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Tuning-Szene Ruhrgebiet

Geballte Power im Pott

Tuning-Szene, Ruhrpott, Opel Manta B Foto: Dino Eisele 15 Bilder

Freitagabends beweist das Ruhrgebiet, dass Tuning noch immer angesagt ist: Dann rücken die Fans mit ihren umgebauten Wagen aus. auto motor und sport war dabei, als alte auf junge Freaks trafen. Typen, für die "serienmäßig" ein anderes Wort für "langweilig" ist.

18.12.2013 René Olma

Eigentlich sind wir mit dem Opel Manta B in Bochum, um für Gesprächsstoff zu sorgen. Immerhin ist das blaue Modell aus dem Fuhrpark der Rüsselsheimer Traditionsabteilung ein Schmuckstück, weil original. An jedem anderen Ort der Welt, an dem Autofans zusammenkommen, würden Augen leuchten und sich Menschentrauben um den Youngtimer bilden. Doch hier auf dem Parkplatz neben der Autobahn A 40 taugt der Klassiker bestenfalls als Tarnkappe. Er erregt ungefähr so viel Aufsehen wie ein VW Golf auf einem Wolfsburger Parkplatz.

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Reportage Tuning-Szene Power im Pott
auto motor und sport 25/2013
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Tuning-Fans treffen sich vor Kaufhaus

Aber vielleicht war das direkt vor den Toren des Tuning-Kaufhauses D&W zu erwarten. Jeden Freitagabend - auch an diesem Ende Oktober - steigt hier eine kleine Werkschau zum Thema Fahrzeug-Individualisierung. Das Tuning-Kaufhaus ist Kult, das weiß ganz Deutschland. Spätestens seit Bertie alias Til Schweiger in "Manta, Manta" hier shoppen ging. Typisch Film natürlich, alles vollkommen überzogen - so dachte der Rest der Republik.

Doch es steckt eine gehörige Portion Wahrheit in den Klischees, das zeigen der Besuch bei D&W und die Erzählungen von einigen, die damals dabei waren, wie Markus Brandt und Ludger Handke.

Mit Opel Ascona B und Manta B sind sie da, und das auch nur, weil kein Tropfen Regen angekündigt ist. Die beiden Klassiker werden penibel gehegt. Schließlich steckt reichlich Arbeit drin. Seit viereinhalb Jahren besitzt Markus den Ascona. Ein Exemplar Baujahr 1979 aus erster Hand mit 72.000 Kilometern. "Er sah aus wie frisch vom Band", erzählt der Karosseriebauer und Lackierer. Und wer seit 30 Jahren bei Opel arbeitet, kann das beurteilen.

Serienmäßig ist out

Heute ist es mit der Originalität nicht mehr allzu weit her. 15-Zoll-Felgen vom Ascona 400 zieren den Klassiker - "war nicht einfach, die Felgen haben eine Fünfloch-Anbindung, mein Ascona aber serienmäßig Vierloch" -, eine 40er-Sperre an der Hinterachse und ein 160 PS starker 2,4-Liter-Vierzylinder unter der Haube. Zudem spendierte der 49-Jährige dem Ascona eine neue grüne Lackierung.

Beim Manta B Baujahr 1984 seines Kumpels Ludger Handke sind die Umbauten noch umfangreicher. Was wohl auch damit zusammenhängt, dass er ihn schon seit 1986 besitzt. Damals ein Glücksgriff, zum einen weil der Vorbesitzer mangels Führerschein nicht zum Fahren kam, zum anderen weil das Auto aus Belgien reimportiert wurde und "keine KBA-Nummer hatte. Da konnte man praktisch alles einbauen", grinst Ludger.

Getunter Opel Manta für 50.000 Mark

Die schier endlose Liste der Modifikationen umfasst unter anderem einen 190 PS starken 2,4-Liter-Motor mit K+N-Sportluftfiltern, innenbelüftete Scheibenbremsen aus einem Opel Ascona B, Fünfgang-Sportgetriebe von Getrag, Überrollkäfig und Sportsitze. "Bis ich alles eingetragen bekam, war es eine Höllenqual. Ich musste sechsmal zum TÜV." Billig war der Umbau ohnehin nicht. Insgesamt hat der Manta rund 50.000 Mark verschlungen: "Dafür hätte ich auch einen BMW M3 gekriegt."

