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Todt

"Ich bleibe der Feuerwehrmann"

In der vergangenen Saison hat Ferrari-Teamchef Jean Todt alle Höhen und Tiefen des Rennsports erlebt. Im Interview spricht der Franzose darüber, warum er künftig etwas kürzer treten will, über sein Verhältnis zu Ferrari-Boss Montezemolo und wie es bei der Scuderia weitergeht.

04.01.2008 Powered by

Warum haben Sie den Rennleiterposten abgegeben?
Todt: Nachdem Luca di Montezemolo 2004 zuerst zum Präsidenten der Arbeitgebervereinigung und dann zum Fiat-Präsidenten gewählt wurde, hat mich Ferrari zum Generaldirektor ernannt. Seit Oktober 2006 leite ich das operative Geschäft bei Ferrari. Den Posten des Rennleiters hatte ich als Übergangslösung obendrein. Die Doppelbelastung konnte nur eine Übergangslösung sein. Es war nur eine Frage des richtigen Zeitpunktes und des geeigneten Nachfolgers. Trotz einiger Probleme und unerfreulicher Nebengeräusche verlief die Saison für Ferrari sehr gut. Damit war der geeignete Moment gegeben, den Rennleiter-Posten neuen Leuten innerhalb der Firma zu überlassen. So entstand die neue Struktur mit Stefano Domenicali als Leiter der Sportabteilung, Mario Almondo als Geschäftsführer, Aldo Costa als technischer Direktor und Gilles Simon als Motorenchef. Was nicht heißt, dass ich mich vom Motorsport ganz verabschiede. Ich ziehe mich aus dem Tagesgeschäft zurück, werde aber sicher hin und wieder bei einem Grand Prix auftauchen.

Im Motorsport müssen Sie sich alle 14 Tage beweisen. In der Produktion von Straßenautos sind die Zeiträume größer. Wird Ihnen der permanente Wettbewerb fehlen?
Todt: Chef von Ferrari zu sein ist für sich genommen schon eine große Herausforderung. Es stimmt aber, dass das Geschäft mit Straßenautos friedlicher verläuft, und wir befinden uns als Hersteller von Luxusautos mit unserem Namen in einer privilegierten Stellung. Aber unterschätzen Sie dieses Geschäft nicht. Eine falsche Entscheidung kann vielen Leuten den Job kosten. Das gilt bei einem Großserienhersteller noch viel mehr als bei uns, die wir im Jahr 6.000 Autos bauen. Vergessen Sie bitte nicht, dass unser Rennteam in die Firma integriert ist. Das ist nicht ein abgekoppelter Zweig, der für sich allein lebt.

Spüren Sie Trauer, dass das Sportkapitel zu Ende ist?
Todt: Ich hatte soviel Glück in meinem Leben, dass ich darüber nicht traurig ein kann. Mein Leben teilt sich in vier Kapitel. Im ersten, bis 20, war ich ein Schuljunge. Dann folgten 15 Jahre als Rallye-Beifahrer. Mein letzter Einsatz war die RAC-Rallye 1981. Sie endete an einem Donnerstagabend. Am Freitag morgen bezog ich mein Büro in der Avenue de Grande Armée, Nummer 46, als Peugeot-Sportchef. Am 30. Juni 1993 ging die Ära Peugeot zu Ende. Einen Tag später kam ich als Ferrari-Rennleiter in Magny-Cours an. Es gab nie eine Verschnaufpause. Das ist mein Leben, und an dieser Dynamik wird sich nichts ändern. Ich bin im Kopf jung geblieben, immer noch motiviert, und offen für andere Herausforderungen oder Interessen. Ich bin kein Mensch für die Rente. Solange es mir meine Gesundheit erlaubt, werde ich in irgendeiner Form aktiv sein.

Wird sich Ihr Arbeitstag nach Wegfall der Doppelbelastung verkürzen?
Todt: Fragen Sie meine Freundin Michelle. Mein Kopf ist immer bei der Arbeit. Wenn ich mein Büro bei Ferrari verlasse, kümmere ich mich um meine medizinische Stiftung ICM (Institut du cerveau de de la moelle épinère), die sich mit der Heilung von Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer beschäftigt, die auch von Michael Schumacher unterstützt wird. Zur Zeit sind das nur fünf Prozent meiner Zeit. Es wäre besser für das Projekt, wenn es 50 Prozent wären. Zum Glück bin ich heute freier in meiner Entscheidung, was ich tun will als noch vor zehn Jahren.

