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Veterama Rundgang mit Hans-Joachim Weise

Der Einkaufsführer

Foto: Hardy Mutschler 16 Bilder

Schnäppchenjagd mit Automobilia-Experte Hans-Joachim Weise. Was nimmt der Profi mit, was lässt er liegen? Echte Patina oderauf alt getrimmt? Tipps zum Selberkaufen mit Spaßfaktor und Wertzuwachs.

09.01.2009 Alf Cremers Powered by

Der Mann hetzt nicht. Er schlendert durch die Reihen, scheinbar lässig, aber niemals gelangweilt. Er ist wach und konzentriert, scannt die Stände sorgfältig mit Kennerblick. Mitunter bewegt sich Hans-Joachim Weise reflexhaft in eine bestimmte Richtung, wie ein Spürhund, der etwas wittert und bald anschlagen wird.

Dann wendet er behutsam Brocken in einer Bananenkiste, stößt dabei auf einen Distler-Käfer, ein seltenes VW-Blechspielzeug aus den fünfziger Jahren. Ein anderes Mal zieht er aus einem Bücherstapel eine prachtvolle Firmenchronik zum Jubiläum der Mannheimer Traktorenfabrik Lanz. Es macht auch keinen Sinn, die Reihen des Veterama-Labyrinths eilig zu durchkämmen. Zwanzig Kilometer müsste Achim laufen, um wirklich jeden Stand zu passieren.

Die gigantische Veterama-Gelände lässt sich lückenlos nur aus der Luft erobern. Früher hatte Hans-Joachim Weise noch sein Klapprad dabei. Heute geht er lieber zu Fuß mit der schweren schwarzen Ledertasche in der Hand. Scheinbar zerstreut stellt er sie vor dem Stöbern irgendwo ab, findet sie aber nachher sofort wieder.

Es ist seine 34. Veterama, lückenlos sind die Eintrittsstempel im Messe-Scheckheft. Achim ist erst 52 und bereits Urgestein. Er war schon da, als der Veteranen-Markt von Winfried Seidel noch schlicht „Die Fugger“ hieß. Achim muss längst nicht mehr alles sehen. Die weiten Äcker, auf deren steiniger Krume Motorradteile sprießen wie stählernes Gebüsch, lässt er hinter sich. Ebenso die „leider immer häufiger grassierenden „Schrott-, Haushaltsauflösungs- und Nip- pesstände“, wie er den kruden Krempel auf der Veterama nennt, filtert er sorgfältig aus. Er sucht meist Schätze aus der Vorkriegszeit, muss Kunst von Kitsch sicher unterscheiden und mit Kennerinstinkt Original und Fälschung trennen. Das silberne Zigaretten-Etui mit innen graviertem Mercedes-Benz-Schriftzug vom Stand mit den vielen Siku- und Wiking-Modellautos ist ihm suspekt. „Sieht aus wie nachträglich aufgebracht“, sinniert Achim. „Es lohnt sich eben, banale Alltagsdinge mit noblen Auto-Marken aufzuwerten.“

Wenig später greift er beim Stand eines freundlichen älteren Ehepaares zielsicher nach einer alten hölzernen Zigarrenkiste mit der Plakette zur Grundsteinlegung für die Fabrik des KdF-Wagens. Auch hier zieht er die Stirn nachdenklich in Falten, findet aber die Verbindung von Altem mit Altem stimmig und nicht plump.

„Ich gehe mit viel Wissen und ein wenig Gefühl über den Markt“, sagt er knapp, spürbar zufrieden mit sich und seiner Beute. Die Veterama ist Achims Welt. Erlebnispark, Einkaufszentrum und Insidertreff zugleich. Fast jeder kennt ihn, er gilt als Markenzeichen in der Oldtimer-Branche. Er ist beliebt, weil er faire Preise bezahlt und gern mehr kauft als nur ein Teil. Sonntagnachmittag, wenn der Nebel sich gelichtet hat und die Oktobersonne kräftig scheint, wird er seinen VW T5-Transporter mit fünf Sackkarren erlesener Veterama-Schätze beschweren: „Die Veterama ist meine wichtigste Einkaufsmesse, noch vor der Retromobile in Paris“, stellt Achim bestimmt fest.

Automobilia sind sein Leben, damit handelt er beruflich, seit 1977. Den Laden in Hannover eröffnete er zwei Jahre später. Achims Firma heißt Schröder & Weise. Obwohl sein Geschäftspartner Martin Schröder inzwischen eigene Wege geht, blieb der etablierte Name. Wer in aller Welt Artefakte zu alten Autos sucht, den Original-Verkaufsprospekt, eine Betriebsanleitung, Modellautos, Ersatzteile etwa für seltene Vorkriegswagen, liegt hier richtig. Oder jemand begehrt eine dieser wunderbaren Lalique-Kühlerfiguren aus Kristallglas, für die Achim so schwärmt. Kein Problem, Schröder & Weise ist das Synonym für Automobilia.

