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Urteilsbegründung

Vermutungen, aber keine Beweise

Foto: dpa 53 Bilder

Die FIA hat die Karten auf den Tisch gelegt. Der Weltverband dokumentierte auf 15 Seiten, warum der Weltrat am Donnerstag (13.9.) zu so einer drakonischen Strafe gegen McLaren-Mercedes gekommen ist.

14.09.2007 Michael Schmidt Powered by

McLaren wird im wesentlichen vorgeworfen, bei der ersten Weltratsitzung am 26. Juli nicht ganz die Wahrheit gesagt zu haben. Damals hatte Teamchef Ron Dennis behauptet, dass nur zwei seiner Mitarbeiter vom Kontakt zwischen McLaren-Chefdesigner Mike Coughlan und Ferrari-Chef Nigel Stepney Bescheid gewusst hätten. Die neuen Beweise, so die FIA, hätten ergeben, dass zumindest auch Pedro de la Rosa und Fernando Alonso Bescheid gewusst haben.

E-Mail-Verkehr als Beweisquelle

Diese neuen Erkenntnisse Ron Dennis als Lüge auszulegen, beruhen allerdings auf Vermutungen. Dennis wurde nach auto motor und sport-Informationen von Alonso selbst eingeweiht, dass er mehr zu diesem Fall wisse. Um was genau es ging, ließ der Spanier offen. Daraufhin informierte McLaren die FIA, in dieser Angelegenheit selbst Nachforschungen anzustellen. Die Beweisführung gliedert in drei Teile. Als ersten Punkt handeln die FIA-Anwälte den E-Mail-Verkehr zwischen Pedro de la Rosa und Fernando Alonso ab. Im Detail werden fünf technische Indiskretionen exakt angesprochen.

Gewichtsverteilung: Pedro de la Rosa bat seinen Kumpel Coughlan, ihm die genauen Daten der Gewichtsverteilung des Ferrari mitzuteilen. Hinweis: "Wir könnten diese ja in unserem Simulator ausprobieren." Die Antwort schickte de la Rosa am 25. März via E-Mail an Alonso, der in Malaysia für McLaren an Testfahrten teilnahm. Alonso antwortete: "Diese Gewichtsverteilung überrascht mich. Kann man diesen Zahlen trauen?" De la Rosa beruhigte seinen Landsmann, dass die Information von Nigel Stepney via Coughlan komme und deshalb glaubhaft sei. Als sich herausstellte, dass der McLaren eine komplett andere Gewichtsverteilung verwendet als Ferrari, wurde der Plan verworfen, die Daten des fremden Teams im Simulator zu testen.

Der Weltrat kommentierte: "Es scheint uns unwahrscheinlich, dass ein Testfahrer darüber zu befinden hat, welche Programme im Simulator laufen. McLaren-Direktor Martin Whitmarsh korrigiert: "Wir können nachweisen, dass kein Programm dieser Art je auf dem Simulator probiert wurde. de la Rosa hat als Testfahrer genügend Fachkenntnis um zu wissen, dass es keinen Sinn machen würde, eine derart unterschiedliche Gewichtsabteilung auf unser Auto zu übertragen."

Flexible Flügel und Aero-Balance: Auch in diesen Punkten lieferte Coughlan an de la Rosa exakte Daten für eine Geschwindigkeit bei 250 km/h. Der Weltrat räumte ein, dass flexible Flügel von McLaren auch durch Beobachtung hätten entdeckt werden können, mahnt aber die genauen Daten zur Aero-Balance an. Es bleibt jedoch offen, ob McLaren diese Information genutzt hat und ob diese von Coughlan auch an andere Teammitglieder kommuniziert worden ist.

Reifengas: Ferrari füllt die Reifen mit CO2. Coughlan riet de la Rosa, das auch mal zu probieren. Als sich der Spanier bei Bridgestone erkundigte, wurde ihm erzählt: "Das ist eine fünf Jahre alte Geschichte. Es hat sich nie ein Vorteil ergeben." Daraufhin gab de la Rosa den Tipp von Coughlan nicht weiter. Mit der Erklärung, dass er sich keinen Vorteil für das Team versprach.

Bremsbalance-System: Ferrari wirft McLaren vor, Details des Bremsbalance-Systems für das eigene Verwendung verwendet zu haben. McLaren streitet dies vehement ab. Man verwende eine mechanische Bremskraftregelung, Ferrari offenbar ein Hydrauliksystem. Die Funktion, die Bremskraft an die Hinterräder mit einer Verzögerung abzugeben, sei seit zehn Jahren Standard in der Formel 1.