Es wird kolportiert, dass Luca di Montezemolo wegen Spannungen mit Fiat-Chef Macchione zurück auf seinen alten Posten bei Ferrari will. Wären Sie da im Weg?
Todt: Worüber bin ich am meisten stolz, wenn ich auf meine Ferrari-Zeit zurückblicke? Das ich 15 Jahre in diesem Job überlebt habe und immer noch in der Lage bin, selbst über meine Zukunft zu entscheiden. Das ist ein Rekord. Ich habe mit Montezemolo kein Problem. Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung. Ich bin eben kein Ja-Sager. Wir diskutieren das offen aus. Ich bin zufrieden, solange ich Ferrari helfen kann und solange ich zu den Entscheidungsträgern zähle. Welcher Posten auf dem Papier steht, ist egal. Man hat Autorität oder man hat sie nicht. Ich muss niemandem in der Firma sagen, dass ich der Boss bin. Sie wissen das. Trotzdem pflegen wir einen freundschaftlichen Ton miteinander. Mein Verhältnis zu meinen Angestellten war nie nur eine bloße Geschäftsbeziehung.

Warum bekam Stefano Domenicali den Posten und nicht Ross Brawn?
Todt: Ross ist ein sehr guter Mann. Die Erfolge mit Ferrari sprechen für sich. Wir haben lange miteinander gesprochen, was für Ferrari das beste wäre und was für ihn. Es war nicht so, dass uns Ross vor vollendete Tatsachen gestellt hätte oder wir ihn. Langfristig ist es für beide Parteien besser, dass er für Honda arbeitet und wir den Rennleiterposten intern besetzen. Ross ist jetzt ein Wettbewerber, aber er wird ein Freund von mir und Ferrari bleiben.

Sind die Schuhe, die sich Ihre Nachfolger anziehen müssen, nicht ein bisschen zu groß?
Todt: Ich bin ja nicht weg. Es wird einen fließenden Übergang geben. Keiner ist unersetzbar. Ich habe immer gesagt, dass ich der Feuerwehrmann der Firma bin. Diese Funktion kann ich auch auf einem anderen Posten noch ausüben. Solange ich in diesem Geschäft bin, werde ich es verfolgen, werde meine Meinung einbringen. Aber ich klebe nicht an meinem Sessel wie viele andere Teamchefs. Für sie ist der Job ihr Leben.

Sind Sie in Zukunft für Stefano Domenicali ein Vorgesetzter oder ein Ratgeber?
Todt: Ich bin sein Boss.

Braucht die Formel 1 neue Gesichter an der Spitze der Teams?
Todt: Neue Gesichter ist so einfach gesagt. Eine Verjüngungskur macht nur Sinn mit kompetenten Leuten. Das Alter spielt keine Rolle. Es kommt auf die Einstellung an. Manche Leute haben gute Grundlagen, aber sie stehen sich mit ihrem Ego selbst im Weg. Ich vergleiche eine Firma mit einem Bankkonto. Jeder Angestellte hat seinen Wert. Wenn er ersetzt wird, sollte man schauen, dass der Kontostand nicht sinkt. Nehmen wir die Fahrerfrage. Mit Michael Schumacher haben wir einen Wert verloren, sagen wir zehn. Mein Job war es, eine andere zehn zu finden. Hätte ich nur eine neun gefunden, hätte ich die fehlende eins an anderer Stelle kompensieren müssen.

