Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows

Tops & Flops Retro Classics 2016

Schönheit und Grauen in Stuttgart

Tops und Flops der Retro Classics Foto: Motor Klassik 81 Bilder

Die Motor-Klassik-Redaktion hat sich an 4 Tagen auf der Retro Classics umgeschaut - und strahlende Schönheiten sowie Spachtel-Hütten gefunden. Das Angebot war groß, die Preise hoch, sehen Sie selbst.

21.03.2016 Kai Klauder Powered by

Die Retro Classics in Stuttgart ist ein Gradmesser der Oldtimer-Szene: Hier gibt es das größte Angebot an den Helden von Porsche und Mercedes - Porsche 911 und Mercedes W124, W126 und R107 gibt es sogar in Wunschfarbe zu kaufen. Die Preise sind allerdings - auch das ist typisch Retro Classics - sehr selbstbewusst veranschlagt.

Die Hallen waren im Jahr 2016 bei der Retro Classics noch besser gefüllt als je zuvor. Das ist natürlich auf der einen Seite schön, denn dann bekommt man mehr für sein Eintrittsgeld, könnte man meinen. Doch leider ist auch viel mehr los. Das freut natürlich den Veranstalter, doch die Besucher haben Schwierigkeiten, das komplette Angebot zu sehen - und "sehen" meinen wir im Wortsinn. Schon am Freitag sind die Hallen so gut gefüllt, dass man für einen freien Blick auf die Exponate und Angebote sehr viel Geduld benötigt.

Wir haben uns an den vier Messetagen in allen Hallen umgesehen und unsere persönlichen Tops und Flops gewählt. Wir zeigen sie in unserer Fotoshow.

Die Highlights von Alf Crmeers gibt es hier in voller Länge - die Bildunterschriften hätten sonst das Layout gesprengt.

Alf Cremers' Top 1: Mercedes 220 S Coupé (W111)

Das weiße Mercedes 220 SE Coupé lockt schon von weitem mit seiner extravaganten Zweifarben-Lackierung und den gelben Nebelleuchten. Es ist Baujahr 1964, hat 120 PS und wurde technisch vom Anbieter dem Mercedes-Restaurierer Lothar Schairer überholt, der mir das Auto ausführlich präsentiert. TÜV und H-Kennzeichen sind beim Kauf neu. Holz, Leder und die nur an wenigen Stellen geschweißte Karosserie zeigen eine authentische Patina. Der Preis von 29.900 Euro für diesen Exponent mondäner Mercedes-Eleganz ist mehr als günstig. Wer im Detail mehr Perfektion möchte, kann dies sukzessive tun, die Basis ist gesund und der Preis wirklich fair.

Alf Cremers' Flop 1: Porsche 911, Baujahr 1966

Kurzer Radstand, charmante Stahlfelgen, grün beschriftete Instrumente á la 356, diese drei Merkmale elektrisieren Porsche Liebhaber. Auf den Schweizer Garagenfund am Stand von ER Automobile Holland ist Junior-Verkaufsleiter Ernst van Kempen besonders stolz. Der 130 PS starke Zweiliter-Porsche kostet 105.000 Euro. Doch der Charme morbider Unberührtheit will sich nicht einstellen. Billige Plastik-Außenspiegel, ein stilistisch entgleistes Zubehör-Lenkrad und eine halb abgefallene dritte Bremsleuchte im Heckfenster

Schmälern den Reiz des filigran Porsches. Ich meine, da wird zu hoch gepokert, obwohl der Motor dreht, aber nicht läuft. Nochmal 100.000 Euro sind da schnell versenkt. Es sei denn, das Auto dient als Kunstwerk, dann müssen wir aber den Plastik-Tand behutsam tranchieren.

