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Touristenfahrten auf der Nürburgring Nordschleife

Mr. Touristenverkehr und die Ring-Fans

Nordschleife Nürburgring-Touristikverkehr Foto: Rossen Gargolov 30 Bilder

Besuch im Fahrerlager der Touristenfahrer an der Nürburgring Nordschleife. Für 22 Euro können Träume wahr werden und Hobbyfahrer auf den Spuren von Stuck, Scheid und Co. wandeln. Doch Vorsicht: Bereits die erste Nordschleifen-Runde infiziert mit dem Ring-Virus.

16.08.2010 Christian Gebhardt Powered by

"Vier Runden bitte", "Für mich eine Zehnerkarte", "Mir reicht eine Runde" - Eckard Rommel hat seinen Traumberuf gefunden. "Es war schon immer mein Traum, einmal in der Eifel zu wohnen und etwas mit Motorsport zu machen" sagt der gebürtige Osnabrücker, während er konzentriert Nordschleifen-Runden an die Touristenfahrer verkauft. Hier gehen "Runden" wie warme Semmeln beim Bäcker am Sonntagmorgen über den Tresen. Rommel ist Abteilungsleiter des Streckenmanagements Nordschleife. Zusammen mit vier festangestellten Mitarbeitern macht er allerdings mehr, als nur im Kassenhäuschen zu hocken und wie auf dem Jahrmarkt "Runden" zu verkaufen.

Ringteam übernimmt Kartenverkauf und Streckensicherung

Zu den Aufgaben des Ringteams gehört neben dem Kartenverkauf an die Touristenfahrer auf der Nordschleife auch die Koordination der Streckensicherung. Ein Krankenwagen steht bei den Touristenfahrten für den Fall der Fälle ebenso einsatzbereit wie das wohl schnellste Löschfahrzeug der Welt - ein speziell umgerüsteter Nissan GT-R samt 50-Liter-Tank mit Löschschaum.

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"Kannst gleich wieder aufmachen, wir haben das Fahrzeug mit Getriebeschaden nach Breitscheid geschleppt", rauscht eine verzerrte Stimme aus einem Funkgerät durch das kleine Büro. Wenig später schallt die frohe Kunde durch die Außenmikrofone und über die überfüllten Parkplätze zwischen den Schranken zur Touristeneinfahrt, den zwei Souvenir- und Fanartikelläden und dem Devil’s Dinner-Restaurant. "Die Nordschleife ist ab sofort wieder für den Touristenverkehr geöffnet!" - Startschuss für den aktiven Ring-Kult.

"Ich bin eine Ring-Schlampe" steht über der Fahrertür.

Das scheinbare Motto der Nordschleifen-Jünger: "Jeder Tag, an dem du auch nur eine Nordschleifen-Runde verpasst hast, ist ein verlorener Tag." Nicht verwunderlich, dass der Touristenparkplatz plötzlich einem Ameisenhaufen gleicht. Alles wuselt durcheinander. Hobbyrennfahrer schnüren gehetzt feuerfeste Rennstiefel, geöffnete Motorhauben werden blitzschnell zugeschlagen, und ein kollektives Motorstarten lässt die Fundamente der ehrwürdigen Nürburg erzittern. "Wenn wir die Strecke wieder aufmachen, wollen alle am liebsten zur gleichen Zeit auf die Nordschleife", erklärt Streckenchef Rommel, der früher selbst als Touristenfahrer heiße Runden in den Asphalt gebrannt hat. Hinter den drei Schranken herrscht nun dichter Stau, wie an einer Mautstation auf einem amerikanischen Highway zur Rushhour. "Das wird gleich die 124. Runde", erklärt Boris stolz, während er mit gezückter Ringkarte auf die Einfahrt zur Nordschleife wartet.

