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Neue Deutsche Diesel Welle

Foto: Audi 20 Bilder

Jetzt versuchen es die großen deutschen Hersteller gemeinsam: Der Jahreswechsel 2008 / 2009 soll ein Wendepunkt sein. Die V8- und benzinverliebten Amerikaner sollen die gleichermaßen sparsamen wie kraftvollen Diesel endlich in ihr Herz schließen.

13.10.2008

War es zunächst nur Mercedes-Benz, die noch in Daimler-Chrysler-Gewänder gehüllt, die Selbstzündertechnik unter dem Label "Bluetec" auf den US-Markt brachten, so versuchen es die unnachgiebigen Deutschen nunmehr im kraftvollen Quartett. Audi, BMW, Mercedes und Volkswagen kämpfen Seite an Seite gegen Vorurteile, fallende Benzinpreise und die allgegenwärtige Hybriddiskussion. Ende 2008 ist die Schonzeit vorbei. Audi und BMW machen aus dem Duett Mercedes und Volkswagen ein Quartett und drücken bei der neuen deutschen Dieselwelle aufs Tempo. Mit aller Gewalt will man die Alternative zu Benzin- und Hybridmodellen in die Köpfe der mehr als verunsicherten US-Kundschaft pressen. Audi startet mit dem Audi Q7 3.0 TDI seine neu initiierte Dieseloffensive - nach den Meinungsverschiedenheiten mit den einstigen Waffenbrüdern aus Stuttgart nunmehr ganz ohne den Namenszusatz Bluetec.

Diesel statt Hybrid

Nachdem der fast fertig entwickelte Q7 Hybrid kurz vor der Marktreife zurückgezogen worden war, soll nun der Q7 3.0 TDI den Weg für sparsame und hoch effiziente Audi-Modelle ebnen. Im Gegensatz zum deutschen Q7 3.0 TDI verfügt der mächtige SUV über eine Harnstoffeinspritzung und ein geändertes Triebwerk, was ihn zum Fahrzeug mit dem begehrten Titel "ultra low emission vehicle" (ULEV) werden lässt. Der Chef von Audi of North America, Johan de Nysschen, sieht die Chancen prächtig: "Sicher hätten wir es bei vielen US-Kunden einfacher gehabt, wenn wir den Q7 zunächst mit einem Hybrid auf den Markt gebracht hätten. Aber gerade auf den Highways haben wir mit dem TDI deutliche Vorteile." Aus diesem Grund veranstaltet Audi derzeit eine zweiwöchige Coast-to-Coast-Tour, bei der die Ingolstädter Dieselmodelle zeigen sollen, wie sparsam und sauber sie sind.

"Es hilft, dass nun mehrere Hersteller aus Europa hier Diesel anbieten", so Johan de Nysschen, "wenn Mercedes für Bluetec und BMW für seine neuen Clean Diesel werben, hilft das natürlich auch uns - und umgekehrt. Wir müssen den Amerikanern einfach Lust auf Diesel machen." Dem Q7 sollen A4 und Q5 - jeweils mit einem 210 PS starkem 3.0-TDI-Triebwerk - folgen. Der Aufpreis zu einem ähnlich motorisierten Benziner soll bei 2.500 bis 3.000 Dollar liegen.

Tim Regenold, Verkaufsleiter bei Gossett, dem größten Mehrmarkenhändler in Memphis, sieht das nicht anders: "Wir könnten gerade von dem VW Jetta TDI mehr Diesel verkaufen, wenn wir nur mehr Fahrzeuge bekommen würden. Gerade ein Auto wie den Audi Q5 könnten wir als Diesel bei uns gut brauchen. Wenn der Q7 TDI als Clean Diesel jetzt kommt, sollte ein Modellanteil von 25 Prozent drin sein. Wenn saubere Diesel flächendeckend beworben werden, auch deutlich mehr."

Auch wenn sich die Verkäufer Tim Regenold und Dustin Smith von Gossett-Motors in der Elvis-Stadt Memphis wohl noch mehr über einen Hybriden aus dem Hause VW / Audi gefreut hätten, können sie die neue deutsche Dieselwelle kaum erwarten: "Wenn man sich für einen Hybrid entscheidet, ist es wie bei der Wahl eines Demokraten: Du hast ein reines Gewissen - aber am Ende zahlst Du die Rechung."

Auf einen Trend zum Diesel setzt auch BMW. Wie so oft trommelt man in München etwas leiser. Das gilt auch für den US-Start des vermeintlichen Allheilbringers Diesel. BMW 335d und X5 3.0 sd sollen Ende 2008 die ersten BMW-Selbstzünder auf dem US-Markt sein. Anders als die Konkurrenz kaprizieren sich die Münchner auf die leistungsstarken Topmodelle mit doppelter Turboaufladung und 265 US-PS. Sauber und sparsam sollen die flinken Bayern trotzdem sein. Auf dem Highway verspricht BMW mit dem 335d über 35 Meilen pro Gallone. Audi bannte mit seinen Dieselversionen von Q5, Q7, A4 und A3 Sportback bei dem Coast-to-Coast-Marathon bis zum 50 Meilen pro Gallone in die Highways. Das sind rund 4,8 Liter pro 100 Kilometer.