Alf Cremers' Top 2: Ferrari 400i Automatic

Die belgische Handelsfirma Mastercar in Hasselt bietet einen bordeauxroten Ferrari 400i für nur 59 850 Euro an. In den Premium-Hallen der Retro Classics stehen zwei, die rund das Doppelte kosten. Wer glaubt, dieser herrliche 82er Gran Turismo mit rund 90 000 Kilometern auf dem bis 300 km/h reichenden Veglia-Tacho ist eine liederliche Schönheit, sieht sich bei nahem Hinsehen getäuscht. Ich bin spontan begeistert, will sofort einsteigen und losfahren.

Langsam komme ich in das Alter soignierter Herrenfahrer. Das Ersthand-Auto verfügt über einen kompletten, penibel geführtem Wartungsnachweis. Längere tödliche Standzeiten sind nicht bekannt. das Connolly-Leder im beigen Farbton Magnolia duftet wie neu.

Der kettengetriebene Colombo-V12 leistet 310 PS, die Dreigang-Automatik stammt von General Motors.

Alf Cremers' Flop 2: Opel Senator 3.0 E

Der große Opel wirkt so lieblos auf dem großen Freigelände abgestellt, als hätte sein französischer Besitzer heute früh nach zwei Croissants mal eben beschlossen auf die Retro Classics zu fahren: Ungewaschen, das Preisschild kryptisch ausgefüllt, die schöne C-Veloursausstattung ungeschützt der Nutzung preisgegeben. Der saphirblaue Senator A ist Baujahr 1982 und hat original 82.000 Kilometer gelaufen.

Er besticht mit guter Ausstattung, die das wünschenswerte Automatikgetriebe, vier elektrische Fensterheber, eine Klimaanlage, grün getöntes Glas. Nicht gut finde ich die arg aufgesetzte Opel-Gallionsfigur auf der Motorhaube, die Farbunterschiede beider Kotflügel und die vereinzelten Rostblasen und kleinen Beulen.

Okay, ein ehrliches ungeschminktes Auto, aber auch sichtlich ungepflegt. Dafür erscheinen mir 6.700 Euro horrend viel. Man sollte mal über 4.900 Euro nachdenken. Denn vor allem dieser Interims-Senator A mit dem damals neuen funktionaleren Armaturenbrett ab August 1981 ist eine echte Rarität.

Alf Cremers' Top 3: Jaguar XJ 6, 2,8 Litre

Ich weiß, ich weiß, der kleine 2,8 Liter-XK-Motor mit 148 PS gilt als weniger standfest. Experten raten immer zum 4,2. Aber warum das so sein soll, weiß so richtig keiner. Der 2,8er ist weniger langhubig als der 4,2, das bedeutet geringere Kolbengeschwindigkeiten, aber der schwächere Motor muss

Natürlich im Fahrbetrieb mehr ausgequetscht werden. Ich mag die Außenseiter und darum erst recht diese feudale Erstserien-Limousine mit der majestätischen Grill und der üppig geschmückten Instrumententafel. Dieser hier in British Racing Green (kurz BRG) wärmt mein Herz. Er ist Baujahr 1969 und kostet nur 1.200 Euro VB.

Der kundige Text auf dem Verkaufsschild spricht überdies von der Standardversion mit Ambla-Polsterung, das ist ein täuschend echt auf Leder getrimmtes Kunstleder. Nur 5.000 Exemplare sollen von dem XJ B-Basismodell gebaut worden sein. Außerdem hat dieser XJ nicht die anerkannt träge Borg Warner-Automatik, sondern ein Viergang-Schaltgetriebe (Stickshift) mit Overdrive.

Alf Cremers' Flop 3: Mercedes 500 E

Seine beiden Brüder draußen auf dem Freigelände kosten um die 30.000 Euro und das ist schon viel. Dieser brillantsilberne Königs-124er mit schwarzem Leder outet sich, das möge für den Anbieter HW-Automobile aus München versöhnlich klingen, nur über den Preis als Flop. 42.500 Euro sind schon viel für einen zugegeben seltenen und besonderen Mercedes, des gestern erst 15.000 Euro gekostet hat.

