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22. Techno-Classica

Essen bleibt das Maß der Dinge

BMW 503  auf der Techno-Classica 2010 Foto: Hardy Mutschler 23 Bilder

Knapp 172.000 Besucher sind nicht der einzige Superlativ der weltweit größten Oldtimer-Schau. Nie zuvor gab es so viele teure Exoten und Einzelstücke, nie war die Marken- und Modellvielfalt größer. Essen bleibt das Maß der Dinge.

18.04.2010 Alf Cremers Powered by

Pegaso fehlte, auch Duesenberg und Bristol haben Kenner vermisst. Sonst geriet das Portfolio berühmter Automarken auf der 22. Techno Classica so ziemlich komplett. Ein Auburn 851 Speedster (nein, keine Replica), ein Talbot Lago Record, ein Cord 812 Roadster - alle da.

Techno Classica - Klassiker-Hollywood an der Ruhr

Auch ein Hotchkiss Anjou mit moderner Ponton-Karosserie, ein 61er Cisitalia Spider von Allemano, ja sogar ein Studebaker Avanti aus der Feder des berühmten Industriedesigners Raymond Loewy fanden sich auf dem Gelände der glamourösen Oldtimer-Traumfabrik mit ihren 2.500 Autos verteilt auf 12 Hallen.

Dieses Klassiker-Hollywood an der Ruhr übertrifft sich stets selbst mit einem Klassiker-Staraufgebot, bei dem selbst ein Bizzarini 5300 GT, gesehen bei E. Thiesen, nicht fehlt - und das bis in die kleinste Nebenrolle spannend besetzt ist. Die spielte als armer Komparse der Standard Vanguard auf dem Schnäppchenmarkt im Innenhof. Die verhärmte britische Limousine mit der schmalen Airflow-Buckelkarosserie auf solidem Kastenrahmen war komplett, fahrbereit, substanziell gesund und kostete nur 3.950 Euro inklusive schöner Patina. Das ungeliebte und deshalb rare Stiefkind von Triumph hat den gleichen 2,1-Liter-Vierzylinder unter der Haube wie der TR 3 oder ein gewisser Ferguson-Traktor.

Das leise, unterschwellige Leitmotiv der Techno Classica 2010: rassige italienische Gran Turismo

Das Spektrum war riesig, das galt vor allem für Vollblüter und Hochkaräter. Rummäkeln erübrigte sich also, auch nicht auf hohem Niveau. Die Wirtschaftskrise macht gottlob einen Bogen um die Klassiker-Szene. Wo bitte stehen 38 Mercedes 300 SL, Roadster und Flügeltürer auf einem Fleck, wo sonst kann man 21 Jaguar XK 120 bis 150 kaufen, und wo zwischen sieben Ferrari 365 GTB 4 Daytona wählen?

Bei Steenbuck Automobiles lockten gleich drei Porsche 356 Carrera mit dem Fuhrmann-Königswellenmotor. Vier Ferrari 250-Juwelen suchten neue Liebhaber. Da oben wurde die Luft selbst in Essen dünn: ein 250 GTO bei Hall & Hall in Halle 1, ein 250 GT SWB sowie ein 250 GT Tour de France bei RM Auctions in Halle 6. Die Krönung der rassigen Dreiliter-Zwölfzylinder wurde den Ferrari-Fans auf dem Motor Klassik-Stand in Halle 3 in Form des 250 GT SWB "Breadvan" präsentiert. Den illustren Shooting Brake in Kastenbrot-Form, der 1962 so heldenhafttragisch in Le Mans scheiterte, steuerte Klaus Werner als Leihgabe bei.

Apropos Ferrari, eines der exklusivsten und begehrenswertesten Cavallo Rampante dürfte der 500 TRC Testa Rossa bei H&H Auctions in Halle 6 gewesen sein, von dem Vierzylinder-Zweiliter-Rennsportwagen wurden nur 19 Stück gebaut. Überhaupt waren rassige italienische Gran Turismo das leise, unterschwellige Leitmotiv der Techno Classica 2010.

Ein Siata 208 CS Berlinetta siegte bei der Motor-Klassik-Redakteurs-Wertung Best of Show

Beinahe unentdeckt blieben ein dunkelblauer Maserati Mexico für 29.500 Euro, ein weißes Fiat 2300 S Coupé fürs gleiche Geld - jedoch preislich voll am Limit, liebe Scuderia Sportiva Colonia -, und ein Youngtimer namens Maserati Kyalami, der bei Auto Schiemenz in Halle 2 für 33.590 Euro angeboten wurde: "Ein seriöser Besitzer in Deutschland, 127.500 km, aus Altersgründen zum Verkauf ". So der Preis für einen guten Faltenbalg-911er.

Manchmal lohnte es sich, auch wegen eines Lancia Stratos den Mainstream zu verlassen. Best of Show wäre deshalb in der Wertung der radikal-individualistischen Motor Klassik-Redakteure nicht der mächtige und etwas manirierte Rolls-Royce Phantom I Springfield Playboy Roadster mit Coachwork von Brewster in Halle 1 bei Frank Dale & Stepsons geworden, sondern gleich gegenüber die Siata 208 CS Berlinetta in der schwarzen Samtkulisse von Lukas Hüni.