Mit Wohlwollen sieht diese Dieselbestrebungen auch Mercedes. Die Schwaben haben nicht nur mit ihrer 2006 eingeläuteten Bluetec-Offensive die größte Dieselerfahrung. Über alle Baureihen, die in den USA als Dieselvariante angeboten werden, liegt der Diesel-Anteil bei rund 18 Prozent. "Bei einzelnen SUV-Modellen liegt der Diesel-Anteil sogar noch höher", so Mercedes-Benz-Sprecher Michael Allner, "wie beispielsweise bei der GL-Klasse mit einem Anteil von 25 Prozent." Die Bluetec-Modelle der ML, GL oder E-Klasse kosten im Vergleich zu den ähnlich starken Benzinmodellen einen Aufpreis von gerade einmal 1.000 Dollar.

Anfang der 80er Jahre waren bis zu 80 Prozent aller in den USA zugelassenen Mercedes-Fahrzeuge Dieselmodelle. Bestseller war der träge, aber als langlebig und sparsam bekannte Mercedes 300 SD / SDL, der in Kalifornien immer noch die Straßen bevölkert. Sogar das Limousine, T-Modell und Coupé der beliebten 123er Baureihe wurden im Sonnenstaat Kalifornien eine Zeit als Diesel angeboten. Aufgrund weiterer Emissionsverschärfung und einer anhaltend negativen Einstellung zum Dieselmotor stellte Mercedes ebenso wie einige US-Hersteller den Vertrieb von Dieselmodellen ein.

Seither ist die Selbstzündertechnik in den Vereinigten Staaten auf verlorenem Posten. In diesem Jahr wurden bis Ende August gerade einmal 11.600 Diesel-Pkw zugelassen. Gemessen an den Hybrid-Zulassungen (265.000 Autos) im gleichen Zeitraum sind das nicht einmal fünf Prozent. Und wer die Gesamtzahl der Neuzulassungen sieht, dass auch die Hybridmodelle absolut betrachtet alles andere ein Verkaufserfolg sind. So unterschiedlich die Autotypen des gemeinen Amerikaners auch sind - egal ob in Beverly Hills, Boca Raton oder im Mittleren Westen - man kauft sich im Normalfall einen Benziner.

Die Voraussetzungen für einen neuerlichen Start einer Diesel-Offensive könnten besser sein. Die meisten Amerikaner haben derzeit besseres zu tun, als sich mit neuen Antriebstechnologien zu beschäftigen. Es geht um den eigenen Job, das Haus, die Kredite und das normale Leben. Da fällt ein neues Antriebskonzept schon einmal hinten über.

Hoher Dieselpreis

Ein größeres Problem liegt jedoch in den fallenden Benzinpreisen. Die Zeiten in denen eine Gallone (3,8 Liter) Dieselkraftstoff fast fünf Dollar kostete sind lange vorbei. Die deutlich gefallenen Rohölkosten haben sich in den USA weit stärker ausgewirkt, als in Europa. Die Gallone bleifreies Benzin kostet oftmals deutlich unter drei Dollar und nach wie vor ist der Dieselkraftstoff 40 bis 80 Cent teurer. Dabei ist es nicht so, dass man den Amerikaner die Dieseltechnik komplett neue erklären müsste. In den späten 70er und frühen 80er Jahren gab es ebenfalls einige US-Hersteller, die Dieselfahrzeuge im Programm hatten. Heute findet man diese fast ausschließlich bei Transportern, Lastwagen und großen Pick Ups. So hat der Dodge Sprinter mit seinem drei Liter großen V6-Diesel noch einen Anteil von 96 Prozent. Auch Dodge Ram werden zu mehr als drei Viertel mit Cummins-Dieselaggregaten ausgeliefert. Dagegen hat ein Jeep Grand Cherokee 3.0 V6 Diesel mit seinen knapp 1.300 Einheiten nicht einmal drei Prozent im Modellmix.

Bleibt abzuwarten, ob die Amerikaner auf dem Dieselzug aufspringen, oder ihn durchs weite Land rauschen lassen. Die Zeit scheint reif, große SUV auch zwischen New York und Los Angeles mit effizienten Dieselmotoren sparsamer zu machen. Das ändert nichts daran, dass jeder der deutschen Hersteller auch dieses Mal wieder sein eigenes Süppchen kocht. Hier war man im Herbst 2006 schon einmal weiter.


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