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Unfälle durch Ablenkung

Zehn Prozent der Unfälle durch Multi-Tasking

Unfallursache, Trinken, Radio Foto: Picture Alliance 5 Bilder

Essen, SMS-Schreiben, Navi programmieren: Im Auto sind viele Fahrer schwer beschäftigt. Diese Ablenkung ist laut einer Studie der Allianz verantwortlich für zehn Prozent aller Unfälle.

20.04.2012 René Olma

Die meisten Menschen fühlen sich sicher im eigenen Auto. Offenbar zu sicher, kann man aus einer Studie der Allianz schließen. Danach suchen sich Menschen hinterm Steuer häufig eine Zweitbeschäftigung, die sie vom Verkehr ablenkt. Mal kurz telefonieren oder das Navi programmieren - alles alltägliche Dinge. Was soll schon passieren?

Eine ganze Menge, meinen die Autoren der Studie. Rund zehn Prozent aller Verkehrsunfälle gehen auf das Konto der Ablenkung, wie verschiedene Untersuchungen zeigen. Doch nur die spektakulären Fälle - etwa wenn ein Brummifahrer unterwegs Hanteln stemmt - führen zu einer Erwähnung in der Zeitung oder schlimmstenfalls zu einem Unfallbericht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die amtlichen Statistiken Ablenkung nicht als Unfallursache erfassen. Schließlich gibt niemand zu, dass er mit dem Navi beschäftigt war, als er von der Straße abgekommen ist. Nicht angepasste Geschwindigkeit gilt dann meist als Unfall-Ursache.

Telefonieren am Steuer ist kein Kavaliersdelikt

Am besten protokollieren die amtlichen Statistiken noch Verstöße gegen das Handyverbot - 420.000 sind beim Kraftfahrt-Bundesamt registriert. Seit 2006 hat sich die Zahl der Autofahrer, die mit dem Hörer am Ohr zu schnell unterwegs waren, von 3.800 auf 6.800 fast verdoppelt. Trotzdem gilt Telefonieren am Steuer als Kavaliersdelikt, zumal die Gefahr, erwischt zu werden, ziemlich gering ist. In der Allianz-Studie, bei der repräsentativ deutsche, österreichische und Schweizer Autofahrer befragt wurden, geben immerhin 40 Prozent zu, am Steuer zu telefonieren. Hinzu kommen 43 Prozent, die dazu eine Freisprecheinrichtung nutzen. Einen Einfluss auf ihre Fahrleistung hat das nach Meinung der meisten Studienteilnehmer allerdings kaum.

Doch da trügt die Selbstwahrnehmung: Nach Untersuchungen verzögert sich die Reaktionsfähigkeit um 0,5 Sekunden, zudem verengt sich das Blickfeld drastisch. Man achtet eigentlich nur noch auf den Abstand zum Vordermann. Laut Christoph Lauterwasser, Leiter des Allianz Zentrums für Technik, steigt das Unfallrisiko beim Telefonieren auf das Zwei- bis Dreifache.

Problematisch für die Verkehrssicherheit ist vor allem, dass gerade Fahranfänger überproportional häufig zum Handy greifen. Analog zur Verbreitung der Smartphones lenken zunehmend Kurznachrichten die Fahrer ab. 30 Prozent geben in der Befragung an, SMS oder E-Mails unterwegs zu lesen, 20 Prozent tippen sogar. "Die geistigen Ressourcen bleiben aber die gleichen", stellt Lauterwasser fest. Somit fehlt die Aufmerksamkeit für den Verkehr. Selbst praktische Extras wie die im Navi verfügbaren Staumeldungen bieten neue Ablenkung, wenn man die in Frage kommenden Streckenabschnitte unterwegs sucht.

Heimeligen Atmosphäre verleitet zu Nebentätigkeiten

Warum lässt man sich überhaupt so leicht ablenken? Nach Meinung von Lauterwasser liegt das gerade an der heimeligen Atmosphäre im Wagen, die zu Nebentätigkeiten verleitet: "Wenn wir uns im Auto wie zu Hause fühlen, machen wir Dinge, die nicht dorthin gehören." Die Realität biegt man sich dann zurecht. So kommt es, dass man die Ablenkungen von außen - sei es durch schöne Landschaft oder Geschehnisse am Straßenrand - als deutlich höhere Störquelle einschätzt, als sie laut Untersuchungen wirklich sind.

Zumal Lauterwasser vieles gar nicht als Ablenkung bezeichnen würde: "Kinder oder Tiere auf der Straße sind im Verkehr alltäglich, damit muss man immer rechnen. Solange der Wagen nicht vollautomatisch funktioniert, trägt der Fahrer die alleinige Verantwortung." Moderne Assistenzsysteme wie Abstandswarner oder Spurhalteassistent können zwar manchen Fehler ausgleichen, doch sie bleiben nur zusätzliche Helfer.

Wie stark man sich irritieren lässt, ist übrigens keine Frage des Geschlechts: Männer und Frauen liegen auf einem ähnlichen Niveau. Nur die Art der Nebentätigkeit schwankt. Männer gelten als technikaffiner und spielen im Vergleich häufiger an Navi (plus 29 Prozent) oder Freisprechanlage (plus 24 Prozent). Weibliche Fahrer beschäftigen sich dafür oft mit dem Nachwuchs (plus 40 Prozent) und schminken sich schon mal am Steuer.

Oft genügt es schon, mit den Gedanken abzuschweifen und sich zu sehr auf eine Radiosendung oder den Gesprächspartner auf dem Beifahrersitz zu konzentrieren. 77 Prozent der Befragten lassen sich durch intensive Gespräche und Streits ablenken. Ganz in den Griff wird man das Problem wohl nie bekommen.

René Olma über Ablenkung beim Fahren

Die Technik macht es uns immer leichter: Unfall voraus? Das Abstandsradar wird schon rechtzeitig den Bremsbefehl geben. Zu schnell in der Kurve? ESP verhindert den Abflug. In wenigen Jahren wird der Internetzugang im Auto selbstverständlich sein, Facebook inklusive. Neuerungen, die zu Sicherheit und Komfort beitragen, aber eben auch ablenken können.

Wenn Assistenzsysteme jedoch dazu genutzt werden, bewusst in Kauf genommene Aufmerksamkeitsdefizite auszugleichen, wird es gefährlich. Denn noch denken Autos nicht mit und können auch nicht jeden groben Fahrfehler ausbügeln. Ganz egal, wie gut die Technik auch sein mag: Wenn man vor lauter Chatten nicht mehr auf den Straßenverkehr achtet und ein Kind in Lebensgefahr bringt, ist nicht der Wagen verantwortlich, sondern einzig der Fahrer.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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