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Volle Krönung

2000 km von Deutschland

Foto: Hardy Mutschler 19 Bilder

Es sollten die letzten 2000 Kilometer unter der Leitung von Günter Krön sein. Das Motor Klassik-Team gab sich aus diesem Anlass besondere Mühe. Pannenfrei schaffte der Opel Rekord die  Marathon-Route und machte seinem Ruf alle Ehre.

24.08.2007 Alf Cremers Powered by

Das Schwein kriegen wir. Auf den holprigen kurvenreichen Nebenstraßen zwischen Chemnitz und Dresden schwänzelt das Heck des Austin Healey 100/4 BN2 in der Ferne provokant vor uns her. Der Rekord hängt gerade heute, am dritten Fahrtag, so wunderbar am Gas und fühlt sich erstaunlich wohl in den Kurven. Nervös wie ein aus dem Takt geratenes Pendel rutscht der Strohhut vor dem Heckfenster hin und her.

Der Healey, bekannter Szene-Spitzname "The Pig" (wegen seines kriminellen Grenzbereichs), macht einfach an. Man will dranbleiben, den Abstand zum Team Kalmbach mit der Startnummer 58 stetig verringern - ohne zu rasen oder gar das Letzte aus dem Opel herauszuholen. Schon weil dessen von Haus aus mäßige Bremsen vor allem bergab zur Vorsicht mahnen. Rasen passt so gar nicht zu den 2000 km, diesem einzigartigen Klassiker-Marathon durch Deutschland. Diesmal sind es exakt 2.280 Kilometer in einer Woche, von Mönchengladbach über Würzburg, Nürnberg, Dresden, Magdeburg und Hannover wieder zurück zum Schlosspark Wickrath an der idyllischen Peripherie der niederrheinischen Metropole.

Zweifarbig lackiert, in der typischen Kombination Iceblue-metallic mit Old English White und mit seinem kess gerundeten Hinterteil zieht der Healey die hellblaue Opel Rekord C-Limousine wie in einem Sog hinter sich her. Nach 1.100 Kilometern nun gut eingefahren, will das 90 PS starke Auto plötzlich zeigen, dass es mit liebevoll antiquierten britischen Sportwagen durchaus mithalten kann. Der Abstand verringert sich. An den leichten Steigungen und in den engen Kurven wird die erste Fahrstufe mit dem Lenkrad-Wählhebel etwas stochernd eingelegt und bis auf 60 km/h ausgedreht. Bis 90 darf man, so steht es in der Betriebsanleitung.

Die General-Motors-Zweigang-Powerglide-Automatik lässt nur weit gespreizte Geschwindigkeitsbereiche zu. Doch die fühlbare Elastiziät des 1,9-Liter-Vierzylinders kompensiert den Mangel an Fahrstufen. Sie erlaubt zügiges Fortkommen im Windschatten des Healey, der auch 90 PS hat und mit 1.000 Kilo kaum weniger wiegt. Die Nockenwelle des Opel-Motors liegt theoretisch hoch genug für freudvolle Drehzahlen. Doch sein zufriedenes kehliges Näseln verwandelt sich dabei in ein barsches Brummen. Den Austin Healey packen wir vor Freital nicht mehr, unten heraus hat sein 2,6-Liter-Vierzylinder viel mehr Dampf. Doch auf schnell gefahrenem Kurs liegt der Opel gar nicht schlecht, nur die starke Seitenneigung erinnert an die Kurvenängste früherer Rekord-Modelle.

Das Ende der Ära Krön

Es ist die letzte Ausfahrt Krön, die uns von der A 61 ins aufgewühlte Meer schier endloser Landstraßen spült. Die Karawane des rollenden Automobilmuseums - 140 Klassiker stark -, bewegt sich zügig und ohne einen Blick zurück auf Bundesstraßen, die in der Altmark, in der Jülicher und Magdeburger Börde bis zum Horizont reichen. Da ist unterwegs, abseits von Metropolen und Magistralen, auch Zeit für Melancholie. Das Ende der Ära Krön wirft die 2000 km nach 19 Jahren hoffentlich nicht aus der Bahn ihrer stoischen Kontinuität. Eine Endlosschleife eisernen Durchhaltens, die polarisiert.