Das faszinierende Coupé könnte auf den ersten Blick von Zagato stammen, wurde aber von Stabilimenti Farina atemberaubend karossiert. Mit der authentischen Startnummer 542, Startzeit Fünf Uhr zweiundvierzig, nahm der exzentrische Gran Turismo in unschuldigem Cremeweiß 1952 an der Mille Miglia teil. Spektakulär befeuert wurde er vom Zweiliter-Achtzylinder-Triebwerk des Fiat 8V (Otto Vu), dessen Leistung von 145 PS nur auf dem Papier harmlos wirkt. Wenigstens hätte der Siata 208 CS mit der aggressiven Frontpartie noch vor dem zweifellos hinreißenden 63er O.S.C.A 1600 GT Berlinetta die Sportwagen-Kategorie entscheiden müssen. Der kleine Sportwagen mit der attraktiven Zagato-Karosserie und den Maserati-Technikgenen stand für 245.000 Euro bei Movendi. Seinem Charme konnte die Jury des Concours d‘Elegance offenbar nicht wiederstehen.

"Beste Limousine" - einer von nur 59 Mercedes-Benz 600 Landaulet in Pullman-Version

Hüni musste jedoch nicht leer ausgehen. Sein Lagonda V12 Rapide von 1940 setzte sich als bestes Cabriolet durch. Den Titel "Beste Limousine" errang Techno Classica-Abonnent Mechatronik mit einem von nur 59 gebauten Mercedes-Benz 600 Landaulet in Pullman-Version. Die Nummer eins bei den Rennwagen galt wohlverdient dem Auto Union Typ 650 "Sokol" von 1952 auf dem Stand von Hall & Hall. Das ist ein unter sowjetischer Regie von ehemaligen Auto Union-Konstrukteuren entwickelter kompakter Formel-Rennwagen mit dem Zwölfzylinder- Kompressormotor des geplanten und wegen der Kriegswirren nicht mehr realisierten Auto Union Typs E. Hall & Hall wetteiferten in Sachen Exponate auf das Kreativste mit RM-Auctions.

Auch die "Bügelfalte" fehlte nicht auf der 22. Techno Classica

Auf dem hellen Veloursteppich-Rondell in Halle 6 hielt nicht nur besagtes Ferrari 250 GT-Pärchen Hof. Sondern auf einem Podest ließ sich auch vor allem die BMW 328 Bügelfalte bewundern, die am 1. Mai von RM in Monaco für einen horrenden Millionenbetrag versteigert wurde. Als Ironie des Schicksals feierte BMW ein paar Hallen weiter seinen Mythos 328 und stellte in der Galerie einstiger Mille Miglia- und Le Mans-Helden die Rekonstruktion der einzigen werkseigenen Roadster-Karosserie aus, die BMW-Gestalter Wilhelm Kaiser 1939 entwarf.

Aber RM-Auktions legten noch nach. Sogar ein Maserati Tipo 61, genannt Birdcage schmückte die Arena. Sein Dreiliter-Vierzylinder entwickelt 250 PS, weitere Besonderheiten sind der engmaschige, ultraleichte Gitterrohrrahmen und die Transaxle-Kraftübertragung. Das andere Extrem des feudalen Herrschaftswagens repräsentierte auch bei RM das Rolls-Royce Phantom II Torpedo-Cabriolet von 1934, bekannt als Star of India. Das polierte Aluminium von Rädern, Motorhaube und Kotflügeln wirkt so, als wäre der Dienstwagen des Maharadscha von Rajkot 1934 vom Coachbuilder Thrupp & Maberley in flüssiges Sterlingsilber getaucht worden. Auf der Techno Classica gab er bereits sein zweites Gastspiel.

Es gab auch Schnäppchen auf der Techno Classica 2010

Patinierte Scheunenfunde faszinieren oft mehr als hyperperfekte High-End-Restaurierungen. Wunderbar der in Würde gealterte Facel Vega FV3 von 1957 bei Christoph Grohe, unwiderstehlich das Veritas Nürburgring Coupé mit Heinkel-Sechszylinder in der Galeria auf dem Stand von Classic Days Schloss Dyck. Die Begeisterung für gelebte Patina zielt vor allem auf den 300 SL.

Mercedes-Benz Classic präsentierte in Halle 1 den neuen Supersportwagen SLS AMG und ließ dabei die Ahnengalerie berühmter Sportwagen aufmarschieren. Im Windschatten dieser Hall of Fame duckte sich verschämt ein knallroter 300 SL Flügeltürer mit pergamentfarbenem Leder, ein von der Sonne patiniertes USA-Modell mit ölvernebeltem Motor. Es fand den Beifall vieler Zuschauer und sollte vor dem Schicksal bewahrt werden, bald so auszusehen wie alle anderen 300 SL, nämlich neuer als fabrikneu.

Um die Wette strahlte auch das Rometsch Beeskow-Zwillingspaar Coupé und Cabriolet auf dem Stand der Autostadt. Diese perfekt restaurierten VW-Juwelen der Fünfziger wurden so opulent im Stil der Zeit gestaltet, dass im Vergleich sogar ein 190 SL schlicht wirkt. Damals durften sie nach einem Nordhoff-Veto nur auf gebrauchten Käfern entstehen.

Doch wer angesichts dieser Preziosen in Essen die Bodenhaftung verloren hatte, der konnte sich auch leicht wieder erden. Auf dem Freigelände lockte ein Mercedes 260 SE, perlmuttgrau, kaum Rost, etwas vernachlässigt für nur 3.950 Euro - Verhandlungsbasis versteht sich.

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