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Tatra T77a-Restaurierung

Zwölf Jahre Arbeit für "The Car of the Show"

Tatra T 77a, Seitenansicht Foto: Fact 25 Bilder

Tatra-Fan Keen Smit aus Holland restaurierte über Jahre hinweg einen T77a. Als er kürzlich den fertigen Wagen bei der NEC Classic Motor Show in Birmingham ausstellte, kürte das Publikum das urige Teil zum Car of the Show.

28.03.2011 Bernd Woytal Powered by

Reisen bildet, heißt es, doch manchmal fördern Ausflüge in fremde Länder auch anderes zu Tage. Kees Smit erfreut sich noch heute an den Folgen eines Erlebnisses auf einer seiner Fahrten in die CSSR.

Der Mythos Tatra verfängt

Bereits Anfang der 70er Jahre reiste der Holländer aus Amsterdam mit einigen Kumpels gen Osten. Der Bruder eines Freundes besuchte dort eine Bekannte, während sich Smit aus anderen Gründen der kleinen Reisegruppe anschloss: "Mich interessierte damals zum Beispiel die dortige politische Situation nach dem Prager Frühling 1968." Zu sechst machten sich die Jungs in einem klapprigen Gebrauchtwagen auf den Weg. Die Tour verlief so vergnüglich und kurzweilig, dass sich daraus eine Tradition entwickelte. Und so verbrachten sie künftig jedes Jahr im Februar ein langes Wochenende in der Tschechoslowakei.

Bei einem dieser Aufenthalte sah Smit plötzlich zwischen all den kleinen Trabant mit ihrer Zweitakt-Rauchfahne und den Moskwitsch ein großes Etwas vorbeirauschen, das ihm wegen der ungewöhnlichen Karosserieform wie ein Saurier vorkam. Es handelte sich um einen zwar heruntergerittenen, aber wegen seiner Stromlinienkarosserie doch sehr imposanten Tatra T87. Dieser Anblick zauberte plötzlich wieder ein Bild aus Smits Erinnerungen hervor. Um 1960 hatte er als Kind in den Niederlanden einen Tatraplan bewundert und fand es damals faszinierend, dass man durch die hinteren Fenster den Motor und durch zwei weitere Fenster im Motorraum in das Passagierabteil sehen konnte. Plötzlich ließ ihn der Mythos Tatra nicht mehr los.

Er begann, Literatur über die tschechische Marke Tatra zu sammeln und besuchte natürlich das Tatra-Museum in Koprivnice, zu Deutsch Nesselsdorf. Schon bald kannte er sich sehr schnell mit den diversen Fahrzeugen aus. Den Tatraplan mit seinem vierzylindrigen, luftgekühlten Boxermotor im Heck und der selbsttragenden, mit einem Zentralkastenrahmen verschweißten Karosserie in Stromlinienform fand er zwar nach wie vor interessant, doch er fühlte sich mehr zu den Achtzylinderversionen hingezogen, wie eben jenen Tatra T87, von denen einer an ihm vorbeigezogen war.

Suchanzeige in der Zeitung führt zum Sucherfolg

Er kaufte sogar den ein oder anderen Tatra als Restaurierungsobjekt in der CSSR, aber als sein großer Traum kristallisierte sich der Vorgänger des Tatra T87 heraus: der Tatra T77. Das war der erste mit luftgekühltem Heckmotor gebaute Tatra, natürlich auch von Hans Ledwinka konstruiert. Der 90-Grad-V-Achtzylindermotor besaß eine zentral angeordnete Nockenwelle, die über ungewöhnlich lange und hohe, von Löchern durchbrochene Kipphebel die Ventile betätigte. Der mit einer Trockensumpfschmierung ausgestattete Dreiliter-Motor leistete in dem Tatra T77 immerhin 60 PS bei 3.500/min.

