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Das inakzeptable Größenwachstum von Sportwagen

Über wahre Größe

Lamborghini Aventador SV 2015 Foto: Ingo Barenschee 9 Bilder

Marcus Schurig zur Gefahr, dass Sportwagen immer öfter an ihrer Größe zu ersticken drohen, und warum Kernfaktoren wie Gewicht und Größe in den Hintergrund treten – obwohl sie ganz vorne stehen sollten.

20.11.2015 Marcus Schurig Powered by

Aus der Tatsache, dass sich im Messkoffer von sport auto kein Zentimeterband befindet, könnte man voreilig schließen, dass Länge, Breite und Höhe zu den vernachlässigbaren Dimensionen eines Sportwagens gehörten. Dem ist nicht so! Wer viele moderne Sportwagen im schnellen Wechsel fahren darf, dem fallen Unterschiede bei Größe (und Gewicht) besonders stark auf – und diesbezügliche Veränderungen.

Früher bestand die Mittellinie im Sportwagenbau aus kompakten, zweisitzigen Sportcoupés. Natürlich gab es Ausreißer, nach oben wie nach unten: Ein Aventador braucht Länge und Gewicht, anders wäre sein V12-Trumm ja in der Mitte nicht zu integrieren, Ähnliches gilt für eine Viper. Und natürlich kann das Thema auch nach unten streuen: Ein kompakter Motor sorgt für kompakte Abmessungen und wenig Gewicht – Lotus reibt uns das seit Jahrzehnten aufs Butterbrot. Und ganz ehrlich: Es ist ja auch schön, dass es Sportwagen mit ganz unterschiedlichen Konzepten gibt.

Von der Mitte an den Rand

Heute scheint aber die alte Mittellinie immer mehr zur neuen Außenlinie des Sportwagenbaus zu werden: Die Autos werden fortwährend größer (und schwerer) – selbst der gute 911 als Gralshüter alter Werte. Mir zum Beispiel reicht ein Cayman von der Größe her, nein, er ist mir lieber. Dito bei den BMW-M-Modellen: Unser Dauertest-M235i hat genau die richtige Größe – der M3 nicht, äh, sorry, M4. Beim Huracán spürt man immerhin noch das Bemühen der Designer, alles knapp zu halten und kein Carbon nur um Luft herum zu brutzeln.

Mangelnde Aufgeblasenheit kann man anderen leider nicht vorwerfen: BMW und Bentley stehen in der Querschläger-Hitliste der Pseudo-Sportler mit Sumo-Gewicht in der ersten Reihe. Auch der neue AMG GT ist zwei Kragenweiten zu groß, auf schmalen Landstraßen braucht es Geschick, Können und manchmal sogar Mut, um beim Gegenverkehr die Lücke der Schrammenfreiheit noch zu treffen.

Die Frage nach dem Warum

Und jeder Zentimeter bei Länge, Breite und Höhe versetzt auch die Waage in Rotation. Ein Teufelskreis: Das Größenwachstum wird mit Fettleibigkeit erkauft, weshalb Größe und Gewicht in der Argumentation nicht voneinander zu trennen sind. Was die Frage nach dem Warum aufwirft. Man könnte jetzt banal sagen: Die Menschen werden immer größer, also müssen auch die Autos wachsen. Aber das durchschnittliche Größenwachstum der Menschen hinkt dem aktuellen Trend zur Opulenz der Autos weit hinterher. Außerdem ist es halt überhaupt nicht so, dass die Hersteller den Größenzuwachs in Platz und Bequemlichkeit ummünzen. Der Einstieg in einem AMG GT ist ähnlich beschwerlich wie jener in eine Elise, der fette und hohe Schweller ist schuld. Da gibt es also nicht mal einen Fortschritt bei der Benutzerfreundlichkeit – trotz der Größe.

Und da unsere Straßen auch nicht breiter werden, fehlt beim geometrischen Wachstum der Sportwagen schlicht die Logik. Große Fische leben nicht in kleinen Teichen, sagt man in China. Bleibt das Thema Plattformstrategie, das Dinge oft verrutschen lässt, wenngleich auf profitable Weise. Doch diese Logik zieht bei echten Sportwagen nicht, sie stehen auf separaten Plattformen, also hätte man von Anfang die Kontrolle darüber, sie schlank und rank zu halten – wenn man es nur wollte.

Motorsport als Steigbügelhalter

Es wurde bereits früher in einem Kommentar angeregt, bei Sportwagen Größe und Gewicht als Kriterium für die Homologation im GT-Rennsport einzuführen. Denn wenn aufgeblasene Sportschlitten auf schnöden Limousinen-Plattformen wie BMW M6 oder Bentley Continental im Rennsport auch noch – fälschlicherweise – beweisen dürfen, wie sportlich sie (angeblich) sind, dann wird der Motorsport noch zum Steigbügelhalter für Fehlentwicklungen – und macht sich lächerlich.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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