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Thomas Hanna und seine Ponton-Manufaktur

Wirtschaftswunder: Thomas Hanna und seine Ponton-Manufaktur

Ponton-Manufaktur Foto: Hardy Mutschler 10 Bilder

Für Thomas Hanna dreht sich alles um den Ponton. Der Diplom-Kaufmann machte sein Hobby zum Beruf, das rundliche Statussymbol der Nachkriegsära ist seine Welt. Mehr denn je liegt der vielseitige Volks-Mercedes im Trend.

15.05.2009 Alf Cremers Powered by

Er lebt für den Ponton. Seit rund 15 Jahren gibt Thomas Hanna alles für die pummelige Mittelklasse-Limousine, die einst eine neue Ära bei Daimler-Benz einläutete.

Komplexes Zahlenwerk: Die internen Codes
 
Er fährt sogar Langstrecken-Rallyes mit seinem gelb-schwarzen Renn-Ponton. Vier Mal startete er bei der gnadenlosen Carrera Panamericana in Mexiko. Schon als Führerscheinneuling mit 18 fuhr Hanna Mercedes. Eine Heckflosse zwar, die Richtung stimmte bereits, kurze Zeit später folgte ein Ponton 190 Db. Er ist ein Überzeugungstäter mit Leib und Seele - keiner, der sich als nostalgische Geschäftsidee eine lukrative Marktnische ausgedacht hat. Bei Hanna geht es um mehr, um Herzblut und Leidenschaft.
 
Im lebhaften Gespräch jongliert er schwerelos, aber nicht belehrend mit werksinternen Codes, W 120 steht für den 180, W 121 für den 190, so heißt aber auch der 190 SL. W 180 bezeichnet den S-Sechszylinder, der SE heißt dann aber schon wieder W 128, der seltene 219 gar W 105. Von den Feinheiten der Modellpflege, apostrophiert vom kleinen Alphabet, ganz zu schweigen: 180 b und 190 b ab 1959 mit breiter Kühlerattrappe und Stoßstangen ohne Hörner. 180 Dc dito, aber nur von 1961 bis 1962 schon mit dem modernen Zweiliter-OHC-Dieselmotor OM 621, statt des stoisch langsam laufenden und langhubigen OM 636. Aber Vorsicht, der 190 Dc ist schon eine Heckflosse. Hanna mag die Diesel, sie passen zum herben Charme des Ponton. Die Solidität beeindruckt ihn: "Sehen Sie sich die stabile Bodengruppe an, sie zeigt deutlich das Profil des 170er-Rahmes."
 
Der Ponton, der Mercedes-Urmeter
 
Für den gelernten Diplom-Kaufmann verkörpert die volkstümliche Mercedes-Mittelklasse noch 56 Jahre nach ihrer Präsentation ein hervorragendes und stets zeitgemäßes Auto. "Es ist solide, komfortabel, fahrsicher, sparsam und hat den Charme der Fünfziger. Für mich ist es eine Art Mercedes-Urmeter." Knapp bringt Hanna die Ponton-Vorzüge auf den Punkt, die gerade unter dem heute oft bemühten Aspekt der Nachhaltigkeit von selbst zünden wie der Diesel unter seiner Haube.
 
"Vollrestaurierte Exemplare oder solche mit sehr guter originaler Substanz, die immer wieder auftauchen, überdauern sorgfältig hohlraumversiegelt und mit Lokari-Innenkotflügeln versehen, klaglos die Jahrzehnte. Die Motoren, ob Vier- oder Sechszylinder, Diesel oder Benziner, ob mit seitlicher oder obenliegender Nockenwelle ausgerüstet, erreichen sehr hohe Laufleistungen bis zur fällig werdenden Überholung. Das gilt auch für Getriebe und Achsantrieb." Das aufwendige Fahrwerk mit der Doppelquerlenkerachse vorn und der ab 1955 eingeführten spurstabilen Eingelenk-Pendelachse war richtungsweisend bis zum 280 SE 3.5 von 1972. Selbst der antiquierte, seitengesteuerte Vierzylinder- Benziner im frühen 180 a mit zahmen 52 PS hat seine Reize: "Er läuft unerhört leise und weich", schwärmt der Mercedes-Experte.
 
