Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Toyota Crown 2.8

Blindkauf

Foto: Hardy Mutschler 13 Bilder

Ein Freund ruft uns an: "Ich habe einen 1980er Toyota Crown ersteigert. Holt ihn für mich ab - und ihr könnt mit ihm machen,was ihr wollt." Doch dann macht die Limousine mit uns, was sie will.

14.01.2007 Sebastian Renz Powered by

Es ist, als würden wir das Blind Date eines Freundes vom Bahnhof abholen. Wir wissen kaum etwas über sie. Nur, dass unser Freund sie in einer automobilen Partnerschaftsbörse im Internet fand.

Er setzte sich gegen alle Nebenbuhler durch und gewann sie, ohne mehr von ihr gesehen zu haben als sechs Fotos. Einem Schwarzweiß-Ausdruck in mäßiger Qualität können wir entnehmen, wie hoch die Mitgift war, und dass das Schätzchen eine gepflegte Erscheinung aus einer Schweizer Sammlung sein soll.

Zum Abholen in die Eifel

Das klingt mondän, auch wenn die seltene japanische Limousine Christian und mich zumindest auf den Bildern nicht gleich anmacht. Aber wir malen uns aus, dass sie einem eidgenössischen Bankdirektor zu Diensten war. Wenn sie denn ihre Biografie nicht aufpoliert hat. Um das zu klären, müssen wir sie aber erst einmal abholen. In Rüber - einem Ort, umgeben von viel, sehr viel Eifel. Wir haben uns am Ortseingang mit dem Händler verabredet, der den Crown übers Netz vertickt hat.

Er bringt uns zu einen von noch mehr Eifel umlagerten Aussiedlerhof mit großer Halle. Die Crème der Automobilhistorie findet sich darin jedoch nicht. Der Toyota Crown macht da auf den ersten Blick keine Ausnahme. Auf den zweiten auch nicht. Es ist keine Bankdirektoren-, sondern die Behördenchef-Ausführung: ohne elektrische Fensterheber, ohne Scheinwerferreinigungsanlage, ohne rechten Außenspiegel, ohne verstellbare Kopfstützen hinten.

Aus dem Polsterstoff hätte man auch eine ganze Winterkollektion blauer Breitcordhosen nähen können. Und der Teppich im Fußraum erinnert an künstliches Pudelfell. Dafür hat sich der Vorbesitzer um die Bereicherung des Innenraums bemüht.

Leider durch den Einbau eines erblindeten Digitalthermometers, eines Brillen- und zweier Münzhalter sowie eines Cassettenradios, das ebenso halblebig im DIN-Schacht sitzt wie die Lautsprecher in den Türverkleidungen. Welche Funktionen zwei silberne Nachrüst-Kippschalter im Cockpit übernehmen, soll lieber der Endbesitzer erforschen.

Christian lässt sich von all dem nicht bekümmern und blättert munter das fremde Geld auf die Haube. Quittung stempeln, rote Nummern anschrauben, fremdstarten und los. Den nächsten halben Kilometer teilen wir fair: Die ersten 250 Meter reisen wir ganz hervorragend im Crown. Dann bleibt er stehen, und wir schieben ihn die nächsten 250 Meter auf einen Parkplatz. Die Tankleuchte gibt uns einen zarten Hinweis darauf, warum der Crown bockt.

Nun ist die Eifel sicherlich eine wunderbare Gegend zum Wandern, landschaftlich ebenso interessant wie abwechlungsreich. Nur Tankstellen sind rar. Die nächste liegt unten im Moseltal – einen ausgedehnten, frostfrischen Mittagsmarsch entfernt. Und damit so weit weg vom Crown, dass wir angesichts des potenziellen Dursts des 2,8-Liter-Reihensechszylinders beschließen, dort zwei Kanister Sprit zu kaufen.

Weil Christian ein bisschen mädchenhaft zu bedenken gibt, dass wir uns über die Kraft der Autobatterie nicht im Klaren sind, kaufen wir dem Tankwart – dieser Glückspilz – auch noch ein Überbrückungskabel zum Preis eines Defibrillators ab. Zurück am Crown füllen wir mit klammen Fingern das Benzin in den Tank. Christian lässt den Anlasser orgeln.