Manche sagen nie wieder, andere sind schon ein Dutzend Mal dabei. Ein gutes Drittel sind Stammkunden, die genau wissen, dass wahre Glücksmomente erkämpft werden wollen. Die Nachfolger, Lars Döhmann und Horst-Dieter Görg, beides Oldtimer affine Motorjournalisten aus Hannover, sind bestellt. Ein Vorvertrag ist bereits geschlossen. Die niedersächsische Landeshauptstadt, heute Etappenziel, könnte 2008 Austragungsort sein, wenn nicht Mönchengladbach nachhaltig und Erfolg versprechend um diese Attraktion kämpfen würde.

In der flachen Hügellandschaft zwischen Donauwörth und dem Altmühltal stößt das Goldbraun abgeernteter Getreidefelder an das fahle Himmelsblau eines schwülen Sommertages. Zwischen Leipzig und Magdeburg spürt man die endlose Weite des dünn besiedelten Ostens. Nachmittags herrscht Siesta-Stimmung bei 34 Grad, die Dörfer sind menschenleer, der zerzauste Weizen am Straßenrand könnte Präriegras sein. Amerikanischer als hier im Osten ist es nirgends in Deutschland.

Gleich zwei Ford A, ein Sedan und ein De Luxe-Roadster, original aus Texas, schaffen zusammen mit dem hinreißenden Buick Eight Special und einer 60er Corvette die Illusion einer fürs Kino präparierten Landschaft des Mittleren Westens. Reihen endloser Telegraphenmasten säumen die mit dem Lineal gezogenen schmalen Straßen. Tempo 80 passt hier am besten, der Rekord brummt zufrieden vor sich hin, schmatzend saugen die Michelin XAS von der Sonne aufgeweichte Teerflecken auf. Die 2000 km lebt von Kontrasten und von Toleranz. Im Starterfeld fährt eine Bugatti-Replica auf Käferbasis ebenso selbstbewusst mit wie ein Ferrari 365 GTB/4, den ein schwedisches Team mit gepflegter Zurückhaltung bewegt.

Ein Flügeltürer begeistert die Massen bei den Durchfahrtskontrollen nicht anders wie sein Bruder 300 SL Roadster. Rudel von Pagoden, Triumph TR, 190 SL, Porsche 356 und Jaguar E-Type flankieren schützend die Exoten und die Langsamen wie Goggo Cabrio, Fiat 508 Balilla, Isetta oder den tschechischen Aero 30 Roadster. So vielfältig wie auf einem ganzen Kontinent sind die Stadtbilder und Dorfansichten in Deutschland - eingeschossige, flache Ziegelbauten aufgereiht zu Straßendörfern finden wir am Niederrhein, in Sachsen-Anhalt und in der Altmark. Fachwerk im Westerwald mit seinen schmalen, steilen Sträßchen.

Endloses Roadmovie durch Deutschland

Eine trotz Verbots gefahrene Sperrung zwischen Kadenbach und Montabaur gerät plötzlich zur Mutprobe. Doch der Abgrund bleibt aus, der Rekord fährt ungehindert weiter. Prachtvolle, sandsteinverzierte Patrizierhäuser dominieren vor allem im Hessischen und Fränkischen. In Weilburg, Büdingen, Nidda, Gelnhausen bis hinunter nach Karlstadt im Maintal. Die mittelalterlichen Kleinodien Rothenburg ob der Tauber, Dinkelsbühl und Nördlingen bezaubern die Karawane der 2000 km, manche nutzen die Warteschlange bei den Durchfahrtskontrollen für Fotostopps. Andere steigen auch aus und widmen sich in kurzen Benzingesprächen den Autos ihrer Nachbarn.

Bergfest in Dresden

Auf diese Art erfahren wir von Andrea und Dieter Kiper aus Mülheim- Kärlich, die sich von einem Freund den Mercedes 190 SL geliehen haben, um mit einem standesgemäßen Wagen erstmals die 2000 km fahren zu können. "Wir sind sonst Motorrad- oder US-Car-Fans", sagt Andrea, "aber dieses endlose Roadmovie durch ein unbekanntes Deutschland gefällt uns so gut, dass wir nächstes Jahr wieder dabei sein werden." Dresden ist bald erreicht. Immer noch sind wir dem Healey auf den Fersen, haben zuvor gemeinsam Schloss Augustusburg erklommen. Dazwischen hat sich an der letzten Kreuzung ein Wartburg 313 Sport Cabriolet eingereiht, eine kapriziöse 50er- Jahre-Autoschönheit aus Thüringen, die uns mit ihrem süßlichen Zweitakt-Parfüm benebelt.