Von 1934 bis 1935 sollen etwas mehr als 100 dieser über fünf Meter langen Tatra T77 entstanden sein. Die meisten davon sind verrottet, begünstigt durch ein aufwendiges Holzgerippe, das die Karosserie verstärkt, und das von Fäulnis zersetzt wurde. Doch Smit gingen diese Tatra T77, die eigentlich nirgends zum Verkauf angeboten wurden, nicht mehr aus dem Kopf. Da er mittlerweile viele Bekannte in der CSSR hatte, kam er auf die geniale Idee, einen davon zu bitten, eine Chiffre-Suchanzeige in einem tschechischen Monatsmagazin aufzugeben.

Und tatsächlich meldete sich jemand, der einen Tatra T77 zu verkaufen hatte. Der Verkäufer wohnte in Mährisch Ostrau, "und als wir dort ankamen, standen dort plötzlich zwei Tatra", erinnert sich Smit an jenen Tag im Frühjahr 1983. Vor ihm standen ein Tatra T77 und der weiterentwickelte Tatra T77a, der in etwa 150 Exemplaren zwischen 1936 und 1937 gebaut worden war. Beide Autos befanden sich in einem fürchterlichen Zustand.

"Obwohl ich wusste, dass eine Restaurierung der Tatra jenseits meiner Möglichkeiten lag, kaufte ich beide", erzählt Smit und nennt als profane Begründung: "Ich wollte diese Fahrzeuge einfach nur besitzen." Er stellte die Tatra zunächst mal bei Bekannten in der CSSR unter, aber ewig konnten sie dort nicht stehen bleiben. Was also tun, zumal er nur für einen Wagen eine Exportgenehmigung bekommen hatte? Genau genommen hielt er eine so genannte Bewilligung für den Export eines Autos in Händen, und die galt nicht ewig.

Ein Tatra musste geopfert werden

Mittlerweile waren seit dem Kauf der Tatra fast fünf Jahre vergangen, Smit musste also handeln. Schweren Herzens entschloss er sich, den vom Zustand her schlechteren Tatra T77 zu verschrotten, sprich, er schlachtete ihn aus und führte alle Ersatzteile wie Motor, Getriebe und vieles mehr mit dem Tatra T77a nach Holland aus. Der Tatra T77a schien ihm eh das geeignetere Auto, weil es gegenüber dem T77 einen zehn PS stärkeren und rund 400 cm3 größeren Motor besaß. Auf die Frage, warum damals kein Tscheche diese Autos kaufte, meint Smit lachend: "Die waren nicht so naiv wie ich."

Die einheimischen Veteranen-Freunde mochten die großen, wenig sparsamen Tatra nicht so sehr. Und sie wussten um den großen Aufwand einer Restaurierung. Aber diese Erfahrung stand Smit noch bevor. Daheim konnte er den Tatra in einer Industriehalle unterstellen. Da war das Auto vorerst gut aufgehoben. Nach der Wende ergaben sich plötzlich neue Möglichkeiten - Smit spielte mit dem Gedanken, den Tatra T77a im Osten restaurieren zu lassen. Dort lagen die Lohnkosten weit unter dem westlichen Niveau, zudem kannte man sich mit der Tatra-Technik aus. Obendrein hielten sich die handwerklichen Fähigkeiten des Psychotherapeuten in Grenzen, weshalb er in jedem Fall auf fremde Hilfe angewiesen war. Warum also die Chance verstreichen lassen?

Smit fragte Tatra-Besitzer aus dem Osten nach in Frage kommenden Adressen und wählte eine aus. Sie stellte sich als Fehlentscheidung heraus. Nachdem er seinen Tatra dorthin gebracht hatte, kamen die Arbeiten nicht so recht in Gang, hingegen stiegen die Geldforderungen des Restaurierers. 