Auch nach einem Jahr Pause kann Michael Schumacher noch Bestzeiten fahren. Ist er immer noch der Beste?
Todt: Nein. Das sind emotionale Einstufungen. Rundenzeiten bei Testfahrten haben nur eine bedingte Aussagekraft, wenn man nicht weiß, wie sie zustande kommen. Es spielen so viele Dinge mit rein: Benzinmenge, Reifenzustand, Streckenbedingungen. Leider leben wir in einer Welt, die nicht mehr differenziert. Jeder weiß, wie hoch ich Michael einschätze. Aber wie soll ich ihn mit Juan-Manuel Fangio oder Jim Clark vergleichen? Andere Zeiten, andere Umstände. Jeder Fahrer ist auch von seinem Team und Auto abhängig. Michael war 1994 und 1995 Weltmeister und hat in seinem ersten Jahr mit Ferrari mit Mühe drei Grand Prix gewonnen. Warum? Weil das Auto nicht konkurrenzfähig war. Nehmen Sie das Beispiel Hamilton. Nach seiner ersten Saison ist man versucht zu sagen, dass er der beste Fahrer der Geschichte ist. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass er in einem der besten Autos gesessen ist. Clark, Senna, Prost, Alonso oder Michael in der gleichen Situation hätten das gleiche daraus gemacht.

Hätte Schumacher einen guten Teamchef abgegeben?
Todt: Er wäre der beste Kandidat für diesen Job gewesen, aber er wollte es nicht.

Sie haben als Schumacher-Ersatz Räikkönen statt Alonso gewählt. Fühlen Sie sich heute bestätigt?
Todt: Kimi zählt seit fünf, sechs Jahren zu den besten Fahrern. Deshalb habe ich auch nie die Leute verstanden, die von seinen Leistungen in der ersten Saisonhälfte enttäuscht waren. Ist Kimi besser oder schlechter als Alonso? Ich kann es nicht beantworten. Für mich sind beide exzellente Rennfahrer. Das Auto macht den Unterschied. Ich habe Kimi gewählt, weil er von seinem Charakter her besser in unser Team passt.

Wie groß ist die Gefahr, dass Räikkönen seine Karriere vor Ablauf seines Vertrages beendet?
Todt: Ich bin sicher, soweit man sich in diesem Punkt sicher sein kann, dass Kimi bei Ferrari happy ist. Er liebt das Fahren. Wir wissen, dass er bestimmte Dinge nicht gerne tut, deshalb verlangen wir sie auch nicht von ihm. Rennfahrer sind zwar auch nur Angestellte, aber sie stehen von allen Mitarbeitern am meisten unter Druck. Wenn sie nicht funktionieren hat das für die Firma größere Konsequenzen als wenn die Telefonistin ihre Arbeit schlecht macht. Deshalb versuche ich, das Leben der Fahrer so angenehm wie möglich zu gestalten. Bis jetzt kann ich nur eines sagen: Immer, wenn wir Kimi gebeten haben etwas zu tun, hat er es gemacht.

In Ihrem Büro in der Ferrari-Rennabteilung hängen viele Fotos mit Siegerehrungen. Welches werden Sie in Ihr neues Büro mitnehmen?
Todt: Ich werde sie alle mitnehmen. Jedes Foto ist eine Erinnerung. Eine Trophäe. In meiner Ära hat Ferrari 98 Grand Prix gewonnen. Warum soll ich einen Sieg über den anderen stellen?

Wieviele Emotionen darf man sich als Teamchef von Ferrari erlauben?
Todt: Man hat immer Emotionen, manchmal mehr als die Leute, die sie offen zeigen. Wichtig ist es, sie zu kontrollieren. Viele können das nicht und zahlen dafür ihren Preis.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Presse bezeichnen?
Todt: Es war nicht das beste, und das lag auch an mir. Aber ich bin derjenige in der Firma, der den Kopf hinhalten muss. Das ist der Preis, den ich zahlen muss. Wenn ich kritisiere, muss ich auch einstecken können. Für mich ist die Realität wichtig, nicht das, was andere als Realität verkaufen. Ich kann mich nicht beklagen. Ich durfte im Rallyesport mit den besten Piloten fahren, ich habe mit dem berühmtesten Rennstall der Welt seit 1993 fast 50 Prozent aller 201 Siege der letzten 60 Jahre und 13 WM-Titel eingefahren. Das sind Fakten. Das zählt. Ich kann in den Spiegel schauen. Das ist wichtiger als eine wohlgesinnte Presse.

Sie haben einmal gesagt, dass es nach Ferrari keine Herausforderung mehr gibt. Wäre die Position des FIA-Präsidenten eine?
Todt: Das ist keine Frage, die ich heute beantworten muss. Max Mosley macht trotz aller Anfeindungen einen guten Job. Ich strebe nicht nach seiner Position, im Gegenteil, ich wünsche mir, dass er sie fortführt.