Dresden markiert Halbzeit und Wende bei den 2000 km, gleich zwei Übernachtungen sind im neuen Maritim-Hotel Erlweinspeicher, einem entkernten historischen Gebäude, vorgesehen. Zeit, um am nächsten Morgen den Neumarkt mit der wieder aufgebauten Frauenkirche zu besuchen und nachmittags entspannte 119 Kilometer auf einer Rundfahrt durch die Sächsische Schweiz und das Elbsandsteingebirge zu genießen. Der Blick von der 305 Meter hohen Bastei auf das Elbtal ist wirklich grandios, der serpentinenreiche Aufstieg ebenso. Hier rund um Dresden fühlt man sich beinahe wie im Westen. So gibt es einen Ferrari- und Maserati-Händler, und westdeutsche Mercedes-, Opel- und Ford-Youngtimer mit DD-Kennzeichen mischen sich auflockernd ins Straßenbild.

25 Prozent Youngtimer

Sonst wird es von neuen Kompaktwagen vor allem koreanischer Herkunft dominiert. Anderntags geht es weiter bis Magdeburg. Aber Dresden bleibt stets präsent. Vorbei geht es an Villen und kleinen Schlössern nach Radebeul, dem sächsischen Nizza, das sogar Weingüter aufzuweisen hat. Die Durchfahrtskontrolle findet entsprechend auf Schloss Wackerbarth statt, einer italienisch anmutenden Domäne mit einer "echten" Weinkönigin, die einem charmant den Stempel aufdrückt. Peter Verloop ist entzückt. Nicht nur, weil er mit seinem Ford V8 Super de Luxe Cabriolet von 1941 souverän die Klippen im Roadbook meisterte und den richtigen Weg in die Radebeuler Rheinterrassen fand.

Der Niederländer und Ex-Geschäftsführer von Suzuki-Deutschland mit Wohnsitz am Starnberger See fährt zum 13. Mal mit: "Ich liebe diese Herausforderung, fahre sehr gern Auto, und mein Ford-Cabriolet mit dem Flathead-Achtzylinder ist für die Langstreckentour wie geschaffen. Er braucht höchstens 15 Liter auf 100 Kilometer und hat genügend Kraft für die Berge." Verloops Ford mit der markanten Nase schmückt das Titelblatt von Katalog und Roadbook, ASC-Mitglied Günter Krön hat eben ein besonderes Faible für Vorkriegsautos, ohne den Youngtimern vor den Kopf zu stoßen.

Bereits ein Viertel der Karawane ist inzwischen jünger als 1968. Allen Kritikern zum Trotz bewegt sich eben doch etwas bei den 2000 km. Das Feld wird jünger, die Tagesetappen werden kürzer - es gibt sogar einen frauenfreundlichen "Kulturtag" in einer faszinierenden Metropole. Unser hellblauer Opel Rekord C hat natürlich nicht das Charisma eines Vorkriegs- Cabriolets, aber auf dem Marktplätzen der Republik feiert ihn das Publikum als einen der ihren. Sobald es ihn sieht, öffnen sich die Münder, um ein O zu formen.

Wortfetzen wie "den hatte Onkel Paul" oder "nach sechs Jahren durch" dringen ans Ohr der Besatzung. In Hattingen, jenem malerischen Fachwerkort an der Ruhr, stehen die Menschen gar hunderte Meter lang Spalier und applaudieren. So mitreißend zugänglich ist man wohl nur hier im Revier. Eine Gruppe von Zuschauern skandiert: "So einen hatte ich auch mal." Vierzig Jahre ist es nun her, seit unser Rekord C vom Band lief. Er schaffte die Tour ohne Probleme. Nur ein halber Liter Öl musste insgesamt nachgefüllt werden, im Schnitt verbrauchte er 10,8 Liter Super auf 100 Kilometer. Opel, der Zuverlässige, im wahrsten Sinn des Wortes.

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