Zweihundertzwölftausendundvierhundertsieben. Der Kilometerzähler seines Tachos verrät, dass keiner an diesem Sonntag mehr Meilen auf dem Buckel hat als sein leergeräumte Kleinwagen. Ein Toyota Corolla mit 86 PS, Schalensitz und Koni-Fahrwerk reicht laut Boris Angaben aus, um auf der Nordschleife Spaß zu haben. Rund 2.500 Kilometer hat er schon über die Eifel-Achterbahn gedreht. Unzählige Sprüche zieren die schwarz-rot-goldene Mattlackierung. Boris hat sein persönliches Nordschleifentagebuch immer mit dabei. "Ich bin eine Ring-Schlampe" steht über der Fahrertür. "Hit me Baby one more time" ziert die Beule im hinteren Stoßfänger. "Einen Abflug in der Fuchsröhre habe ich schon hinter mir. Da bin ich mit Tempo 180 in den Planken gelandet. Ein gewisses Risiko fährt auf der Nordschleife halt immer mit", sagt Boris freundlich winkend zum Abschied, als die Schranke endlich für seine 124. Runde öffnet.

Mit dem 50. Porsche fällt man hier oben nicht auf

Wie viele Runden er über die Nordschleife gedreht hat, weiß Achim Korden schon gar nicht mehr so richtig. 1988 ist der Heizungsbaumonteur zum ersten Mal über den Ring gehetzt. Seit 15 Jahren ist er Inhaber einer Jahreskarte. Damals kostete das Dauerticket 285 Mark, heute sind es 1.185 Euro. "Früher war es nicht nur günstiger, es gab auch mehr Leute hier oben die man kannte und immer wiedergetroffen hat", erzählt Achim. Als gebürtiger Adenauer ist er in Schlagdistanz zum Ring groß geworden. Heute könnte man ihm längst den inoffiziellen Titel "Mr. Touristenverkehr" verleihen. Sein Mini Clubman Estate von 1971 zählt zu den Kultfahrzeugen der Touristenfahrer-Szene auf der Nordschleife.

"Mit dem 50. Porsche fällt man hier oben nicht auf", erklärt Achim, weshalb er sich für den Mini entschieden hat. Nach einem Radikalumbau versägt der nur 800 Kilo leichte Hecktriebler mit Überollkäfig und heißgemachtem Honda Civic-Motor so ziemlich alles. "Am liebsten fahre ich bei Nässe unter der Woche, da ist nicht ganz so viel los, man kann herrlich querfahren", sagt Achim. Fast alles, was vor der Mini-Schnauze so auftaucht, ist ein gefundenes Fressen. Ungeübte Porsche 911 GT3- oder Ferrari-Fahrer verspeist Achim mit seinem knallblauen Rennzwerg am liebsten. "Oft wird versucht, fehlendes Fahrkönnen durch Geld zu kompensieren", erklärt der Mini-Pilot.

"Achtung, Achtung, die Nordschleife ist gesperrt, bitte suchen Sie die Parkplätze auf" - die Lautsprecherdurchsage lässt die Ring-Hungrigen erneut wartend zurück. "Wir hatten einen leichten Einschlag im Streckenabschnitt Wehrseifen. Sollte aber schnell gehen, bis die Streckensicherung den Unfall abgesichert hat und wir wieder öffnen können", sagt Streckenchef Rommel. Neben den vier festangestellten Nordschleifen-Betreuern sorgen 30 Streckensicherungsfahrer von Polizei und Bundeswehr für Ordnung bei den Touristenfahrten. "Wir sind aber auch auf die Zuschauer von draußen angewiesen, daher gibt es Schilder mit Notfallnummern rund um die Strecke", erzählt Eckhard Rommel weiter, während er die nächste Zehner-Karte verkauft. Doch nicht nur Streckensicherung und Zuschauer helfen den Touristenverkehr so reibungslos wie möglich zu gestalten.

Unter den Touri-Fahrern gibt es ebenfalls aktive Streckenmarshalls, die im Falle eines Ausritts die Unfallstelle absichern. Wir treffen Mini-Fan Achim Korden bei Rommel im Kassenhäuschen wieder: "Die Touristenfahrten sind zwar ein Spielplatz für große Kinder, doch die Sicherheit hat oberste Priorität." Auch er hat eine gelbe Flagge zur Unfallabsicherung jederzeit hinter seinem Überrollkäfig mit an Bord. "Außerdem wurde 2001 der Arbeitskreis für Sicherheit auf der Nordschleife gegründet", erzählt Korden.

