. Wegen des gewichtigen Wintergartens sind Front und Heck exakt ausbalanciert. Leichte Zuladung oder ein wenig Feuchtigkeit genügen, um den Vorderrädern des zweiradgetriebenen Rancho die Traktion zu rauben. Doch gibt es viele Fahrer, die mutig ins Gelände schottern, um von dort ohne Rancho, aber mit der Erkenntnis zurückzukehren, dass Mut mitunter nichts anderes ist als die Fehleinschätzung von Risiko.

VW Golf Country entsteht bei Steyr

Vom Thema Fehleinschätzung leitet es sich locker über zum VW Golf Country. Mit dem glauben sie sich bei VW ganz weit vorn, damals im November 1988, als sie die Idee haben, den normalen Golf II Syncro zum Geländewagen fortzubilden. Dazu bekommt er die große Aufbruchsgarderobe, die gut zum Zeitgeist passt. So nickt der Vorstand das Konzept im März 1989 ab, ab April 1990 purzelt der Country im Österreichischen bei Steyr-Daimler-Puch vom Band. Dort erledigen die Allradspezialisten den Umbau: VW liefert den Syncro-Golf, die Steyr-Burschen entwinden ihm Antrieb und Fahrwerk, schrauben einen Distanzrahmen drunter, schmücken ihn mit Kuhfänger und Ersatzradhalter zum Wehr-Golf.

4.000 Exemplare des "Golf für Individualisten", wie VW den Country nennt (was das über die Käufer der anderen Golf-Modelle aussagt? Ja, wohl schon), sollen pro Jahr Kunden finden. Doch potenzielle Kunden finden ihn eher unattraktiv. Eine Situation, die auch Klaus Westrup im auto motor und sport-Test erlebt. Seine Fahrt im Country führt zu einer Szene, die noch nach 23 Jahren in unseren Redaktionsräumen beschworen wird: Westrup hält mit dem Golf an einem Rastplatz, schnell ergibt sich ein Treffen. Aber lesen wir im Original: "Ist das ein Eigenbau?", fragt ein VW Bus-Fahrer. "Welch positive Unterstellung, da mir kaum ein Kerzenwechsel gelingt."

Talbot Rancho: Nur noch 18 Exemplare in Deutschland

Seine eher begrenzte Geländebefähigung werden wir ihm nun nicht mehr vorwerfen, dem Country, dem schon 1991 nach 7.735 Exemplaren gescheiterten. Nutzen wir lieber das Wiedersehen mit unserem alten Kumpel, dem Zweier-Golf, bei dem die Türgriffe wie früher knacken, Kreuzschlitzschrauben die Verkleidung bis in alle Ewigkeit halten, der Anlasser schnarrt und der sich trotz des Eisengestrüpps an der Karosse so leicht und undramatisch fährt wie jeder Golf.

Die Frische dieses Sommers, der noch gar nicht richtig sommerte, weht durch das offene Faltdach. Jetzt leise, um ja keine Abenteuerlust zu wecken. Auch nicht im Talbot Rancho. Von dem baute Matra bis 1984 genau 56.457 Stück, davon kurven in Deutschland noch 18 herum. Also stellen wir einfach fest, dass er brillant ist. Punkt. Denn über die Schwergängig- und Ziellosigkeit seiner Lenkung, den asthmatischen Motor und das rührige Getriebe wollen Sie doch gar nichts wissen – und wir nichts verraten.

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