Was war die schmerzlichste Stunde in Ihrer Zeit als Ferrari-Rennleiter?
Todt: Das schlimmste war Michaels Unfall 1999 in Silverstone. In so einem Moment vergisst du alles. Da spielen Resultate keine Rolle mehr. Enttäuschungen gab es viele. 1997 zum Beispiel, als Michael die WM zehn Minuten vor der Zielflagge durch die Kollision mit Jacques Villeneuve verlor. Seither zähle ich die letzten Runden nicht mehr in Runden sondern in Minuten. 1998 und 1999 haben wir den Titel wieder im letzten Rennen verspielt. 2006 schmerzte, weil wir die Weltmeisterschaft gewinnen hätten müssen. Und dann natürlich die unangenehmen Begleiterscheinungen in diesem Jahr.

Sie meinen die sogenannte Spionage-Affäre mit McLaren.
Todt: Die einzige gute Nachricht dieser schmutzigen Geschichte ist, dass die Zeit die ganze Wahrheit ans Licht bringen wird. Dann werden die Kritiker des Urteils gegen McLaren ihre Meinung ändern müssen.

Was war für Sie die größere Enttäuschung: Dass ein Mitarbeiter Ferrari bestohlen hat, oder dass Mitarbeiter eines fremden Teams diese Informationen angenommen haben?
Todt: Es ist mir immer noch unverständlich, dass sich ein Team, das ich respektiere, sorry, das ich einmal respektiert habe, für seine Professionalität, für seine Organisation und für seine Resultate, in so eine Sache hat hineinziehen lassen. Ich will da nicht leichtfertig urteilen, aber hier gibt es Fakten. Ich verstehe nicht, dass bei McLaren keiner die Bremse gezogen hat. Dass eine Geschichte, die klein angefangen hat, derart ausufern durfte. Das ist so, als würden Sie eine rote Ampel übersehen und weiterfahren, obwohl sie die Polizei auffordert stehenzubleiben. Würden Sie anhalten, kostet es Sie vielleicht für ein paar Monate den Führerschein. Aber da ist jemand einfach weitgergefahren und hat alles nur viel schlimmer gemacht. Als alter Wüstenfuchs ein Rat: Wenn du dich verläufst, kehre zum Ausgangspunkt zurück.

Müssen Sie als Konsequenz Ihren eigenen Mitarbeitern gegenüber mehr Misstrauen entgegenbringen als sie das eigentlich verdienen?
Todt: Jedes Misstrauen hat seine Grenze. Muss ich jeden Abend, wenn ich die Firma verlasse, beim Werksschutz meinen Aktenkoffer öffnen? Mit den technischen Möglichkeiten von heute ist das sowieso nicht hundertprozentig zu überwachen. Schauen Sie sich dieses Handy an. Da gibt es Spezialisten, die speichern ihnen das komplette Wissen einer Firma drauf. Das zu überwachen, würde eine geregelte Arbeit, ein gutes Miteinander in der Firma unmöglich machen.

Die Formel 1 trifft sich im Kleinen und Großen immer öfter in einem Gerichtssaal. Läuft da etwas schief?
Todt: Das ist der Preis für gestiegene kommerzielle Interessen. Je größer der Wettbewerb, je bedeutender die Bühne, umso mehr werden einige Leute versuchen die Grenzen auszuloten, um vorne zu stehen. Man kann sagen, dass es weniger Konflikte gäbe, wenn die Regeln weniger Interpretationsspielraum zuließen. Leider wird der Sport immer komplizierter, und mit ihm die Regeln. Deshalb ist es wichtig, den Leuten die Konsequenzen aufzuzeigen, wenn sie die Grenze überschreiten.

Wieviele Grand Prix werden Sie nächstes Jahr besuchen?
Todt: Ich weiß es nicht. In den letzten 15 Jahren habe ich davon geträumt, mir mal einen Grand Prix in Ruhe am Fernsehschirm anschauen zu können. Aber egal, ob ich an der Rennstrecke bin oder nicht, wird für mich ein Grand Prix immer Anspannung sein. Das wird sich erst ändern, wenn ich einmal nicht mehr für Ferrari arbeite.

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