Rennstrategie: Der Weltrat wirft McLaren vor, von Coughlan die Runden erfahren zu haben, wann die Ferrari-Fahrer in Melbourne und Bahrain stoppen würden. Coughlan hatte de la Rosa vor dem GP Australien in einer SMS-Meldung die Runde 18 für Räikkönen übermittelt. Räikkönen sei zwar dann erst in Runde 19 zum Tanken gekommen, doch könne man daraus eine klare Vorteilsnahme schließen, weil McLaren über die Taktik des Gegners informiert gewesen sei.

Widerspruch: Sollte McLaren auf diesem Weg davon erfahren haben, dann war der Zeitpunkt auf jeden Fall zu spät. Das Team musste sich bis spätestens kurz vor dem Finaldurchgang der Qualifikation auf die eigene Strategie festgelegt haben. Schon eine Stundce nach der Qualifikation wissen alle Teams durch eigene Berechnungen bis auf eine Runde genau, mit welcher Strategie die Gegner antreten. De la Rosa stellte klar, dass es ein normaler Vorgang sei, sich mit Fahrer oder Teammitgliedern der Konkurrenz zu unterhalten, und sollte da mal unbedacht eine Information weitergegeben werden, würde er selbstverständlich sein Team in Kenntnis setzen.

Systematischer Informationsfluss

Der zweite Teil der FIA-Urteilsbegründung bezog sich auf die exzessive Kommuniktion zwischen Stepney und Coughlan zwischen dem 15. März und dem 31. Juli. Insgesamt seien 323 E-Mails, SMS oder Telefonate zwischen den beiden Hauptdarstellern des Spionagedramas aufgezeichnet worden, allerdings ohne Inhalte. Der Weltrat bewertete diesen regelmäßigen Kontakt als "systematischen Informationsfluss von einem zum anderen Team". Weil die Kontakte häufig während Testfahrten und Rennwochenenden stattfanden, müsse man annehmen, dass McLaren aus dem Informationsfluss einen Vorteil gezogen habe. Wörtlich: "Es ist von hoher Wahrscheinlichkeit, dass Stepneys Informationen Einfluss auf Coughlans Arbeit und seine Entscheidungen in seiner Tätigkeit als Chefdesigner gehabt haben."

Als letzter Punkt zu Lasten von McLaren wird die Rolle von Mike Coughlan angesprochen. Als Zeuge wurde Ex-Ferrari-Technikchef Ross Brawn vernommen. Er sollte dem Weltrat die Aufgaben eines Chefdesigners erklären. Daraufhin kamen die Weltratsmitglieder zu dem Schluss, dass Coughlan bei McLaren eine wichtigere Rolle gespielt habe, als man zunächst angenommen habe.

Kein handfester Beweis

In seinem Schlusswort muss der Weltrat zugeben, dass es keinerlei Beweise gebe, wonach Informationen aus dem Ferrari-Dossier in die Entwicklung des aktuellen McLaren eingeflossen seien. Gleichwohl müsse man davon ausgehen, dass Coughlan aufgrund seines Wissens einigen Projekten in der McLaren-Technikabteilung eine Priorität gegeben habe, wie es ohne diese Informationen vielleicht nicht der Fall gewesen sei. Man könne deshalb davon ausgehen, dass sich McLaren einen unerlaubten Vorteil erschwindelt habe. Außerdem kapriziert sich die FIA darauf, dass McLaren bei der ersten Weltratsitzung die neuen Fakten verschwiegen habe. Es kann aber erneut nicht bewiesen werden, ob McLaren zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht mehr wusste.

Der Weltrat beruft sich auf den Paragrafen 151c, der es der FIA erlaubt, Lizenznehmer zu bestrafen, wenn sie das Ansehen des Sports beschädigt haben. Das jedoch ist ein Gummiparagraph. Toyota ging vor zwei Jahren für ein ähnliches Vergehen straffrei aus, obwohl hier die Beweislage eindeutig war. Der häufigste Satz in der 15-seitigen Erklärung lautet: "Wir müssen davon ausgehen..." Hier stellt sich das Fahrerlager die Frage, ob eine derart dünne Beweislage ausreicht, ein derart hartes Urteil auszusprechen.

Moralischer Fehler bei McLaren

McLaren, so der Tenor, habe eine moralische Verpflichtung gehabt, Ferrari darüber einzuweihen, dass es in Maranello einen Mauwurf gibt. Eine Geldstrafe wäre zu vertreten gewesen. Der Ausschluss aus der Konstrukteurs-WM impliziert aber, dass die sportlichen Erfolge von McLaren auf den Besitz der Informationen von Ferrari zurückzuführen sei. Dieser Nachweis konnte auch am Donnerstag nicht erbracht werden.

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