Neues Holzgerippe aus Eschenholz, Kotflügel vom Werks-Rennfahrer

Kurzerhand holte Smit den Tatra dort wieder weg und brachte ihn zu Rudolf Kandus in Telc. Der gelernte Koch hat ein traumhaftes Talent, mit Blech umzugehen. Er versprach, sich um die Wiederauferstehung des maroden Tatra T77 zu kümmern. Zunächst nahm er Kontakt mit jemand auf, der in der Lage war, das verfaulte Holzgerippe neu aufzubauen. Die Karosserie des Tatra T77A war zwar sehr vom Rost gezeichnet, aber es ließen sich noch die Formen sowohl für den Holzrahmen als auch für die Neuanfertigung der Bleche davon abnehmen. Das Holzgerippe wurde aus Esche aufgebaut. Die Arbeiten begannen 1995.

Künftig reiste Smit immer wieder in den Osten, um die Restaurierung seines Tatra T77 zu überwachen und um die Arbeiten voranzutreiben. "Die Mentalität ist dort anders als bei uns. Wenn man nicht vorbeischaut, passiert zu wenig oder das falsche", weiß Smit aus Erfahrung. Aber nicht nur deshalb war er drei bis vier Mal pro Jahr vor Ort. An seinem Tatra T77 fehlten etliche Teile, die es zu besorgen galt. Und die größte Wahrscheinlichkeit fündig zu werden, war eben in jenem Land, in dem die Autos gebaut wurden.

Smit nutzte bei der Suche natürlich seine vielen Kontakte. So ergatterte er manchen Schatz für seinen Tatra T77A wie zum Beispiel zwei nagelneue Vorderkotflügel aus Werksbeständen. Er bekam sie von dem ehemaligen Tatra-Werksrennfahrer Adolf Vermirovsky, Sohn des noch berühmteren Rennfahrers Josef Vermirovsky. Diesem waren die Bleche von jemand angeboten worden, der nicht wusste, worum es sich handelte. Aber Vermirovsky wusste sofort Bescheid. Weil er Kenntnis von Smits Restaurierungsprojekt hatte, kaufte er die Tatra-Kotflügel für den Holländer.

Smit besuchte andere Tatra-Besitzer und konnte so immer wieder einzelne Teile ausfindig machen. Bei einem in Prag, der sich auf Elektrikteile spezialisiert hatte, kaufte er den originalen Anlasser und fand bei ihm durch Zufall einen originalen Aschenbecher. Das war ein Glückstreffer, denn an seinem Tatra fehlte das komplette Instrumentenbrett. Die Anzeigen übernahm er von einem Tatra T87 und versah sie mit den passenden Zifferblättern, die er allerdings nachfertigen lassen musste. Für anderen Ersatz, den er nachfertigen lassen wollte, fehlten ihm die Vorlagen. Deshalb besuchte er des Öfteren das Tatra-Museum, um an dem dort ausgestellten Tatra T 77a das Entsprechende zu vermessen und zu fotografieren.

Problemfall Bremsankerplatte

Eine größere Aktion war das Nachfertigen der Bremsankerplatten des Tatra T77A. Eigentlich hätte er darauf verzichten können, wäre damals nicht diese ärgerliche Sache passiert. Irgendwie hatte er ja den Wagen nach dem Kauf von Mährisch Ostrau nach Prag schaffen müssen. Da am Wagen weder Motor noch Bremsen funktionierten, überführte er den Tatra, indem er sich von einem Kleinlaster mit einer Abschleppstange ziehen ließ. Eine Strecke von 350 Kilometer lag vor ihnen. Es war bitter kalt, und einige Scheiben fehlten - entsprechend fegte ein eisiger Fahrtwind durch den Passagierraum.