Erst sprotzelt der Motor ungeordnet, dann lassen sich drei Töpfe zur Arbeit überreden. Die anderen folgen mürrisch. Zusammen finden die sechs in einen samtigen Takt. Wir starten und halten gleich an der nächsten Ecke, um das Fahrwerk zu suchen. Aber der Crown hat keins. „Man gleitet in ihm wie in einer Sänfte“, hatte die Verkaufsbeschreibung versprochen. Stimmt, aber wie in einer Sänfte, deren Träger sturzbetrunken auf Stöckelschuhen laufen.

Der Crown torkelt um Kurven, die Hinterachse stampft

Und die Lenkung hat über ihr Handeln gegenüber dem Fahrer eine Nachrichtensperre verhängt. Von diesem Schock müssen wir uns bei der Bäckerei im Vulkan-Center erholen. Donauwellen vom Vortag komplettieren hier die kalorisch hochwertige Auslage. Sie lockt überdies mit kalter Pizza und Schlemmerbrötchen, deren Käsekrusten noch dicker aufgetragen sind als die Spachtelmasse am Radlauf des Crown.

Diese kulinarischen Höhepunkte der Eifel hätten wir uns aber besser verkniffen. Unsere Reise führt uns ja noch ein Stückchen über die Landstraße. Und da weiß der Magen schon auf Geraden nicht so recht,wo er hin soll. Vor Schlimmerem bewahrt uns dann die ebene Autobahn. Wirklich schnell wollen wir erst einmal nicht fahren, in Kurven umklammert Christian den dürren Lenkradkranz so heftig, dass sich seine Knöchel weiß färben.

Doch mit jeder Kurve, in der wir nicht abfliegen, steigt das Vertrauen in den großen Japaner. Die lange Strecke kann er gut,weich schaltet die Automatik, der Motor hält sich akustisch sehr zurück. Das tut Christian auch weiterhin mit der Geschwindigkeit. Die alten Crown-Reifen wummern über den Asphalt, als Christian sich bergauf wagemutige Positionskämpfe mit ukrainischen Lastwagen liefert.

Wir beschließen, den Reifenklang mit einem Strauß bunter Melodien aus dem Rundfunkprogramm von SWR 4 Rheinland- Pfalz zu übertönen, als sich ein größerer Stau bildet. Wir zuckeln auf der linken Spur und versuchen, die Aufmerksamkeit einer Clio-Fahrerin neben uns zu erlangen.

Dazu kurbeln wir die Seitenscheiben nach unten und wiegen uns graziös im Takt der Musik. Was die Clio-Dame zum Anlass nimmt, ihrerseits die Fenster zu schließen und sich – eher belästigt als becirct - zurückfallen lassen. Diesen Rückschlag müssen wir bei nächster Gelegenheit beim Buletten-König verarbeiten. Dort bekommen wir auch die zum Crown passenden monarchischen Insignien.

Ein Stück noch lasse ich mich von Christian chauffieren, dann übernehme ich den Crown. Langsam wird es dunkel. Die Scheinwerfer funzeln ambitionslos ein paar Meter Straße vor dem Auto aus. Dafür überwindet der Crown dank seines Drehmoments die Höhenunterschiede auf der Autobahn nach Stuttgart in majestätischer Würde. Inzwischen traue ich mich auch Tempo 130, für den Crown genau die Richtig-Geschwindigkeit.

Da werde ich übermütig und scheuche den Crown noch über die alte Solitude-Rennstrecke. Auf dieser gewundenen Passage haben meine ausufernden Lenkbewegungen nur schwachen Einfluss auf die Richtung, die der Crown einschlägt. Im Kurvengerangel verteidigt er zickig und erfolgreich seine Richtlinienkompetenz. Wir freunden uns dann aber in der Stadt wieder an.Dort ist die große Limousine die Königin der Nacht.

Die Dunkelheit wirft gnädige Schatten auf ihre braune Karosserie-Zellulitis. Gewiss keine Grazie, zieht der Toyota auf dem von Straßenlaternen beleuchteten Großstadt-Catwalk doch eine charakterstarke Bahn. Wir hätten Lust, bis zum Morgen mit der Limousine durch die Straßen zu streifen. Aber sie ist nicht unser Blind Date. Wir sollten sie nur über-, nicht verführen. Christian und ich sind trotzdem ein bisschen in den Toyota verliebt, als wir mit ihm in der Tiefgarage ankommen.

Wie der Crown dort aber mit mattem Lack, Kratzern und Benzin ausdünstend im grellen Neonlicht steht, merken wir, dass es wohl doch besser bei dieser flüchtigen Begegnung bleibt. So blind vor Liebe, dass wir bis zum Morgen bleiben wollen, sind wir dann doch nicht. Und verdrücken uns leise.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk