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Tourenwagen WM-Politik von BMW

Kalkül oder Zufall bei BMW

BMW-Team RBM Foto: BMW 42 Bilder

Nachdem BMW in der ersten Saisonhälfte der TW-WM nicht aus eigener Kraft siegfähig war, wollten die Bayern in Brands Hatch mit einem leichtgewichtigen Altwagen antreten. Die Gegner waren hellauf begeistert. Der Vorgang ist jedoch symptomatisch für den WM-Schlingerkurs von BMW.
 

31.07.2010 Marcus Schurig Powered by

Momentaufnahmen beschreiben die Gemütslage von Fahrerlagermenschen und den Zustand von Rennserien oftmals besser als detaillierte Rennanalysen. Der Samstag beim sechsten Umlauf der Tourenwagen-WM in Brands Hatch war so ein Moment. Außer einem freien Training war noch nicht viel passiert, doch die Gesichter der BMW-Menschen sprachen Bände: Die Mundwinkel hingen am Boden, der Blick war starr und die Stimmung im Keller. Schockwellen verbreiten sich im WM-Fahrerlager schnell, auch wenn sie 2010 nach dem letztjährigen Hickhack um die Einstufung der Dieselfahrzeuge von Seat eher selten geworden sind. Doch in Brands Hatch brüskierte BMW die Szene mit einer besonders frivolen Reglement-Interpretation: Bei der technischen Abnahme trauten die Seat- und Chevy-Vertreter ihren Augen nicht, als BMW steinalte BMW 320si aus den Trucks rollte. Genauer gesagt Fahrzeuge, die mindestens 25 Monate alt waren. Ein Hersteller fährt in einer Weltmeisterschaft freiwillig Altwagen, die nicht dem letzten technischen Stand entsprechen?

BMW ging mit einem zwei Jahre alten Wagen ins Rennen

Immerhin war der Werbe-Schriftzug auf den Türen der WM-Renner entfernt, denn dort prangte stets der einprägsame Slogan: Our most advanced 3 series. Yet. Davon konnte an diesem Samstag keine Rede mehr sein. Weil das komplizierte technische und sportliche Reglement der WM die Rennwagen mit Basisgewichten und Kompensationsgewichten für gute sportliche Ergebnisse einstuft und obendrein den Einsatz älterer Fahrzeuge für die Gilde der Privatfahrer zulässt, verfiel BMW auf einen bauernschlauen Trick - der freilich zum Bumerang wurde. Anstatt den aktuellen Stand des 320si zu verwenden, wurden alle Homologationsvarianten (VO’s) und Veränderungen durch sogenannte technische Joker, die in den vergangenen zwei Jahren vorgenommen wurden, aus dem Auto ausgebaut und durch Altbauteile ersetzt. Diese Fahrzeugvariante - genannt: BMW 320si old model - wird eigentlich nur von Privatfahrern verwendet, die sich keinen Neuwagen leisten können.

Weil diese Autos langsamer sind, schleppen sie kein Kompensationsgewicht mit und sind generell 15 Kilo leichter als die Autos der Werksteams. Und so beträgt die Gewichtsdifferenz zwischen dem alten und dem neuen BMW 320si stramme 75 Kilogramm. Der Gedanke dahinter: Nach BMW-internen Berechnungen wurde in den letzten zwei Jahren durch Feinarbeiten und technische Verbesserungen (Nachhomologationen und Joker) eine durchschnittliche Netto-Rundenzeitenverbesserung von maximal zwei bis drei Zehntelsekunden erreicht. Mit dem zwei Jahre alten BMW ließe sich laut FIA-Tabelle, die von einer durchschnittlichen Zeitenverbesserung von einer Zehntelsekunde pro Runde bei 10 Kilogramm weniger Gewicht ausgeht, eine theoretische Rundenzeitenoptimierung von fast acht Zehntelsekunden erreichen. Natürlich ist diese Marge ein Annäherungswert, abhängig von Rennstrecke und Fahrzeugkonzept. Die BMW-Strategen hofften in Brands auf einen Nettozeitgewinn im Bereich von vier bis fünf Zehntelsekunden - ein Sprung, der bei dem eng gefassten Technik-Reglement der WM sonst niemals möglich wäre.

