Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Tourenwagen-Pilot Augusto Farfus

BMW-Titelaspirant: Tollpatsch oder Genie?

WTCC Brünn 2009 Foto: vWTCC 47 Bilder

Kein Tourenwagen WM-Pilot hat mehr Siege auf dem Konto, doch seine Fehlerquote ist ziemlich legendär: Augusto Farfus soll 2009 den Weltmeister-Titel für BMW holen. Kann das gut gehen?

14.08.2009 Powered by

Geht die Schublade noch mal auf, nachdem sie geschlossen wurde? Kann man ein schlechtes Image abschütteln, die Vergangenheit ausradieren? Was auch immer Augusto Farfus zu tun scheint, seine Vergangenheit holt ihn sofort ein. Viele WM-Beobachter haben ihr Urteil unverrückbar gefällt: Farfus sei zwar brandschnell im Zeittraining, doch seine Darbietungen im Rennen fallen in die Rubrik fehlerbehaftet und unkonstant.

Tollpatsch sorgt für Verdruss
 
Mit jedem neuen Unfall kommen die alten Fakten noch mal auf den Tisch. Im Juni war es wieder so weit: Augusto Farfus hatte einen schwarzen Tag, einen rabenschwarzen: Die Freude der Bajuwaren über Farfus Pole Position hielt nicht mal bis zum Ende der Start- und Zielgeraden. Um den Radius für die erste Rechtskurve nach dem Start zu öffnen, lenkte Farfus nach links - doch dort waren nicht völlig überraschend andere WM-Fahrzeuge unterwegs. Der brasilianische BMW-Werkspilot räumte den Markenkollegen Andy Priaulx sowie zwei Drittel des Chevrolet-Werksteams ab.
 
Er hätte an diesem Wochenende auf der BMW-Paradestrecke in Brünn und in einer politisch schwierigen Gesamtsituation die WM-Führung für BMW erobern können. Stattdessen profilierte er sich als der Jari-Matti Latvala des Tourenwagensports, als Tollpatsch, der seinen Kritikern die Munition frei Haus lieferte. Der unverwandelte Satzball von Brünn, der sicher 12 bis 15 Punkte gekostet haben dürfte, war auch bei BMW Anlass für Verdruss, vor allem deshalb, weil Farfus der einzige Propeller-Pilot ist, der die Seat-Stars Gabriele Tarquini und Yvan Muller noch unter Druck setzen kann.
 
Er hat ein unglaubliches Potenzial
 
BMW holte Farfus 2007 ins Entwicklungsteam zu Schnitzer Motorsport. „Er hat ein unglaubliches Potenzial und das gilt es aufzuschließen“, so Schnitzer-Teammanager Charly Lamm 2007 in Curitiba beim ersten Rennen von Farfus als BMW-Werkspilot. Farfus holte beim Debüt sofort einen Laufsieg. Das ging den Schnitzer-Jungs runter wie Öl. Der Brasilianer sollte die lange Dürre von Schnitzer Motorsport beenden, er war der Heilsbringer, das Versprechen auf die Zukunft. Das ist er zwar immer noch, aber auch BMW-intern hat sein Image ein paar Schrammen erhalten.
 
Bemerkenswerte Höchstleistungen im Zeittraining wechseln mit ebenso bemerkenswerten Unfällen in den Sprintrennen. Aus der Vergangenheit lässt sich eine dichte Indizienkette von Verfehlungen knüpfen: Macau 2008: Farfus versucht Honda-Pilot James Thompson im winkligen Bergaufstück auszutricksen, ein Unterfangen, das niemals gelingen kann. Thompson fällt aus, eine Runde später hängt auch Farfus in der Mauer. Okayama 2008: Von der Pole aus knallt sich Farfus in Führung und verbremst sich im Regen auf einer weiß lackierten Asphaltmarkierung vor der ersten Kurve - ein Anfängerfehler. Macau 2007: Farfus hat noch Titelchancen, lässt sich aber auf ein unsinniges Scharmützel mit dem bekannten Fallensteller Gabriele Tarquini ein - Auto kaputt, der greifbar nahe WM-Titel futsch. Valencia 2007: Farfus führt in der WM, wird zu Rennbeginn umgedreht, will mit unübersehbarem Übereifer drei Nachzügler in einer Kurve überholen - und landet notabene im Kiesbett.
 
