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Europa-Chef von Toyota im Interview

Hybrid-Kunden kommen nicht vom Diesel

Johann van Zyl, Europa-Chef von Toyota Foto: Stefan Baldauf/SB-Medien 24 Bilder

Johan van Zyl, der neue Europa-Chef von Toyota spricht Der neue Europa-Chef von Toyota über die Auswirkungen des Diesel-Skandals, Die Hybrid-Stretegie vonToyota, sinkende Absatzzahlen in Europa, Emotionen für Autos und das Motorsport-Engagement.

29.10.2015 Jens Dralle
Wenn Sie Ihre europäischen Kunden fragen, weshalb sie einen Toyota gekauft haben, welche Antwort würden Sie sich wünschen?

van Zyl: Ich würde mir als Antwort wünschen, dass erstens das Produkt, das sie gekauft haben, exakt ihre Anforderungen erfüllt, zweitens, dass sie viel Auto fürs Geld erworben haben, und drittens, dass ihr Händler ihnen hervorragenden Service bietet. Außerdem würde ich gerne hören, dass sie sich zu unserer Marke hingezogen fühlen, dass sie das Produkt nicht ausschließlich aus rationalen Gründen gekauft haben.

Das bekommen Sie bereits heute als Antwort?

van Zyl: Wir arbeiten daran. Wir sind dafür bekannt, zuverlässige Produkte zu liefern. Jetzt müssen wir die Marke emotionaler gestalten, ohne dabei unsere bisherigen Kernwerte einzubüßen. Also arbeiten wir hart daran, unsere neuen Modelle nicht nur technologisch besser zu machen, sondern auch ein attraktiveres Design zu bieten.

Ehrlich gesagt haben uns das in den vergangenen Jahren schon viele Toyota-Manager erzählt. Wann geht es denn nun endlich los mit den emotionalen Produkten?

van Zyl: Das braucht eben seine Zeit. Man kann Emotionen nicht in ein Produkt hineindiskutieren. Wir haben uns auf einen Fahrplan geeinigt, und wir sind auf Kurs. Dazu zählen natürlich der GT86, aber auch der CH-R in Bezug auf die künftige Designsprache.

Bezüglich des GT86 musste Ihr Vorgänger Didier Leroy bereits zugeben, dass der Sportwagen in Europa die gesteckten Ziele nicht gerade übererfüllt. Was bringt Ihnen dieses Auto dann überhaupt?

van Zyl: Sportwagen sorgen immer für Aufmerksamkeit für die Marke, daran besteht kein Zweifel. Also werden wir auch in Zukunft Sportwagen anbieten, das gilt natürlich ebenso für Europa. Ich bin fest davon überzeugt, dass es einen Markt für Sportwagen gibt. Der aktuelle, durchaus beeindruckende Erfolg von Toyota in Europa basiert aber auf Modellen wie dem Auris Touring Sports und dem Aygo, also rationalen Fahrzeugen.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für das künftige Angebot?

van Zyl: Aktuell gelingt es uns, dass wir uns mit der Hybrid-Strategie deutlich gegenüber dem Wettbewerb differenzieren. In erster Linie brauchen wir erfolgreiche Fahrzeuge im A-, B-, und C-Segment. Der Aygo läuft sehr gut, der Yaris ebenfalls, als Einziger im B-Segment mit Hybridantrieb, und natürlich der Auris. Als Nächstes müssen wir uns den Crossover-Markt ansehen. Hier sind wir mit dem RAV4 gut vertreten, den es nun ebenfalls in einer Hybridvariante geben wird. Jetzt geht es mit dem CH-R weiter, der in Serie gehen wird.

Also setzt auch Toyota auf das boomende Geschäft mit SUV in allen Größen, baut aber keinen einzigen in Europa. Rechnet sich das dann überhaupt?

van Zyl: Zum CH-R geben wir weitere Details erst im kommenden Jahr bekannt. Unser Bestreben ist es, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Stückzahlen und Erlös zu schaffen. Es geht uns um ein nachhaltiges Geschäftsmodell, das mit der Zeit wächst. Dabei geht es nicht immer zuerst um Marktanteile. Daher steht bei neuen Produkten nicht zwangsläufig die Profitabilität im Vordergrund, sondern die Wertschöpfungskette – und die gilt es zu optimieren. Zu der Wertschöpfungskette zählen eben nicht nur die Produkte, sondern auch das Händlernetz, das Ersatzteilgeschäft sowie die Finanz- und Versicherungsdienstleistungen. Natürlich ist Toyota in Europa aktuell profitabel, dennoch müssen wir dieses Fundament weiter stärken. Dennoch wurden einige, ausschließlich in Japan gebaute Modelle wie der iQ und der Urban Cross aus dem europäischen Angebot gestrichen – aufgrund mangelnder Profitabilität.

Zu früh etwa?

van Zyl: Das war in erster Linie dem starken Yen geschuldet, diese Situation hat sich wieder verbessert. Dennoch denke ich, dass wir nicht immer nur in Abhängigkeit des Wechselkurses entscheiden dürfen. Es zählt allerdings ebenso zu unserer Philosophie, dass die Produkte dort gebaut werden, wo sie sich am besten verkaufen lassen. In Europa sind das derzeit die Modelle Auris, Avensis, Yaris, Corolla und Camry. Wir werden unsere Produktion weiter lokalisieren.

