Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows

Unterwegs im Vorkriegs-Ford

Bloß nicht den Fahrer ansprechen

Ford A, Frontansicht Foto: Beate Jeske 35 Bilder

Es gab einmal eine Zeit, da waren Autos noch wild und gefährlich, und wer sie bändigte, war ein Held der Straße, die damals noch keine Straße war. Diese Zeit ist lange her - aber längst nicht vergangen, wie eine Fahrt im Ford A Speedster zeigt.

30.10.2012 Michael Orth Powered by

Der zeitgenössische Text sagt es klar: "Die Verantwortung des Fahrers ist zu groß", heißt es in "Automobil und Automobilsport", "und das kleinste Versehen kann entsetzliche Folgen haben ... Das Schlimmste für den Fahrer ist es, wenn er in Augenblicken, wo er in Fällen der Gefahr alle seine Sinne braucht, angesprochen wird ... Todsicher wird der Herr den Kopf verlieren, nervös werden, und ein Menschenfrikassee ist fertig." Guten Appetit! Gibt es in einem Wagen wie dem Ford A Speedster überhaupt Momente, die nicht Momente der Gefahr sind, in denen man nicht alle seine Sinne braucht und dennoch nur um Radesbreite vorbeifährt am Menschenfrikassee?

Ford A Speedster setzt seine Passagiere den Elementen aus

"Je weiter man zurückgeht, desto einfacher ist der Aufbau der Autos", sagt Claus Müller von der Iron Age Garage, der auf Basis von Ford-A-Fahrgestellen Speedster-Umbauten anbietet. Keine Türen, keine Fenster, kein Dach – die völlige Offenheit. Der Speedster setzt seine Passagiere den Elementen aus, statt sie von ihnen abzuschirmen. Fahren war und ist in einem solchen Wagen zuallererst Wagnis und Erlebnis, anstatt wie heute selbstverständlich am Ergebnis gemessen zu werden. "Nach jeder Fahrt riechen Sie ein bisschen nach Öl und Benzin und der Gegend, durch die Sie gekommen sind", schwärmt Claus Müller.

Einen Weg erfolgreich zu absolvieren, ganz gleich ob 1.000 Meter oder 1.000 Kilometer, geht im Ford A Speedster nicht, ohne sich auf den Wagen einzustellen. Einfühlungsvermögen, Vor- und Rücksicht sind dabei gefragt. Nicht allein der eigenen, auch der Gesundheit des Wagens zuliebe. Er ist ein lebendiges Wesen - schon das erste Berühren der handgedengelten Alukarosse, des Sitzleders oder des mit dünnem Hanfseil umwickelten Lenkrads lässt das spüren -, das unter gefühlloser, grober Behandlung leidet, so wie ein Pferd das tut. "Viele unterschätzen das", sagt Claus Müller. "Das Auto macht nicht einfach so, was ich will. Ich spiele am Steuer mit der Physik, und wenn ich das Spiel übertreibe, verliere ich es."

Wenn Fahrer und Wagen eine Einheit werden

Das ist leicht zu verstehen. Und überraschenderweise fällt auch die Bedienung des Ford A Speedster auf Anhieb nicht so viel schwieriger aus. Aus einem Loch im Boden recken sich die stählernen Hebel von Kupplung und Bremse, ein Stück daneben sehr klein das Gaspedal. Alle sind sie glatt geschliffen von Hunderten Stiefelsohlen. Hinter den zwei gekröpften Schalthebeln, die lang aus dem Boden emporstaksen - einer um die drei Gänge zu sortieren, einer für die Zwischenfahrstufen des Overdrive - ein weiteres Pedal: der Fußanlasser. Ein Druck mit der Schuhspitze, die Ferse dabei leicht am Gas, und der Vierzylinder läuft - ruhig und sanft.

Leise sirren irgendwelche Bleche, vielleicht die dünne Haube unter den dicken Lederriemen, die sie geschlossen halten. Aus dem Auspuff schnattert es im Leerlauf, doch jeden sanften Gasstoß beantwortet der noch kalte Motor mit einem Brabbeln und Grummeln und Röcheln wie ein schlecht gelauntes Wesen aus einer Märchenwelt, das sich zunächst nur widerwillig an der Leine des Besitzers führen lässt. Erster Gang links hinten, zweiter rechts vorn, kuppeln, Leerlauf, Zwischengas, kuppeln, schalten. Heißt: am Hebel mit viel Gefühl zwischen den nicht synchronisiert laufenden Zahnrädern des Getriebes vermitteln, vier Arbeitsschritte jeder Schaltvorgang. Konzentriert, vorsichtig.

Schon Tempo 30 fühlt sich an, als müsse man nie wieder schneller fahren, weil es um Geschwindigkeit gar nicht geht. Sondern um Verständnis, darum, etwas gemeinsam zu machen, zusammen zu funktionieren. Fahrer und Wagen als Einheit, als sei der eine nicht komplett ohne den anderen, als brauche man die gegenseitige Ergänzung. Schon nach den ersten zögerlichen Versuchen im Ford A Speedster möchte man nicht mehr auf sie verzichten.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Empfehlungen aus dem Netzwerk
Gebrauchtwagen Angebote