Einer der schnellsten WM-Piloten
 
Natürlich gibt es auch die andere Seite von Augusto Farfus, zu der die herausragenden Darbietungen in der Qualifikation gehören. Der Brasilianer gehört beim reinen Speed fraglos zu den schnellsten WM-Piloten. Immer wieder exekutiert er im Zeittraining das maximale Potenzial des BMW 320si. Und nicht selten legt er noch eine Schippe drauf, die die Renningenieure in ungläubiges Staunen versetzt, weil er die internen Simulationen pulverisiert. Aus dem Schnitzer-Team wird berichtet, dass Farfus jedoch nicht nur einfach schnell ist und sehr oft seine optimalen Sektorbestzeiten im Zeittraining aneinanderreiht, sondern dass er auch bei der Fahrzeugabstimmung extrem akribisch zu Werke geht. Farfus spricht viel mit den Ingenieuren, verbringt Stunden bei der Datenanalyse und ist mittlerweile so sicher in seinem Urteil, dass er selber technische Modifikationen vorschlägt und nicht einfach nur Statusberichte über den Fahrzustand abliefert. „Und wenn er die Abstimmung für das Zeittraining mal nicht ins optimale Fenster bekommt, kann er auch mit Kompromissen leben und holt trotzdem das Maximum raus“, lobt Charly Lamm.
 
Dramatische Aufholjagden gehören ebenfalls zum Repertoire von Farfus wie in Monza 2008, als er von Startplatz 30 bis in die Punkte vorfuhr oder in Brands Hatch 2008, wo er sich mit großem Kampfgeist von Platz 24 auf Position 6 nach vorne zoomte, als habe er einen Achtzylinder unter der Haube. Dabei liegen Licht und Schatten bei Farfus oft nahe beieinander. Pau 2007: Obwohl er kurz vor Ende des Zeittrainings auf Platz zwei lag, riskierte er im letzten Sturmlauf alles - und schulterte seinen BMW spektakulär. Die Nachtschicht der Mechaniker belohnte er am Folgetag mit einem lupenreinen Sieg im zweiten Sprintrennen. Die WM-Statistik spricht eindeutig nicht gegen Augusto Farfus: Nach seinem dritten Saisonsieg 2009 in Brands Hatch steht er bei zwölf Laufsiegen - mehr als jeder andere WM-Pilot im Feld. Und dabei ist der Bursche gerade mal 26 Jahre alt. Schnitzer-Teammanager Charly Lamm sagte zu Saisonbeginn 2009: „Wir haben die Saison 2008 gemeinsam analysiert. Seine Qualifikationsleistungen waren immer gut - aber bei der Rennperformance musste er sich verbessern und die Fehlerquote reduzieren.“
 
In der Tat konnte man den Eindruck gewinnen, Farfus habe sich die Gardinenpredigt zu Herzen genommen: Beim vierten WM-Umlauf in Pau zum Beispiel startete der Brasilianer von der Pole Position zwar mit einem minimalen Fehler ins Rennen, doch mit einer konzentrierten Leistung und die Punktetabelle immer fest im Visier hielt er sich fern von allem Blödsinn und fuhr 16 WM-Punkte ein. „An diesem Wochenende war Farfus so, wie wir ihn haben wollen“, bestätigt Charly Lamm. Bei der Konstanz hat sich Farfus 2009 erkennbar gesteigert. BMW-intern galt immer Andy Priaulx als Maßstab - völlig zu Recht. Doch der Vergleich Priaulx gegen Farfus hinkt insofern, als BMW bis 2007 das dominierende WM-Auto hatte. Priaulx profitierte bei seinen Titelfahrten also auch von einer technischen Dominanz - von der Augusto Farfus heuer bestenfalls träumen kann.
 