Aber das Crossover-Segment boomt nicht erst seit gestern, dennoch baut Toyota keine entsprechenden Modelle in Europa. Ist hier etwa ein entscheidender Schritt versäumt worden?

van Zyl: Wenn es eine Möglichkeit gibt, werden wir sie nutzen. Wie gesagt, kommendes Jahr kann ich dazu Näheres sagen.

Gut. Also zurück zur Emotionalität. Wie gedenken Sie das beeindruckende Engagement von Toyota im Motorsport für den Verkauf der Straßenmodelle zu nutzen?

van Zyl: Die World Endurance Series (WEC) stellt für die Marke eine ausgezeichnete Plattform dar, das Potenzial unserer Hybridtechnologie zu zeigen – das gilt natürlich genauso für unsere Wettbewerber. Dort demonstrieren wir, dass selbst ein Hybridfahrzeug sehr aufregend sein kann. In der World Rally Championship treten wir ab 2017 mit dem Yaris an, einem der Kernprodukte für Europa. Derzeit wird untersucht, wie sich dieses Engagement für Marketing-Zwecke optimal nutzen lässt. Grundsätzlich halte ich die Motorsportaktivitäten deshalb für wichtig, weil sie zeigen, dass ein Auto nicht ausschließlich dafür gebaut ist, von A nach B zu kommen, sondern dabei auch Spaß machen darf. Zudem kann Motorsport dabei helfen, nicht nur die Kunden stolz auf die Marke zu machen, sondern auch die Mitarbeiter – vorausgesetzt, dass man erfolgreich ist. Und natürlich lassen sich im Motorsport neue Technologien unter härtesten Bedingungen testen. Auf der Straße sehen wir zunächst den neuen Prius, dann den RAV4 Hybrid.

Mit welchem Effekt für die Hybridverkäufe rechnen Sie dabei?

van Zyl: Der Prius war immer unser Zugpferd bei den Hybridverkäufen und wird auch weiterhin unser wichtigstes Modell bleiben, trotz des inzwischen deutlich erweiterten Angebots mit Yaris und Auris. Er wird mit seinem Design auch weiterhin polarisieren. Dennoch rechne ich damit, dass sich noch mehr Interessenten dafür begeistern werden als in der Vergangenheit, einfach weil sie ein außergewöhnliches Auto möchten. So war es bislang jedenfalls. Beim RAV4 glauben wir ebenfalls an einen großen Erfolg, ich rechne mit einem Hybridanteil von rund 50 Prozent.

Etwa auf Kosten der Dieselvarianten?

van Zyl: In der Regel steigen Benzinerfahrer auf einen Hybrid um. Ich gehe davon aus, dass das beim RAV4 genauso sein wird.

Stichwort Diesel – welche Rückschlüsse ziehen Sie aus der aktuellen Diskussion?

van Zyl: Zunächst einmal kann ich versichern, dass Toyota-Fahrzeuge schon immer gültigen Normen und Gesetzen entsprachen und das auch künftig tun werden. Wir würden uns nie darauf einlassen, manipulative Systeme einzusetzen. Es war allerdings auch schon immer klar, dass die Verbräuche, die von den Autofahrern im Alltag erreicht werden, von den Normverbräuchen abweichen. Daher unterstützt die Industrie auch die Einführung neuer Testverfahren für die sogenannten Real Driving Emissions. Doch um dabei verlässliche und reproduzierbare Ergebnisse zu erzielen, müssen nun klare Regeln für diese Tests erarbeitet werden.

Sehen Sie denn prinzipiell einen Rückgang bei den Dieselvarianten aufgrund der teuren Abgasnachbehandlung vor allem in den preissensiblen Klein- und Kompaktwagen-Segmenten?

van Zyl: Das ändert sich ja nicht gerade jetzt. Der Prozess, dass Dieselmotoren aufgrund der erforderlichen Einhaltung immer strengerer Abgasnormen immer teurer werden, ist schon seit Längerem im Gange. So verkaufen wir beispielsweise den Aygo nicht mehr als Diesel.

Rechnen Sie aufgrund der aktuellen Diskussion um die Emissionen von Dieselmotoren mit einer höheren Hybrid-Nachfrage? Könnten Sie diese bedienen?

van Zyl: Nein, die aktuellen Ereignisse haben keinerlei Auswirkungen auf unsere Pläne. Es gehört ohnehin zu den wichtigsten Eckpfeilern unserer Strategie, den Hybridabsatz kontinuierlich zu erhöhen. So konnten wir 2010 in Europa 70.000 Toyota- und Lexus-Hybrid-Exemplare verkaufen, dieses Jahr werden es voraussichtlich über 200.000. Diese Zahl wollen wir bis 2020 verdoppeln. Sollte die Nachfrage kurzfristig steigen, können wir liefern, da wir 70 Prozent der in Europa verkauften Hybridmodelle – also Yaris und Auris – auch hier bauen.

Wie wird Toyota dieses Jahr abschließen?

van Zyl: Zunächst müssen wir den erheblichen Absatzrückgang in Russland abfangen. Das gelingt uns sicher größtenteils, wenngleich nicht zu 100 Prozent. Das Ergebnis des vergangenen Jahres von 897.667 Fahrzeugen werden wir wahrscheinlich nicht ganz erreichen. Aber wir sind weiterhin profitabel in Europa.

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