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User-Beitrag: Schönste Tour

Mit einem Lappländer durchs isländische Hochland

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"Dachte ich's mir doch, dass deine tolle Straße im Nichts endet! Wir müssen umdrehen!" Auf ihrer Hochzeitsreise durch das isländische Hochland bekam Wilhelm Seefried diesen Kommentar des Öfteren von seiner frisch vermählten Ehefrau Krishna zu hören. Doch der Faszination des Nordens konnte auch sie sich nicht entziehen.

18.06.2009 Powered by

Ein Fluss versperrt uns den Weg . Die Reifenspuren, denen wir in einer Durchschnittsgeschwindigkeit von weniger als 15 km/h seit Stunden über Lava-Geröll, Sand und Moore durch die Einsamkeit des isländischen Hochlandes gefolgt sind, verlieren sich links und rechts des Kiesufers. „Nein, nein, es ist ganz normal in Island, dass die Flüsse keine Brücken haben. Der Weg geht durch den Fluss, glaub´s  mir, Schatz, ich bin schon seit fünf Jahren jedes Jahr im isländischen Hochland unterwegs!“, versuche ich, meine Frau zu beruhigen. „Das ist kein Fluss, das ist ein Meer!“ beschreibt meine Frau entsetzt die Wassermassen, die da vor uns strömen, mit dem rettenden Ufer erst in 100 Meter Entfernung. Ihr entgeht auch meine Anspannung nicht, die mich selbst nach sechs 4x4-Reisen durch Island immer noch jedes Mal dann befällt, wenn ich vor einem dieser augenscheinlich reißenden, tiefen Flüsse stehe, deren einziges „Durchfahrbarkeits-Anzeichen“ einige wenige Reifenspuren sind, die zu beiden Seiten des Flusses in die Fluten führen…

Vor uns fließt die Blandá, einer der großen bekannten Flüsse Islands, der von den Gletschern im Landesinneren bis zur nördl. Küste Islands fließt und sich bei Blönduós mit dem Meer vereinigt, einem verschlafenen Fischerdörfchen, in dem einst eine der letzten genialen alles reparierenden Werkstätten unserer Zivilisation meinem kleinen Expeditionsfahrzeug einen „neuen“ 30 Jahre alten Motor aus einer Bauernscheune implantiert hatte – erfolgreich! „Schatz, ich muss jetzt in den eisigen Fluss und probewaten, um einen möglichen Weg durch den Fluss für unser Fahrzeug zu finden!“, sage ich versuchsweise mitleiderweckend, während ich Schuhe, Strümpfe und Hose ausziehe und mich mental auf die Kneipptour durchs Gletscherwasser vorbereite. Keine Spur des Mitleids auf den Lippen meiner frischen Ehegattin, aber immerhin weicht ihre Angst und Wut einem süffisanten schadenfrohen Lächeln, während sie mich dabei beobachtet, wie ich lediglich in Unterhose schmerzverzerrt ob der nadelstichartigen Kälte an den Beinen minutenlang durch den Fluss stake und Wassertiefe und Untergrund erkunde.

Ich weiß, ich weiß: Die isländischen Profis machen das mit Wathose und Messlatte. Und die fahren auch nicht so wie wir mit nem Einzel-Fahrzeug in Gegenden rum, wo selbst in der Hochsaison tagelang niemand vorbeikommt. „Aðeins breyttum jeppum, minnst tveimur saman“ (= nur hohe Geländewagen, mindestens zwei zusammen) steht als Warnung in der isländischen Offroad-Fibel „Ekið um óbyggðir“ des 4x4-Ferðaklubburinn (=4x4-Reiseclub) Islands über unsere heutige Piste, ein alter Reitpfad zwischen den beiden Hochlandgletschern Hofsjökull und Langjökull.

Wir sind keine „isländischen Profis“ – auch wenn wir aufgrund unseres isländischen Oldtimer-Kfz-Kennzeichens von den Einheimischen meist auf Isländisch angesprochen werden. Wer wir sind? Ich bin ein seit fünf Jahren islandbegeisterter „geringfügig fortgeschrittener“ 4x4-Fahrer und meine vor kurzem erst angetraute Ehegattin ist aus Indien, die bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal ihren Heimatdistrikt im Grenzland zwischen Indien und Bangladesh verlassen hatte – und ein klitzekleines Etwas noch unbekannten Geschlechts in ihrem Bauch – auf Hochzeitsreise mit meinem knapp 30 Jahre alten Volvo Lappländer C202 in damals in Kleinstserie gefertigtem Island-Umbau (rauchschwarze Scheiben rundum incl. Frontscheibe, wohnliche Innenausstattung in weinrotem Velourstoff, riesige Seitentür und weitere Veränderungen; aktueller Bestand weltweit: fünf Stück!).

Wie bringt man überhaupt eine Bengalin dazu, eine Offroad-Hochzeitsreise mit einem 30 Jahre alten Geländeoldtimer nach Island zu machen, ein Land, dessen Klima selbst im Sommer ihr Heimatland Indien um 30 Grad unterbietet? Meine Familie dachte, wir machen Honeymoon in Switzerland. "Ist Island wirklich noch schöner?“, fragte sie mich. Meine auf Erfahrung von sechs bisherigen Islandreisen zu Fuß, mit dem MTB und dem Geländewagen basierende Antwort klang wie aus dem Hochglanzprospekt: „Island ist das interessanteste und aufregendste Land der Welt, Schatz: heute noch tätige Vulkane, bedeckt von Europas größten Gletschern; imposante Wasserfälle, gespeist von gewaltigen Gletscherflüssen; kochende Geysire, von denen einer alle paar Minuten über 30 Meter hohe kochendheiße Fontänen spuckt; heiße Quellen, eingeschlossen im ewigen Eis; brodelnde, blubbernde Schwefelquellen;… Du wirst staunen, was ich dir in den nächsten vier Wochen alles zeigen werde!“

Was ich aber vorsichtshalber gar nicht erst erwähnt hatte: All diese Naturschauspiele, die ich meiner Braut farbenprächtig geschildert hatte und die ich selbst in meinen vorangegangenen sechs Islandreisen schon bis zum Abwinken bewundert hatte, möchte ich diesmal ausschließlich auf Hochland-Offroad-Tracks in bisher nie gewagten Schwierigkeitsgraden erreichen!

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