Sabine Schmitz chauffiert die meisten Meter im Drift

Die Nordschleife ist während den Touristenfahrten alles andere als ein rechtsfreier Raum. So gilt auch in der Grünen Hölle die Straßenverkehrsordnung, inklusive Rechtsfahrgebot und Tempolimits. Außerdem darf nur auf der linken Seite überholt werden. "When is it open agian?" Eifeler Platt wird in den vier Wänden vom Streckenmanagement eher selten gesprochen. "Ein Großteil der Touristenfahrer kommt aus England", erzählt Streckenmeister Rommel, bevor er Peter Robinson aus Sheffield noch um etwas Geduld bittet. "Der Spruch ‹Lieber Nürburgring als Ehering› trifft den Nagel voll auf den Kopf, ein geilere Strecke gibt es nirgendwo", sagt der englische Ford-Fan später grinsend, als er die Motorhaube seines gelben Escort öffnet. Als Mitglied des RS Owners Club ist Robinson gemeinsam mit 13 Clubkollegen auf Achse über Holland bis an den Ring gereist.

Caterham-Enthusiasten oder Motorradfahrer aus England mit Gepäck im Turnbeutel-Format sind an den Wochenenden keine Ausnahme. Ein echter britischer Touristenfahrer ist scheinbar nur derjenige, der auch von Zuhause auf eigener Achse zur Nordschleife fährt. Fest in britischer Hand ist auch der Motorradparkplatz. Eine der wenigen Ausnahmen unter den Bikern an diesem Sonntag ist Christian Lüers aus Westerstede, allerdings nur was die Nationalität und nicht was das Anreiseprozedere betrifft. "Kennt ihr Westerstede, das ist das letzte Dorf vor Ostfriesland. Klar bin ich die 430 Kilometer auch mit dem Moped hierher gefahren", sagt der 26-Jährige in schwarzer Lederkombi. Moped ist gut. Nach einem schnellen Schnitzelbrötchen auf die Hand wird eine rabenschwarze Suzuki GSX-R 1000 mit 165 PS am Hinterrad bestiegen.

"Man darf sich auf keinen Fall überschätzen, sonst kommen ganz schnell die Curbs und dann die Hecke", sagt Motorrad-Touristenfahrer Christian, der vier bis fünf Mal im Jahr an den Ring reist. Wie schätzt er das Verhältnis zwischen Autofahrern und Ringbesuchern mit Motorrad im Touristenverkehr ein? "Wenn sich sowohl die Motorrad- als auch die Autofahrer zusammenreißen, läuft es problemlos", stellt der Motorradpilot fest. "Die Nordschleife ist wieder für den Touristenverkehr geöffnet", hallt es wiederholt ins Rund der Ringhelden. Der Ameisenhaufen im Hobby-Fahrerlager ist ebenso zurück wie der Andrang vor den Schranken der Touristeneinfahrt.

Während das Kassenhäuschen plötzlich wie leergefegt dasteht, bahnt sich eine prominente Ringkämpferin den Weg in das Heim der Streckensicherung. "Ach, das Sabinchen", begrüßt Streckenchef Rommel Sabine Schmitz. "Wat bucht der auch gleich drei Runden, die hat noch keiner überstanden", ärgert sich die VLN-Pilotin und BMW-Ringtaxifahrerin über einen Fahrgast, der sich das Mittagessen auf der Ringtour nochmal durch den Kopf gehen lassen hat. Von den 13 verschiedenen Ring-Chauffeuren fährt Schmitz wohl die meisten Meter im Drift, da gerät das Gleichgewicht bei 73 Kurven schon mal durcheinander. "So hat halt jeder seine kleinen Problemchen hier oben", sagt Eckhard Rommel gelassen. "Kommt mal an Ostern zum traditionellen Nordschleifen-Auftakt der Tourifahrer her", rät er uns schmunzelnd. "Da müssen wir den Engländern wieder erklären, warum sie nicht mit motorisierten Sofas oder aufblasbaren Gummi-Tieren auf die Nordschleife fahren dürfen."

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