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Tageszulassungen setzen Automarkt unter Druck

Nummernschild Foto: Reinhard Schmid 60 Bilder

Mit günstigen Tageszulassungen überschwemmen die Hersteller den Markt, um die Nachfrage bei Privatkunden anzukurbeln. Doch was als Verkaufsförderung gedacht war, entwickelt sich immer mehr zum großen Problem für die Branche und die Autokäufer.

13.01.2015 Henning Busse

Die Krise lässt sich an einer Zahl festmachen: Nur noch gut ein Drittel aller Neuzulassungen entfallen auf Privatkunden. Zwar kommen mehr Arbeitnehmer in den Genuss eines Dienstwagens, doch das alleine reicht nicht, um den Abwärtstrend am deutschen Automarkt zu stoppen. Fakt ist: Immer weniger Menschen kaufen neue Autos.

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Wirtschaft Tageszulassungen
auto motor und sport 02/2015
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20 - 35 Prozent Rabatt dank taktischer Zulassungen

Um diesen Trend zu stoppen, setzt die Fahrzeugbranche ihre Hoffnungen auf die sogenannten taktischen Zulassungen – besser bekannt unter dem Begriff Tageszulassungen. Das heißt: Hersteller oder Händler lassen für einen kurzen Zeitraum ein Fahrzeug zu, ohne es zu bewegen, und bringen es dann wieder in den Verkauf. Das drückt gleich mal den Preis, und zwar deutlich – in der Regel bewegt sich der Rabatt abhängig vom Modell sowie von der Fahrzeugklasse zwischen 20 und 35 Prozent.

Derzeit steht der Handel voll von diesen Angeboten: So berichten zum Beispiel die Analysten von EurotaxGlass’s in einer Studie, dass bei manchen Automarken bereits eine Quote bei den Kurzzeitanmeldungen von 50 Prozent erreicht sei. Das heißt: Jedes zweite neu angemeldete Auto ist auf den Hersteller oder einen Händler zugelassen. Und auch die Zahlen vom Marktbeobachter Dataforce lassen darauf schließen, dass sich viele Tageszulassungen im Markt befinden. Demnach ließ die Branche allein von Januar bis November 2014 insgesamt 832.626 Neuwagen auf sich zu – was mehr als drei Prozent über dem Vorjahreszeitraum lag.

Mit anderen Worten: Jeden dritten Neuwagen hat die Branche selbst angemeldet. Zwar sind das nicht alles Tageszulassungen. Doch teilt man diese unglaubliche Zahl durch alle Autohäuser in Deutschland, hätte jeder der rund 25.000 Betriebe etwa 30 Vorführwagen auf dem Hof stehen. Das kann nicht sein, was allein schon unser Händlertest gezeigt hat. Probefahrten wurden den Testern nur selten angeboten.

Stetiger Wertverfall

Doch wo ist das Problem? Je günstiger ein neues Auto, umso besser für uns Kunden, oder? An was viele nicht denken, ist die Tatsache, dass dadurch die Restwerte unter Druck geraten. Steigen die Nachlässe weiter, steigt auch der Wertverlust der Fahrzeuge. Was passiert am Markt? Der Kunde, der sich normalerweise nur einen Gebrauchtwagen leisten kann, bekommt jetzt für eine vergleichbare Summe bereits einen tageszugelassenen Neuwagen. Mit der Folge: Der Gebrauchtwagen erzielt seinen Preis nicht mehr, wird deutlich unter Wert verkauft. Das Ergebnis ist ein stetiger Wertverfall, dessen Folgen auch der Käufer des heutigen Schnäppchens später zu spüren bekommen wird. Auch er wird für sein Auto einmal wesentlich weniger erhalten.

Das ist keine Übertreibung. Um was für eine Summe es da geht, belegt ein Rechenbeispiel. So beziffert die EurotaxGlass’s-Studie den möglichen Schaden in Deutschland im so wichtigen Flottengeschäft – also dem Geschäft mit den Dienstwagen – auf bis zu 428 Millionen Euro in den kommenden drei Jahren. Mit anderen Worten: Diese Summe müssen die Hersteller aufbringen, um die sinkenden Restwerte im Großkunden- und Leasinggeschäft auszugleichen.

