Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Veterama 2008

Nur an Liebhaber

Foto: Hardy Mutschler 8 Bilder

Sein spätes Sommerglück erlebt der Youngtimer-Fan auf dem Marktplatz der Herbst-Veterama. Ein Festival der Farben, Formen und Typen. Jürgen Keidel und Michael Pierlic brachten gleich ihren ganzen VW-Bauchladen mit.

06.02.2009 Alf Cremers Powered by

Diamantsilber, riadgelb und marsrot. Zwei bunte VW Golf und ein Jetta, alles Viertürer mit dem 1,5- Liter-70-PS-Motor. Auf Rampen geparkt, mit offenen Hauben und tief glänzendem Lack. So präsentiert, als hätte ein V.A.G-Händler an einem Sonnabend vor 25 Jahren Tag der offenen Tür. Welch perfekte Illusion. Jürgen Keidel und Michael Pierlich von J.K.-Automobile zeigen ihre Schätze gleich nach der Einfahrt zum Freigelände. Sie haben sich auf wassergekühlte VW-Youngtimer spezialisiert, würden auch vor einem Santana nicht zurückschrecken.

„Wir kaufen sehr gut erhaltene Youngtimer von VW - ob Golf, Derby, Jetta oder Passat. Gute Ausstattung, wenig Laufleistung“, erläutert Jürgen Keidel knapp und plausibel die Geschäftsphilosophie. Der Marsrote ist ein 79er Golf GLS mit 50 000 km für 3900 Euro. Der riadgelbe Golf LS hat Schiebedach, 83 000 km, 3200 Euro. Auch der Jetta ist von 1982, ein schmucker GLS, 114 000 km, 2900 Euro. Rasch ging der Rote weg. Selbst am Jetta, einst piefig, heute cool, klebt bald das Schild „Verkauft.“ Heute haben sich Sonnenschein und Kauflust zur Partylaune verbündet. Wer jetzt noch ohne Youngtimer ist, der kauft sich lange keinen mehr.

Immer wieder blitzen zwischen den Mercedes-Spalieren seltene, skurrile Youngtimer auf – wie das Fiat Ritmo Super 85 Cabriolet von Volker Welter aus Düren. Erste Serie, erste Hand, erster Lack. Schöner Zustand bis auf das Verdeck, wenig Rost. Das Rosso Aranci (Orangerot) der Bertone Karosserie mit Targabügel leuchtet mit der Nachmittagssonne um die Wette. Knapp 160 000 Kilometer ist der Wagen gelaufen. Der drehfreudige 1,5- Liter-OHC-Motor mit 85 PS fällt Welter nach dem Start und ein paar stimulierenden Gaspedalbewegungen temperamentvoll ins Wort. „Ein schönes Cabrio für nur 1850 Euro Verhandlungsbasis, ich verstehe gar nicht, warum es noch nicht verkauft ist“, seufzt Welter.

„Alle sind entzückt, freuen sich beim Vorbeigehen, aber keiner hat den Mut, es zu nehmen. Vielen ist es wohl zu ausgefallen“, ahnt der sympathische Rheinländer und verweist auf die makellose Innenausstattung im psychedelisch angehauchten Fiat-Stil der frühen Achtziger. Wie ein mobiles China-Restaurant auf vier Rädern wirkt schon von weitem der Publikumsmagnet der Youngtimer- Freihandelszone.

Diese pietätslose Beschreibung betrifft einen bizarren japanischen Leichenwagen, der einen Buddha-Tempel huckepack trägt. Furcht erregende Drachen und milde lächelnde Buddha-Statuen schmücken den feudalen Nissan President, eine 5,25 lange Staatskarosse mit 4,4-Liter- V8-Motor und 200 PS. Franz Dertnig aus Hassloch bietet den zuletzt aus England importierten Rechtslenker, ein 89er im antiquierten Stil eines 69ers, für 29 500 Euro an. Dertnig sonnt sich im Glanze matten Blattgolds, mit den Drachen ist er hier der Platzhirsch: „Ich habe wohl das auffälligste Auto der Welt.“

Nach diesem spirituellen Ausflug in die Bestattungsriten des Zen-Buddhismus sorgt das 85er Toyota Celica 16 V Cabriolet wieder für Bodenhaftung. Tilbert Großmüller aus Heidelberg verlangt 7500 Euro für diese Rarität auf Basis der letzten klassischen Celica-Generation, die intern TA6 heißt. Die Firma Voll-Fahrzeugtechnik, bekannt als Maßschneider für Opel Cabriolets, verwandelte auch die Celica. Opel-Fan Großmüller fand auf dieser Schiene zum raren Japaner, den herrlich zeitgenössische Ronal-Alu-Räder im warmen Bronzeton der Wagenfarbe schmücken.

Die viersitzige Celica ist aus zweiter Hand und topgepflegt, das Sitzgestühl im Piloten-Look atmet puren Zeitgeist. Skeptisch schmunzelnden Betrachtern kommt Großmüller selbstbewusst zuvor. „Sie werden lachen, mir gefällt es“, sagt er dann augenzwinkernd. Die große Mercedes-Youngtimer- Fraktion auf der Veterama lässt sich nicht so leicht übergehen. Scharenweise säumen 116er und 126er-S-Klassen die staubigen Wege, auch viele W 123 füllen die Wiese.

Der pastellgraue 80er 200 D von Ulf Schlotterbeck aus Tübingen fällt wegen seines hervorragenden Zustands ins Auge. Die Anmutung ist zwar passend bieder – innen blau, Servo, Becker Europa –, aber immerhin trumpfen Colorglas und Oxi- Kat. 3900 Euro will Ulf, freundlich signalisiert er noch ein wenig Spielraum: „Mein 200 D hat erst 165 000 km, ist rostfrei und stammt aus zweiter Hand“, erklärt er sachlich. Doch der flehende Blick von Freundin Verena macht die Trenung wohl nicht leicht. „Bisher war null Interesse“, klagt Schlotterbeck. Verena grinst. Frank Kretzer hat sein Traumauto gefunden, einen BMW 2000 C. Deshalb muss sein blauer 77er 450 SL weichen. Er hatte ihn sich gekauft, weil er einfach mal Lust auf einen problemlosen offenen Mercedes hatte. „Sicher“, sagt er, „die US-Version des 107er verdient keinen Schönheitspokal. Aber dies ist ein rostfreies Auto mit guter Technik und intaktem Interieur, die 145 000 Meilen sind belegt.“ Kretzer verlangt 11 900 Euro, ein fairer Preis. Und ganz ehrlich, ist so ein glamouröser Bobby Ewing-SL nicht viel cooler als die ewig begehrte Naturschönheit?

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Autokredit berechnen
Anzeige