USA Reise: Mit dem Audi Sport Quattro zum Pikes Peak

Von 1985 bis 1987 dominierten Audi-Piloten das US-Bergrennen, das über 156 Kehren hoch zum Gipfel des Pikes Peak führt. Wir gingen mit einem kurzen Sport Quattro auf Spurensuche.

Die rote Nadel im Tourenzähler vibriert der 4.000er-Marke entgegen. Dann setzt jener Schub ein, der typisch für Turbomotoren alten Schlages ist – atemberaubend, brutal und urgewaltig. Vehement geht das Auto zur Sache; in den engen, ungeteerten Kurven spritzen Steine auf. Das Heck schwänzelt wie ein aufgeschreckter Alligator, und im Rückspiegel verschwindet in Blitzesschnelle der soeben passierte Kleinbus, dessen Insassen dem wild gewordenen Allradler hinterherstarren. Wir sind auf dem Weg zum Pikes Peak, einem der höchsten Berge der USA. Dort wird seit 1916 alljährlich ein extrem hartes Bergrennen ausgetragen. Mitte der achtziger Jahre kamen hochgezüchtete Rallyewagen der damaligen Gruppe B aus Europa zum "“Pikes Peak International Hill Climb".

Drei Mal dominierte Audi das Geschehen: 1985 gewann Michèle Mouton, 1986 wiederholte Bobby Unser den Sieg. Und 1987 triumphierte Walter Röhrl auf einem 600 PS starken, 1.000 Kilogramm leichten Sport Quattro S1 mit kurzem Radstand und gewaltigem Flügelwerk.

Röhrl: Da fällst du einfach von der Kante

Acht Mal hatte der Bayer die Strecke mit einem Leihwagen abgefahren und seiner Frau das "Gebetbuch" diktiert. Am Renntag düste er binnen zehn Minuten, 47 Sekunden und 85 Hundertstelsekunden haarscharf am Abgrund vorbei zum 19,9 Kilometer entfernten Gipfel – mit Spitzengeschwindigkeiten jenseits von 200 km/h. "Wenn Du zu weit nach außen kommst, fällst Du einfach von der Kante, 500 Meter tief", erinnert er sich in seinem Buch "Aufschrieb": "Viele Kurven führen über langgestreckte Buckel, ich sah nicht den Kurvenausgang, sondern nur den Himmel. Wie eine Fahrt ins Blaue."

Mit 1.000 PS auf den Berg

Im Folgejahr war Audi nicht mehr dabei, Peugeot avancierte zum haushohen Gewinner. Den Streckenrekord hielt ab 1994 der Neuseeländer Rod Millen mit einem allradgetriebenen Toyota Celica mit 850 PS. Zudem starten Jahr für Jahr über 100 Motorräder, 50 Rennautos und eine Handvoll Trucks ihr Rennen gegen die Uhr – angefeuert von 4.000 bis 5.000 Besuchern. 2007 und 2008 wurden die magischen zehn Minuten von Nobushiro Tajama auf einem 1.000 PS starken Suzuki-SUV fast unterboten. Er will es am 19. Juli 2009 erneut versuchen. Rennveranstalter Bob Gillies hofft, dass künftig auch wieder europäische Rallyeautos nach Colorado kommen – für sie würde er eine eigene Klasse etablieren.

Audi gilt seit den Rekordfahrten der Achtziger in den USA als besonders sportliche Marke. Nur ein Dutzend zivile Sport Quattro kam damals ins Land, das Gros der 220 Einheiten blieb in Europa. Unser Auto stammt aus der ersten Serie von 1984. In Deutschland kostete es 195.000, später sogar 203.500 Mark. Wir bewegen einen jener raren US-Exporte, in traditionellem Rot mit weißen 15er-Cup-Felgen und Semi-Slicks. Auf den vier unbefestigten Abschnitten der 22-Kilometer-Piste haben sie Mühe, die 306 Turbo-PS des Fünfzylinders in Traktion zu verwandeln. Schnell ist die Bergspitze erreicht.

Bremsprüfung auf halber Höhe

Gleichzeitig trifft der Schienenbus ein, der eineinhalb Stunden zuvor in Manitou Springs gestartet war. Schwer atmend quälen sich die Passagiere heraus, die Luft ist sehr dünn hier oben. Ein cleverer Geschäftsmann bietet Dosen mit Sauerstoff an. So gestärkt lässt sich das beeindruckende Panorama der schneebedeckten Rocky Mountains viel besser genießen. Runter lassen wir es ruhiger angehen – vor allem wegen der Bremsenprüfstation. Denn auf halber Strecke steht ein Uniformierter, der die Temperatur an den Stahlscheiben misst – sind sie zu heiß, muss pausiert werden. Früher habe man mit dem Daumen geprüft, lacht Ranger Steve, der als junger Mann dem Peugeot-Piloten Ari Vatanen die Piste zeigte. Dann ist plötzlich ein aufgebrachter Kollege zur Stelle: Es habe Beschwerden wegen unserer eiligen Kurvenfahrt gegeben, er müsse uns zum Sheriff bringen. Das hat Stil, fährt es mir durch den Kopf, schließlich musste auch Schnellfahrerin Michèle Mouton vor 20 Jahren mit aufs Polizeirevier.

Aber das Ganze geht gut aus, als wir hoch und heilig versprechen, die Fahrt "very, very slowly" fortzusetzen. Entsprechend gesittet rollen wir zu den Zielen im näheren Umland. Da ist der Garden of the Gods, eine wilde Felslandschaft mit markant geformten Steinen. Gleich ums Eck geht es nach Manitou Springs, wo eine antike Indianersiedlung im Miniaturformat nachgebaut worden ist. Nebenan gibt es zudem eine aufgegebene Goldmine (Mollie Kathleen Gold Mine): Dort wurde um 1890 das wertvolle Metall gefördert – und oft genug in üblen Spelunken verflüssigt. Auch Colorado Springs, die gemütliche Stadt am Fuße des Pikes Peak, ist einen längeren Aufenthalt wert. Wir erleben dort früh um halb sechs das alljährliche große Farmer’s Breakfast unter freiem Himmel.

Der Quattro ist kein Geländefahrzeug

Anschließend absolvieren wir noch eine Schotterpiste, die in der Karte falsch vermerkt ist. Nie hätten wir sie dem Oldie zugemutet, aber wir können uns keinen Umweg mehr leisten. "Der Quattro ist kein Geländefahrzeug", warnt die Betriebsanleitung, "dafür ist seine Bodenfreiheit zu gering." Aber das bejahrte Auto schlägt sich wacker. Fast 400 Meilen liegen schließlich hinter uns, als der Renner verladen wird. Hoffentlich lassen sie ihn bald mal wieder raus an die frische Luft. Am besten hoch zum Pikes Peak.

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Eberhard Kittler

Autor:

auto motor und sport, Heft 12 / 2008

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