Zusammen mit seinem 51-jährigen Besitzer war der Opel Manta schon in der Hochphase der Opel-Szene auf dem Parkplatz vor D&W: "Freitag war das hier immer krank", erzählt Handke. Darum habe er sich das Geschehen auch meist von außerhalb angesehen: "Hier war immer zu viel Bullerei", grinst er wissend. Da konnte es schon mal vorkommen, dass die Ordnungshüter den Parkplatz abriegelten und dann die Papiere auf ordnungsgemäß eingetragene Umbauten kontrollierten. Ein Albtraum für manch stolzen Besitzer.

Es waren deutlich wildere Zeiten: Über eine Tankstelle konnte man damals dort, wo heute eine Lärmschutzwand die Sicht versperrt, direkt vom Tuning-Treff auf die Autobahn fahren, "und ein paar Meter weiter stand dann die Rennleitung", erinnert sich Markus. Die Polizei hält eben nicht viel von Rennen in ihrem Zuständigkeitsbereich.

Tuning eine Lebenseinstellung

Markus und Ludger übrigens auch nicht: "Rasen kann man, aber nur wo Platz ist. Punkte sammeln ist doof", finden sie und verweisen auf ein leeres Punktekonto in Flensburg. Wer ein aufgemotztes Auto fährt, ist also nicht unbedingt ein Rowdy. Tuning bleibt zu einem großen Teil eine Lebenseinstellung - eine Leidenschaft, die zusammenschweißt.

Die in Mantawitzen und den Filmen zur Schau getragenen Grabenkämpfe zwischen den Marken spielen bei den abendlichen Treffen sowieso kaum eine Rolle. Zwar scheinen sich auf dem Parkplatz alle nach Marken zusammenzurotten, doch beim Benzingespräch vermischt sich die Tuning-Szene.

Und zumindest an diesem Abend hat man den Eindruck, dass im Ruhrpott in der Tuningszene keine Nachwuchssorgen herrschen. Eine Meute blauer Opel OPC-Modelle, angefangen beim Corsa, tritt den Beweis an.

Tuning-Welten treffen aufeinander

Allerdings treffen bei aller Autobegeisterung Welten aufeinander. Ben Görnitz - Besitzer eines Astra GTC OPC - verfolgt die Benzingespräche von Markus und Ludger aufmerksam. Doch klassisches Tuning ist heute in Zeiten elektronischer Motorsteuerung eben kein Thema mehr. Entsprechend wenig hat er beizutragen."Hör mal, du musst den Hintern von der Playstation wegbewegen und ein bisschen googeln", frotzelt Ludger, "dann weißte, worum es geht."

"Ey fahr du erst mal die Nordschleife im Playseat mit der Playstation, dann kannste mitreden", kontert Ben. Doch schnell landen sie bei Motorleistung, Fahrzeuggewicht und den Folgen: "Vor Kurzem hat hier ein OPC Astra H einen Porsche 911 abgezogen. Der Opel war halt richtig leicht gemacht", berichtet Ben.

Doch illegale Straßenrennen sind heute weitgehend Vergangenheit. Zumindest in der guten alten Variante mit zwei Autos im direkten Fight. GPS-gestützte Systeme wie die Driftbox liefern unbestechliche Daten zu den Fahrleistungen, ohne dass der Führerschein gefährdet wäre.

Fragt sich nur, ob Ben und seine Freunde in 20 Jahren ähnliche Anekdoten auftischen können wie Markus und Ludger. Etwa die von Luigi, der seinen Manta so tief gelegt habe, "dass er an Gullis hängen blieb". Oder die Premiere von "Manta, Manta" im Autokino: "An der Autobahnabfahrt gab es zwei Fahrspuren: rechts nur für Mantas, links für alle anderen."

Zu einem ähnlichen Kultpotenzial hat es bis heute kein anderes Auto gebracht. Und selbst Ludger, von Beruf Steuerfachwirt, spielt gern mit dem Proll-Image des Manta: "Meine Frau wollte, dass ich das Auto verkaufe. Da hab ich ihr gesagt: Hömma, gescheite Frauen gibt es viele, gescheite Mantas nicht. Jetzt ist sie meine Ex, und der Manta ist noch da", grinst er.

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