Der Franzose mit dem Hotchkiss- Emailschild hinter seinem Klappstuhl lächelt sparsam, aber wissend, als Achim seinen herrlich dekorierten Stand passiert. Achim hat Freude an solchen Ständen, „die anders als die Flohmarktbuden strukturiert sind und ihre eigene Ästhetik haben.“ Dieser hier hat sein liebenswertcharmantes Vorkriegsgepräge mit dem Bugatti-Lenkrad, das vom Zeltdach hängt und den prachtvollen Kühlerfiguren, die in einer Vitrine vom Publikum mit Distanz bewundert werden wollen. Der Storch von Hispano Suiza ist auch dabei, eine wahre Skulptur auf einem Onyx-Sockel, das glänzende Metall der Schwingen trägt eine feine Patina. Was kostet die? „Sicher 500 Euro“, antwortet Achim bestimmt, eine Fälschung schließt er bei genauem Hinsehen aus.

„Die Franzosen“, lobt er, „haben seit jeher ein besonders inniges Verhältnis zu Automobilia, die gehen ganz anders damit um. Für die ist das Kunst, kein Trödel. Aber so sind auch die Preise, als Wiederverkäufer muss man scharf kalkulieren, darf nicht zu emotional sein. Mir gefallen die Dinge, die ich kaufe, ja selbst – wie dieses fantastisch illustrierte Kinderbuch mit Motiven aus der Frühzeit des Automobils, das ich gestern für viel Geld gekauft habe.“

Teuer ist auch das begehrte Porsche- Buch „Aus Liebe zu ihm“, das Achim Weise als nächstes in die Hand nimmt. „600 Euro“, ruft Thomas Marten für das prachtvolle Werk mit Fotos und Zeichnungen des Porsche-Werbegurus Erich Strenger auf. Marten ist auf Auto-Literatur spezialisiert und hat seinen Stand in der wetterfesten Maimarkt-Halle, „aber nur weil der Schutzumschlag fehlt“, ruft er noch mildernd hinterher. Achim ist beeindruckt, wiegt das Buch noch eine Weile in den Händen. Quasi unter dem Tapeziertisch zieht der Verkäufer noch eine Schatulle mit vergoldeten Uhren aus den fünfziger Jahren hervor. 100 000-Kilometer-Prämien von VW, Mercedes-Benz und Borgward, meist gab es noch eine Anstecknadel und eine Plakette fürs Auto dazu. „Die Damenuhren sind besonders selten und teuer“, erklärt Achim wissend. „Welche Frau fuhr damals schon ein eigenes Auto?“ Es ist später Nachmittag, der Nebel ist längst verschwunden.

Das viele Altmetall auf dem Freigelände bekommt einen warmen Glanz. Bärtige Männer schleppen schwere Brocken. Alte Mofas ohne Nummernschilder wuseln zwischen unseren Beinen hindurch, Grillgeruch zieht durch die Nase. Veterama life eben, der mobile Flohmarkt in seiner schönsten Form. Achim zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen, nur seine Tasche wird dicker und schwerer. „Ich bin heute zu Fuß schneller als früher mit dem Klapprad, weil ich die potenziellen Fundgruben zielsicher erkenne.“

Axel Andlefske aus Berlin ist Achims Kumpel. Seine leuchtende, chromglitzernde Mercedes-Welt mit sorgfältig drapierten Daimler-Devotionalien in Gestalt von Instrumenten, Lichtern, Lenkrädern und Stoßstangenhälften endet bei der Pagode. Achim zieht eine prall-lederne Ponton-Nackenstütze hervor, ein prächtiges Teil, mit dem Achim neckisch posiert wie ein Pin-up-Girl mit der Federboa. Es wird sicher schnell einen ehrgeizigen 220 S-Coupé oder Cabriolet- Liebhaber zum Nachrüsten finden.

Nicht kumpelhaft wie bei Axel, sondern herzlich fällt die Begrüßung auf dem hellen Stand von Richard Sommer aus. Der freundliche Mann mit dem weißen Haar trägt einen blitzsauberen blauen Bosch- Dienst-Kittel. Mit seiner Frau klappert Sommer jahrein, jahraus Allerwelts-Flohmärke nach Sammlerstücken mit Auto- Bezug ab, die sie dann, behutsam aufbereitet, auf der Veterama anbieten. Auch antike Taschen, Koffer und Lederjacken gehören zu seinem breit gestreuen Nostalgie-Sortiment, an dem nur das moderne Multicolor-Lederlenkrad irritiert.

Achim hat sich schon einen größeren Posten zur Seite legen lassen, darunter diese seltsame Altöl-Spritze aus Messing, eine frühe Wunderwaffe zur Rostbekämpfung. Auch an dem Rennrad-Pärchen aus Porzellan hat Achim Gefallen gefunden. Er muss sich nur selbst noch ein wenig überzeugen: „Ist das kitschig? Nein. Eine nette Arbeit, zwischen Jugendstil und Art Déco. 70 Euro? Gut, leg sie mal dazu, Richard. Ich hole es morgen ab.“

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