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Viper Nachruf

Schlange & Gift = Tod

Dodge Viper RT/10 Concept Vehicle. 1989. Foto: Dodge 44 Bilder

Die Produktion der Viper ist noch nicht ganz eingestellt. Lang kann es aber nicht mehr dauern. Marcus Schurig hat jetzt schon den Nachruf auf den Dinosaurier unter den Sportwagen geschrieben und erklärt, warum wir den Kultrenner aus den USA vermissen werden.

16.05.2016 Marcus Schurig 7 Kommentare Powered by

Nachrufe sind nicht meine Stärke, aber als Journalist kann ich der Verlockung nicht widerstehen, endlich mal der Erste zu sein, der einen (leider) notwendigen Nachruf schreibt. Denn ungefähr heute in einem Jahr werden die Autozeitungen weltweit überquellen mit Nachrufen zur US-Legende Viper.

Dann, so bestätigen gute Quellen aus dem Fiat-Chrysler-Verbund, wird die Produktion der Viper ein für alle Ewigkeit eingestellt. Gut, das hatte man uns auch vor 6 Jahren schon erklärt, als die vierte Generation auslief – und dann feierte der Kultsportwagen aus Amerika doch ein unverhofftes Comeback.

Die fünfte Generation kehrte 2012 zurück auf die Bühne, alle jubelten, und Erfolge im Motorsport sollten die lahmende Begeisterung für das Zehnzylinder-Schlachtschiff neu entzünden. Das SRT-Riley-Werksteam holte 2014 sogar den Titel in der IMSA-US-Langstreckenmeisterschaft - gegen Werksteams von Ferrari, Porsche, BMW und Corvette.

Marchionne beerdigt Dodge Viper

Was nun den zweiten plötzlichen Tod der Viper ausgelöst hat? Also erstens soll der Gottvater des Konzerns, Sergio Marchionne, bei einer dem Vernehmen nach sehr kurzen Testfahrt geraunzt haben, der Koffer sei unfahrbar, und wenn man ihn fahrbar machen wolle, so sei das eine Höllenarbeit.

Daniel Schrey, Chrysler Viper GTS-RFoto: Patrick Holzer
Neben dem V10-Motor waren die Sidepipes eines der Charakter-Merkmale der Viper.

Und zweitens, füge ich hinzu, würde es eine Höllenkohle kosten, und das ist bei Marchionne der springende Punkt. Drittens ist für die Viper ein Kernmarkt weggebrochen: Die Chinesen liebten die Viper, aber nur so lange, bis die Regierung eine Strafsteuer für Motoren mit mehr als vier Litern Hubraum einführte. Plötzlich standen deshalb 500 Giftschlangen auf Halde, sodass die Produktion Ende 2014 gestoppt werden musste - ebenso wie das Rennprogramm.

Die Umweltbedingungen für den letzten Anachronisten seiner Art verschlechterten sich weiter: 90 000 Dollar kostet der einstige Preisbrecher heute in den USA, dafür bekommt man auch den neuesten Porsche 911. Die Basis-Corvette ist viel billiger - und kann alles viel besser. Also sagt Marchionne jetzt Arrivederci.

Viper-Erdbeben mit erhöhter Brandgefahr

Das ist natürlich schade, für Autotester gleichermaßen wie für Sportwagen-Fans. Es war schon was Besonderes, einen V10-Sportwagen mit über 8 Litern Hubraum zu pilotieren. Ja, es war ein Truck-Motor mit angeflanschtem Truck-Getriebe. Das Auto bebte im Stand im Takt der Zündfolge. Die Viper war ein Erdbeben auf vier Rädern.

Leider fuhr sie sich auch so - trotzdem war sie etwas Besonderes. Ich erinnere mich, wie eine gute Freundin nie wieder in so ein "Ding" einsteigen wollte, weil sie sich die Haxen an den heißen Sidepipes verbrannt hatte.

Ich musste schmunzeln, als sich ein völlig überforderter Viper-Pilot vor mir auf der Landstraße mit kolossalem Untersteuern in den Straßengraben verabschiedete und dabei die Sidepipes auf die Breite eines Briefumschlages plättete. Und ja, man konnte auf den abgaserhitzten Schwellern wirklich Spiegeleier braten. Ein US-Kollege hat es tatsächlich erfolgreich ausprobiert.

Negative Sportwagen-Referenz

Okay, einige der Frankenstein-Fehler wurden seit dem Debüt weggeschliffen, doch das Konzept blieb immer roh, urig, männlich, in gewisser Weise auch arrogant. Nach dem Motto: Was kann das Auto dafür, wenn die Piloten an seiner Gewalt scheitern?

Das Fahren einer Viper am Limit glich dem Versuch, mit einem Baseballschläger Tischtennis zu spielen - die seltenen Treffer erzeugten grenzenlosen Jubel. Die Marketing-Strategen verkauften das als "back to the roots" - Hosenträger sind echt todschick! Das hat immerhin ein Vierteljahrhundert irgendwie funktioniert.

Aber warum sollte man heute ein Auto kaufen, vor dem man Angst haben muss? Die Viper war am Ende die negative Referenz dafür, wie gut die anderen Sportwagen mittlerweile sind. Das ist leider kein ausreichender Kaufgrund. Trotzdem schade, denn die Referenz oben strahlt nur, wenn es auch unten eine gibt.

In unserer Galerie blicken wir noch einmal zurück auf die Historie der Viper.

Neuester Kommentar

Danke auch für die erklärenden Kommentare. Hab daraus mehr über die Viper gelernt als aus den ganzen Jahren Autozeitungen lesen!

Micha.M 20. Mai 2016, 11:24 Uhr
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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