Schnitzer-Pilot von BMW wurde als Titelheld auserkoren
 
Die Qualitäten von Farfus wie auch seine Fehler rücken deswegen so stark ins Zentrum der Betrachtung, weil der Schnitzer-Pilot von BMW als Titelheld der Saison 2009 auserkoren wurde. Noch weit vor der Saisonhalbzeit - offiziell seit dem neunten von 24 WM-Rennen in Valencia, in Wahrheit jedoch schon früher - scheffelt BMW Augusto Farfus per Stallregie Extrapunkte aufs WM-Konto. Damit macht BMW aus Sicht der Kritiker den Bock zum Gärtner. „Über eine volle Saison betrachtet ist Priaulx besser als Farfus, daher halte ich die Entscheidung für falsch“, glaubt WM-Leader Yvan Muller. Chevy-Star Alain Menu sieht die Sache ähnlich: „Farfus hat das Potenzial, aber er muss ruhiger werden und an seiner Übersicht arbeiten. Fehler wie in Brünn kann er sich in dieser Meisterschaft einfach nicht erlauben.“ Auf der anderen Seite muss festgehalten werden, dass sich Farfus in der Saison 2009 mit Ausnahme seines schwerwiegenden Vergehens in Brünn wenig bis gar nichts hat zuschulden kommen lassen. Bis zum fünften Saisonumlauf in Valencia hatte der Brasilianer „unter den gegebenen Umständen eine fast perfekte Saison“, wie Charly Lamm festhält, und sich dank interner Koordination bis auf drei Zähler an WM-Leader Yvan Muller herangerobbt. Und das mit einem Auto, das nach dem FIA-Einstufungsfiasko ganz sicher nicht die überlegene WM-Waffe ist.
 
Mischung aus Aggressivität und Risikoabwägung
 
Die Mischung aus Aggressivität und Risikoabwägung schien zu stimmen, auch wenn Charly Lamm festhält: „Farfus wird oft ein Opfer seines Strebens nach Perfektion, nach dem letzten Prozentpunkt Leistung, nach dem Maximum. Mit der Übererfüllung kommen dann auch die Fehler.“ Beim vorletzten WM-Lauf in Porto hat Farfus nach dem Start zwar Chevrolet-Pilot Alain Menu beim Anbremsen auf der feuchten Innenspur abgeräumt, doch solche Szenen gehören zum WM-Alltag und Farfus wurde dafür bestraft. Der Unfall beim achten WM-Lauf in Brands Hatch ging auf die Kappe von Yvan Muller. Die große Frage lautet: Kann Farfus den Druck aushalten, der ihm mit der BMW-internen Leaderrolle aufgebürdet wurde? Vielleicht könnte ihm ein Mentaltrainer helfen. Dass auf diesem Wege viel zu erreichen ist, hat Chevrolet-Pilot Rob Huff bewiesen: Mit psychologischer Betreuung stellte Huff seine Qualifikationsschwäche ab und stieg vom belächelten Youngster zum starken Teamleader auf. Doch dazu gehört immer erst das Eingeständnis, dass eine Schwäche vorhanden ist, die beseitigt werden muss. Farfus hat sich nach Brünn bei seinem Team und der BMW-Motorsportabteilung schriftlich entschuldigt und den Unfall als den schwersten Fehler seiner Karriere bezeichnet. Wenn Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung ist, wäre ein Anfang gemacht. Und sollte Farfus seine Fehlerquote wirklich abstellen, werden ihn die Kritiker womöglich auch in eine andere Schublade einsortieren.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Gebrauchtwagen Angebote