Aber dieser Erstserien-500 E, so gerade noch vor dem E 500 aus 6/1993, 148.900 km gelaufen ist mit Abstand der beste auf der Messe. Innen makelloses schwarzes Leder, viele Extras obendrein und eine lückenlose Servicehistorie von zwei Vorbesitzern krönen diesen besonderen Wagen. Jetzt versuche ich mal den auf den ersten Blick arg überteuerten Preis mit Marktmechanismen zu erklären.

Es ist nun mal so, das für das letzte Quäntchen an Bestzustand überproportional viel bezahlt wird. Und dieser Abstand zu den „Normalos“ wird sich noch weiter vergrößern.

Alf Cremers' Top 4: Porsche 911 2,7 Coupé

Oben auf der Empore von Halle 1 steht er, im Schatten des Besucherstromes. Trotz seiner auffälligen Lackierung in Hellgelb, fällt er nicht weiter auf. Vielleicht liegt es am schüchternen Preis, dass der 76er 911 mit zahmen 165 PS viel weniger Aufsehen erreicht als seine vielen Artgenossen, hier auf der Messe, bei denen unter 50.000 Euro gar nichts mehr läuft.

37.500 Euro werden aufgerufen, TÜV- und H-inklusive. Der Wagen ist nicht gerade im Concours-Zustand trägt aber würdevoll eine authentische Patina. Viele Rechnungen sind dabei unter anderem die über einen Austauschmotor. Die Gesamtlaufleistung liegt bei stolzen 350 000 km, aber es wird Rostfreiheit attestiert. Die Kunstlederausstattung zeigt sich beinahe neuwertig und auch sonst hat dieser Porsche alles, was einen Elfer ausmacht.

Alf Cremers' Flop 4: Mercedes 350 SLC

Ich dachte felsenfest, der arme gebeutelte Jalousien-SLC hätte das Tal der Tränen klängst durchschritten. Aus der verspoilerten Luden-Karrren von einst mit dem Rosenkranz am Innenspiegel wäre ein seriöser Gran Turismo geworden. Das stimmt natürlich, weil die heruntergerittenen Karren vorzeitig der Materialermüdung und dem Rosttod zum Opfer fielen. In Halle 5 bei Grossmann Autoservice hatte ich dann plötzlich einen Flitterlack-Flash in Tigeraugen-Metallic

So nennt sich die zweite Haut des 75er 280 SLC Automatic, der zwar von Grund auf, aber ohne Rücksicht auf allzu strenge Originalität restauriert wurde und jetzt für 20.000 Euro zum Verkauf steht. Auch die Lederpolsterung ist eine eher freie Interpretation eines unbekannten Meistersattlers. Nun, in der Chrom- und Flammen-Szene tolerierbar, aber sonst nicht ganz geschmackssicher. Das Autokennzeichen SRB für Srijbia auf Deutsch Serbien, könnte auf die Herkunft dieses künstlerisch wertvollen Meisterstücks deuten.

Alf Cremers' Top 5: Alfa Romeo 2000 Berlina

Ewig im Schatten der Giulia stehend, hat sich die Bertone-Berlina wohl preislich im Zuge der Oldtimer-Hausse endlich etabliert, bietet sie doch eine exklusivere Verbreitung und deutlich mehr Auto fürs Geld.. Das Preisschild dieser herrlichen dunkelblauen Limousine mit grün getöntem Glas signalisiert selbstbewusste 19.950 Mark.

Dafür gibt es aber ein ungeschweisstes Prachtexemplar mit neuer Lackierung auf dem Stand von Car Tech, Fellbach. Weder Chrom noch Interieur zeigen Spuren besonders intensiver Sonnenbestrahlung. Auch der Kilometerstand von 89.000 klingt nachweisbar. Trotzdem müssen wir über die Summe noch einmal reden, denn der geforderte Preis liegt auf dem Niveau eines mittelprächtigen Fastback-Spiders. Und da ist die Limousine doch in Sachen offener Fahrspaß ein wenig gehandicapt. Was gemeinsam bleibt ist der großartige leicht langhubige Zweiliter-Doppelnocker, der Durchzugsvermögen mit Drehfreude auf ideale Weise verbindet.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Autokredit berechnen
Anzeige