Verhaltener Erfolg

Da stellt sich dem Betrachter die Frage, ob das System der Tageszulassungen in diesem Stil noch lange tragbar ist. Zumal sich der Erfolg, mehr Privatkunden zum Fahrzeugkauf zu animieren, in Grenzen hält – dieser Markt bleibt ein Sorgenkind. Das zeigen die Statistiken des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Da die Kurzzeitzulassungen beim Verkauf und der folgenden Zulassung häufig nur noch als Gebrauchtwagen angesehen werden, macht das KBA in der Zulassungsstatistik ein Häkchen im Feld "Besitzumschreibung". Mit anderen Worten: Wenn dieses Mittel zur Verkaufsförderung sehr erfolgreich wäre, müsste man dies an der Statistik erkennen.

Schließlich haben die Anmeldungen auf den Handel und die Hersteller bis kurz vor Jahresende 2014 noch einmal zugelegt. Doch bis November war kein Plus, sondern ein leichtes Minus (rund ein Prozent) bei den Gebrauchtwagen-Umschreibungen gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Die Branche sollte deshalb ihr Verhalten überprüfen und umdenken. Denn wenn es so weitergeht, gibt es am Ende keine Gewinner, sondern nur Verlierer.

Überkapazitäten eines der größten Probleme

Erste Anzeichen einer Besserung sind bereits zu vernehmen. VW und Peugeot zum Beispiel haben ihre taktischen Zulassungen zurückgefahren. Während sich der deutsche Volumenhersteller über die exakte Zahl ausschweigt, verkünden die Franzosen voller Stolz, den Wert auf 30 Prozent all ihrer Fahrzeuganmeldungen gesenkt zu haben. Das klingt gut, ist aber immer noch sehr viel.

Das Problem überhaupt in den Griff zu bekommen, dürfte angesichts der Situation in der Wirtschaft schwierig sein. Eines der großen Probleme, mit denen die Autohersteller in Europa zu kämpfen haben, sind die Überkapazitäten. Seit sechs Jahren verzeichnet der Markt ein Minus beim Absatz, doch die Marken produzieren immer noch mehr Fahrzeuge, als sich zu vernünftigen Preisen absetzen lassen.

Deshalb werden mit sogenannten taktischen Zulassungen große Kontingente an Neufahrzeugen in den Markt gepresst. "Die Fabriken müssten mal eine Weile die Luft anhalten. Und nicht nur ausatmen, wie sie es seit Jahren tun", fordert Jürgen Karpinski, Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), von den Automobilherstellern.

Ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist. Somit geht das Spiel weiter: Die Branche jammert über die Situation, der Kunde freut sich – zumindest am Anfang – über günstige Angebote. Davon ist auch Jürgen Karpinski überzeugt: "Da unser gesättigter Markt mit Fahrzeugen vollgepumpt wird, dient der Listenpreis zurzeit eher als Rabattrichtlinie."

Fakten

Tageszulassungen bringen das Rabatt-Niveau durcheinander

Für Jürgen Karpinski, Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), löst die Überproduktion das Problem mit den Tageszulassungen aus. Die Hersteller müssten das in den Griff bekommen, fordert er. Doch danach sieht es derzeit nicht aus – im Gegenteil. Mittlerweile lassen Handel und Hersteller rund ein Drittel aller Neuwagen zu, die später als richtige Schnäppchen in den Verkauf gehen und das Neuwagengeschäft unter Druck setzen.

Neuzulassungen

Der Beweis: Immer weniger Privatkunden

Die Zulassungsstatistik des Kraftfahrt- Bundesamtes (KBA) zeichnet ein trübes Bild, wenn man die Auswertung von Januar bis November 2014 nach den gewerblichen Anmeldungen auflistet. So haben Autos wie der Ford Mondeo oder der VW Passat nicht einmal mehr zehn Prozent Privatkundenanteil. Viele beliebte Modelle sind nur erfolgreich, weil der Gewerbemarkt sie stützt. Unter den gewerblichen Anmeldungen verstecken sich auch die Tageszulassungen.

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