Irgendwann registrierte Smit ein merkwürdiges Vibrieren am rechten Hinterrad. Er lenkte den Tatra einige Male von links nach rechts, um so seinen Freunden im Zugfahrzeug ein Zeichen zu geben. Die hielten dann auch tatsächlich an, gemeinsam suchten sie nach der Ursache. Sie entdeckten nichts, und so fuhr man weiter. Plötzlich brach das Hinterrad weg. Glücklicherweise passierte nichts, doch die Bremsankerplatte des Tatra hatte Schaden genommen. Aber das war ärgerlich genug, denn erst nach langer Suche fand sich eine Gießerei, die das Bauteil nachgießen konnte. "Heutzutage könnte ich mir das sicher nicht mehr leisten, aber damals war es recht günstig", freut sich Smit.

Die Frage nach der Garantie

Weniger erfreulich verlief die Sache mit dem Motor, doch der Reihe nach. Der Karosseriebauer hatte hervorragende Arbeit geleistet, und nach etlichen Jahren ging es so langsam in die Endphase - der Tatra T77A nahm konkrete Formen an. Zwischendurch schritt die Überholung der Technik voran, ebenso der Neuaufbau des Triebwerks. Den fehlenden Doppelvergaser hatte Smit schon gleich am Anfang aufgetrieben. Irgendwann stellte sich dann die Frage nach der Lackierung für den Tatra, und hier entschied sich der Holländer sehr pragmatisch.

Originale Farbmuster besaß er und hätte also mit viel Aufwand die alte Farbe nachmischen lassen können. Doch stattdessen suchte er so lange, bis er ein vom Ton her identisches Dunkelblau einer leichter verfügbaren Farbe gefunden hatte. Die Firma Ecorra in Koprivnice, die auch den Tatra-Motor revidierte, hatte ebenso den Auftrag, sich um eine Lackiererei zu kümmern. Doch dann zerstritten sich die Betriebe - Smit sah sich plötzlich zwischen den Stühlen. Letzten Endes wurde der Tatra dann zwar lackiert, doch es fielen Extrakosten an.

Dieses Verhandeln mit den Firmen, wozu Smit wegen der mangelnden tschechischen Sprachkenntisse die Unterstützung von Freunden benötigte - und die dort ständig erforderliche Präsenz, um die Arbeit voranzutreiben und um Mängel beseitigen zu lassen -, empfand Smit als sehr anstrengend. "Die Leute kannten zwar das Wort Garantie, aber nicht immer dessen Bedeutung", fasst er seine Erfahrungen zusammen. Irgendwann war dann der Tatra T77Aendlich lackiert.

Nach zwölf Jahren ist der Tatra T77A fertig

Ein Sattler fertigte neue Sitze, alle technischen Komponenten wurden montiert sowie alle Anbauteile komplettiert. Die Chromteile, darunter auch die nach Muster alter Fotos nachgefertigten Stoßstangen, trugen sozusagen eine originale Glanzschicht, denn sie waren im Galvanikbad der Tatra-Werke gewesen. "Ein nettes Detail", schmunzelt Smit. Ein kluger Schachzug war es, den Tatra nach Abschluss der Restaurierung noch zwei Jahre in Tschechien zu lassen, wie das Land mittlerweile hieß. So konnte er bei auftretenden Problemen gleich bei den entsprechenden Firmen auf der Matte stehen.

Es lohnte sich, denn der Motor seines Tatra erlitt bald einen Kolbenklemmer, wobei ein Pleuellager Schaden nahm. Nach großer Diskussion wurde der Motor wieder instand gesetzt. Außerdem musste am Schaltgetriebe und am Lenkgetriebe nachgebessert werden. 2007 trat der Tatra endlich die Heimfahrt nach Holland an. Seit dieser Zeit zählt er zu den meist beachteten Gästen auf Treffen und Messen. Wo er auftaucht, sorgt er mit dem Tatra T77A für Furore. Die letzte große Tour im Jahr 2010 führte ihn im November zur NEC Classic Motor Show in Birmingham. Dort krönte man den Tatra T77A zum Car of the Show.

Wie war das? Reisen bildet? Stimmt. Nun weiß Smit, dass auch die Briten ein tolles Auto zu schätzen wissen.

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