Für die Überarbeitung der Vorder- und Hinterachse will man bei BMW kein Geld ausgeben

Den Trick mit dem Altwagen hat nicht BMW erfunden, sondern der dänische Privatfahrer Kristian Poulsen, der bereits in Monza mit einem 40 Kilo leichteren 320si-Altwagen die Konkurrenten in der Privatfahrerwertung verärgerte. Doch bei Poulsen fehlte die böse Absicht - der Däne hatte schlicht und ergreifend kein Geld für ein aktuelles Auto. Privatfahrer ist trotzdem ein gutes Stichwort, denn hier liegt der geistige Pferdefuß der BMW-Aktion von Brands: Weil BMW als einziger WM-Hersteller ein funktionierendes Kundensportprogramm aufgebaut hat, initiierten die Bayern vor mehreren Jahren die Zulassung von leichteren Altwagen in der WM - für die Privatfahrer. Jetzt versuchten die Bayern über diesen Schlupfweg ihre dürren WM-Chancen am Leben zu erhalten. Im Fahrerlager erntete dies nur Kopfschütteln: "Ich halte das für sehr unsportlich", so Chevrolet-Sportchef Eric Nève. "Die TW-WM ist eine Herstellermeisterschaft, bei der technische Weiterentwicklung zum sportlichen Erfolg führen soll - und nicht der trickreiche Umgang mit Fahrzeugvarianten." Der Einwand ist völlig berechtigt: BMW Motorsport und das Einsatzteam RBM wissen sehr genau, wo sie über Nachhomologationen oder Joker noch Zeit aus dem zugegebenermaßen betagten 320si hätten holen können.

Die Überarbeitung von Vorder- und Hinterachse war ja bereits mehrfach im Gespräch. Doch dafür will man bei BMW offenbar kein Geld ausgeben. Der Bauerntrick von Brands war, böswillig formuliert, eine technische und finanzielle Bankrotterklärung - noch dazu vor den Augen der Öffentlichkeit. Da half es auch nicht, dass man bei BMW darauf pochte, dass der Coup von langer Hand geplant und mit der FIA abgesprochen sei. Letztlich kam es, wie es kommen musste: Nach dem ersten freien Training musste das BMW-Einsatzteam RBM auf Geheiß der Renn-Stewards die Altteile am alten Neuwagen durch Neuteile ersetzen. Dazu waren die Frontstoßstange, die Motorhaube, die vorderen Bremszangen, die hinteren Bremsscheiben sowie die Einspritzleiste am Motor zu tauschen. Damit war das Kapitel beendet.

BMW setzt für die Zukunft alle Jetons auf die DTM

Das Schlusswort hatten die Stewards, von denen in der WM selten etwas Gutes zu erwarten ist. So auch hier: Natürlich begründeten sie ihr Urteil auch darauf, dass der Passus mit den Altwagen für die Privatfahrer gedacht sei und nicht für die Werke. Das entscheidende Argument sei jedoch, dass man während der Saison nicht den Fahrzeugstand wechseln darf. Andererseits durften die deutschen Privat-Teams Wiechers und Engstler von den Neuwagen auf die Altwagen wechseln - was sicher nicht unter das Kapitel einheitliche Rechtssprechung passt, eher in den Bereich der Regel-Auslegung. Seat-Sportchef Jaime Puig hielt fest: "Der BMW-Versuch als solcher ist ja nicht strafbar, aber es entspricht nicht dem Geist einer Hersteller-WM, wenn ein Automobilkonzern mit Altwagen antritt." Nebenbei bemerkt hat Andy Priaulx am Sonntag das zweite Rennen gewonnen - natürlich mit dem Neuwagen. Das WM-Fahrerlager ist uneins über die Frage, wie die BMW-Aktion zu deuten ist: Als Verzweiflungstat mit Alles-oder- Nichts-Charakter?

Laut mehrheitlicher Ansicht hat sich BMW geistig bereits vom Kapitel TWWM verabschiedet. Dazu passen Äußerungen von BMW-Sportchef Mario Theissen beim WM-Lauf in Zolder. Dort ließ der Sportchef wissen: "Wir sind gerade dabei, die Lage in der Zwei-Liter-Szene neu zu bewerten. Bisher fuhren viele nationale TW-Meisterschaften nach Super 2000-Reglement. Jetzt sehen wir Änderungen bei der Britischen Meisterschaft, die bereits ausgeschert ist. Auch die Schweden denken in diese Richtung. Das sind überraschende Entwicklungen - daher überprüfen wir im Moment noch einmal den Business Case für die Nachfolgegeneration." Das kommt überraschend, denn BMW hatte in Pressemitteilungen bereits die Entwicklung eines Turbomotors für die TWWM-Saison 2011 sowie einen Nachfolger des aktuellen WM-Modells 320si für das Jahr 2012 offiziell bestätigt. Also ein Salto rückwärts? Zwar erklärt Theissen, dass die Entwicklung des 1,6-Liter-Turbomotors weiterläuft, weil daran auch das WRC-Projekt mit dem Mini hängt. "Ob 2010 aber ein Kundeninteresse vorhanden ist, diesen neuen Motor im aktuellen 320si auch wirklich einzusetzen, das ist völlig offen." Vielleicht ist die Deutung ja ganz simpel: Momentan balgen sich TW-WM, DTM und FIA um die Zukunft des Tourenwagensports. Man kämpft ums Überleben und um die Hersteller. BMW setzt für die Zukunft alle Jetons auf die DTM. Das angedachte Doppelpassspiel mit der WM scheint endgültig vom Tisch zu sein.

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