"Ein Ponton bietet Oldtimergenuss ohne Reue", sagt Hanna, während er uns in einem weinroten 190 Db spazierenfährt. "Ein originales Auto mit guter Substanz, erklärt er, entspannt am großen Lenkrad drehend. "Auch 50 PS können glücklich machen, sieben Liter Diesel für vier Personen plus Gepäck auf 100 Kilometer reichen. Ein urwüchsiges Fahrvergnügen für 15.000 Euro, komplett restauriert kosten sie als echte Langzeitautos das Doppelte." Mit knapp 600.000 gebauten Exemplaren war die Ponton-Baureihe der erste Volks-Mercedes.

Rar und teuer: Cabriolets und Coupés des Volks-Mercedes
 
Dank ihrer breiten Palette umfasste sie das gesamte soziale Spektrum der Wirtschaftswunderzeit vom Bauerndiesel 180 D über den Handelsvertreter- Typ 190 bin hin zum Chauffeurwagen 220 S. An der Spitze der Werteskala stehen einsam die glamourösen, handgefertigten Coupés und Cabriolets für die damalige High Society aus dem Magazin Film und Frau. Inzwischen hat das Ponton-Cabriolet preislich sogar den 190 SL klar überholt, für gute Exemplare werden 110.000 Euro bezahlt.
 
Ein paar Jahre später leistete sich Schlagersängerin Alexandra ein gebrauchtes 220 S Coupé - eines von nur 830 Exemplaren. "Reines Kunsthandwerk", schwärmt Hanna.
"Kaum ein Karosserieteil ist mit dem 180 identisch. In seiner stilvoll dekorierten Gewölbe-Werkstatt entsteht gerade das 58er 220 SE Coupé von Werkstattleiter Henry Wagner neu, den kupferfarbenen Lack musste es als Verbrauchtwagen in den Siebzigern über sich ergehen lassen. Hier in Hallbergmoos wird gewartet, repariert, überholt und zusammengebaut. Blech- und Lackierarbeiten lässt Hanna in Polen machen. Anders rechnet es sich bei den Limousinen nicht, selbst ein 220 S ist eben kein Flügeltürer.
 
Für den Ponton sprechen die beinahe lückenlose Ersatzteilversorgung, gute Alltagstauglichkeit und die mögliche Anpassung an heutige Bedürfnisse. Hanna macht's möglich. Sein Optimierungs-Repertoire reicht vom Einbau eines Faltschiebedachs über das Nachrüsten eines Bremskraftverstärkers bis hin zum Dieselumbau oder zur Wahl einer längeren Hinterachsübersetzung. Die macht vor allem die Sechszylinder bei Autobahntempo leiser und sparsamer. Sogar eine Elektro-Servolenkung soll bald realisiert werden, Hydraulik passt nicht rein.

Ponton-Kombi als Universalwerkzeug

Hanna hat früher ein paar Semester Maschinenbau studiert und bei der Bundeswehr in einer Instandsetzungskompanie gearbeitet, dort holte sich das Schraubertalent die Grundlagen für sein späteres Schaffen. Neun Mitarbeiter auf freiberuflicher Basis unterstützen ihn in der Pontonmanufaktur, Altmeister Peter Karbach hat gerade einen Dieselumbau in einem kieselgrauen 190 b vollendet. Hanna betreut nicht nur im Großraum München viele Stammkunden, sondern auf der Bühne steht auch ein hellblauer 190 b mit Darmstädter Kennzeichen - ein Top-Auto, das lediglich eine größere Inspektion braucht. Hannas Lieblingspontons sind die Kombis, seinerzeit von den Karossiers Binz und Miesen eingekleidet. "Da wird der Ponton dann zum Universalwerkzeug, ein Auto wirklich für alle Fälle. Oder fürs Leben", sagt Hanna.
 

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