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Traktor-Rennen - Vulkan Trophy 2010

Die Rivalen des Feldwegs

Traktorrennen Foto: Sebastian Viehmann 30 Bilder

Heiße Überholduelle, Party-Stimmung, Grid-Girls, eine Tortur für Mensch und Material: Das 24-Stunden-Oldtimer-Traktorenrennen im hessischen Altenschlirf bietet Rennatmosphäre pur und ist doch mit nichts zu vergleichen.

15.07.2010

Jetzt wächst die Anspannung. 42 Traktoren stehen mit brummelnden Motoren auf der Start-Ziel-Geraden, die Grid Girls mit ihren knappen Kleidchen verlassen die Strecke, die Fahrer setzen ihre Helme auf. Bernhard Ziegler, Bürgermeister von Herbstein, gibt den Startschuss. Nun gibt es kein Halten mehr: Dutzende Dieselmotoren brüllen auf, die mannshohen Auspuffrohre rülpsen schwarzen Qualm in den Himmel, die Trecker preschen los.

24 Stunden über Asphalt, Schotter und Feldwege

Schon die erste Kurve ist haarig: Der Asphalt geht in weichen Boden über, die Renn-Traktoren holpern mit durchdrehenden Rädern über den Acker. Es folgt eine lange Gerade, jetzt gibt es die ersten Überholduelle. Ein Steyr schiebt sich mit hohem Tempo an einem Deutz vorbei. Die jubelnden Zuschauer stehen nur wenige Meter von den Acker-Boliden entfernt und sind bald in dichte Staubwolken gehüllt.

Nach dem Start des 24-Stunden-Rennens im hessischen Altenschlirf bei Herbstein haben alle Teams nur noch ein Ziel: Die 4,5 km lange Strecke möglichst oft, möglichst schnell, ohne Pannen und ohne Fahrfehler zu bewältigen. Die Strecke ist eine Mischung aus Asphaltstraßen, Schotterpisten, Feldwegen und Wiesen. Gefahren wird ausschließlich mit historischen Traktoren. Der jüngste ist Baujahr 1975, die ältesten haben fast 60 Jahre auf dem Buckel.

Serienmodelle gegen Tuning-Traktor

Die Traktoren starten in verschiedenen Klassen. In manchen Klassen müssen die Fahrzeuge zu 100 Prozent original sein, bei anderen ist Tuning gestattet. Das Regelwerk ist umfangreich: Turbolader zum Beispiel sind nur erlaubt, wenn sie auch in der Erstausstattung des Treckers nachweisbar sind. In bestimmten Klassen sind die Zahnräder und Übersetzungen frei wählbar, sie müssen aber im Originalgehäuse des Getriebes Platz finden. Fahrzeuge mit Allradantrieb sind bei der Vulkan Trophy tabu.

Renn-Organisator Christian Baumann geht davon aus, dass "etwa 95 Prozent" aller Traktoren regelkonform unterwegs sind. "Die restlichen fünf Prozent würden vielleicht Bernie Ecclestone interessieren, aber wir sehen das etwas lockerer", sagt Baumann. Denn bei allem stehe immer der Spaß der Teilnehmer im Vordergrund. Die ganz Wilden starten in der Eigenbau-Klasse mit Sonderwertung. Jeder Trecker der Vulkan Trophy muss allerdings vor dem Rennen vom TÜV abgenommen werden, damit die technische Sicherheit gewährleistet ist.

Tempolimit bei 70 km/h

Die Vulkan Trophy feiert in diesem Jahr bereits ihren vierten Start, und die Leute vom Oldtimer-Traktoren Racing Club Vogelsberg kennen ihre Pappenheimer: Die jungen Bauernburschen und auch die Bauernmädels geben gern Vollgas, riskieren waghalsige Überholmanöver und holen aus ihren Maschinen alles raus, was drin ist. Deshalb wurden unter anderem in der Start- und Ziel-Geraden neue Schikanen aufgebaut: Dicke mit Plastikplanen umwickelte Strohballen bremsen übermütige Piloten an besonders gefährlichen Stellen aus, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit beträgt wie immer 70 km/h.

Spektakuläre Situationen gibt es trotzdem massenweise. Bei Überholmanövern wird jeder Zentimeter ausgenutzt, die massiven Boliden fahren so dicht nebeneinander, dass sich die riesigen Reifen fast berühren. Schon in der zweiten Stunde des 24-Stunden-Marathons verschätzt sich der Pilot eines John Deere beim Übergang von einer Schotterpiste zur Asphaltstraße, gerät ins Schleudern und schliddert in vollem Tempo in ein Feld. Der John Deere droht zu kippen – doch es geht gerade noch gut, die Landmaschine bleibt auf allen Vieren stehen.

Umkippen kann passieren

Ein anderer Fahrer hat mehr Pech: Sein Traktor überschlägt sich zweimal und kommt von der Strecke ab, den Zuschauern stockt der Atem. Der verletzte Fahrer muss ins Krankenhaus gebracht werden, er soll sich Rippenbrüche zugezogen haben. Für solche Fälle sind alle Renntrecker mit einem Überrollbügel ausgerüstet. "Ich will nicht sagen, dass Umkippen zu diesem Sport dazugehört, aber es kann eben passieren", sagt einer der Vulkan Trophy-Piloten.

Nicht nur die Strecke hat ihre Tücken. Auch die extremen Temperaturen machen in diesem Jahr Fahrern und Mechanikern schwer zu schaffen. "Egal ob luft- oder wassergekühlt, die Motoren überhitzen unter diesen Bedingungen schnell, schließlich wird non-stop Vollgas gefahren", sagt Renn-Organisator Christian Baumann. Auch Andreas Greb vom fünfköpfigen Schmieds Racing Team aus Grebenhain betrachtet mit Sorge die Reifen seines Deutz 4005. "Das Gummi wird zu heiß, das macht das Fahrverhalten instabil. Dann kann man nicht immer alles geben", berichtet Greb.

40 PS für 90 km/h

Die Grebenhainer haben an ihrem Deutz ein halbes Jahr lang Tag und Nacht gearbeitet. "Man baut alles fünfmal, bis es schließlich funktioniert", erzählt Andreas. Der luftgekühlte Dreizylinderdiesel des Deutz leistet rund 40 PS, dank geänderter Übersetzung schafft der Traktor maximal 90 km/h. Von null auf 100 beschleunigt das Gefährt in rund 12 Sekunden. "Der Deutz fährt sich bei Tempo 90 eigentlich viel angenehmer als mit 20", berichtet der Rennfahrer.

Auch im Traktoren-Rennsport, der vor allem in Österreich populär ist, gibt es Sponsoren - bei der Vulkan Trophy aber nur in kleinem Rahmen. In jedem Jahr gibt es tausende Zuschauer, und es wären wohl noch viel mehr, wenn das Örtchen Altenschlirf nicht so weit von der nächsten Autobahn und größeren Städten entfernt wäre. Doch die Oldtimer-Fans aus dem Vogelsberg-Kreis wollen es gar nicht anders: "Hier ist unsere Heimat. Wir versuchen in jedem Jahr ein bisschen zu wachsen, doch der Spaß steht immer im Vordergrund", sagt Christian Baumann. Gerade die familiäre Atmosphäre, in der fast jeder jeden kennt, sei das besondere an der Vulkan Trophy. Auch dass die Teams ihre Trecker mit knappen Budgets und dafür mit umso mehr persönliche Hingabe rennfertig machen, fasziniert Baumann: "Die machen aus wenig Geld einfach grandiose Dinge."

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