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Vollgepackt in den Urlaub

So schnell sind Auto oder Hänger überladen

Autobahn, Polizei, Wohnwagen Foto: Ingolf Pompe 10 Bilder

Zu viel Gepäck dabei? Gerade Reisende mit Wohnwagen übertreiben es beim Einladen gern einmal. AUTO, die Schwesterzeitschrift von auto motor und sport, war bei einer Kontrolle der Stuttgarter Autobahnpolizei dabei.

04.09.2012 René Olma Powered by

Freitag, kurz nach acht Uhr morgens an der A 8 am Autobahndreieck Leonberg. Ferienbeginn in Baden-Württemberg, die Reisewelle rollt gen Süden. Doch für manchen Urlauber wird die Vorfreude auf Sonne, Strand und Meer gleich einen Dämpfer bekommen - bei einer ungeplanten Pause auf der Raststätte.

Denn am Rande der Schnellstraße warten Polizeihauptmeister Andreas Keinath und Oberkommissar Dirk Baumann, die nach Caravans und Wohnmobilen spähen. Als ein Gespann vorbeikommt, starten sie den Motor ihres VW Passat und nehmen die Verfolgung auf. Nach einem Kilometer ziehen sie am Wohnwagen mit dem belgischen Kennzeichen vorbei und knipsen die "Bitte folgen"-Anzeige auf dem Dach an. Mit den Urlaubern im Schlepptau geht es auf den Rastplatz Sindelfinger Wald zur Fahrzeugkontrolle, wo ihre wartenden Kollegen übernehmen. Heute sind statt Brummis die Reisenden mit mobilem Ferienheim dran.

Übergepäck muss zurückbleiben

Wichtigstes Utensil der zwölf eingesetzten Beamten sind zwei Radwaagen. Schließlich leiden viele Urlauber an akuten Gewichtsproblemen. "Familien mit Kindern oder Reisemobile mit viel Zubehör am Fahrzeug sind meist zu schwer unterwegs", weiß Oberkommissar Roland Thiel aus Erfahrung. Seit 1980 gehört er zur Autobahnpolizei Stuttgart, da genügt nicht selten ein Blick, um Verkehrssünder auszumachen.

Dabei soll es nicht in erster Linie um Strafen, sondern um Aufklärung gehen. Denn anders als viele Fuhrunternehmer überladen die Reisenden ihre Autos oft aus Unwissenheit. Doch wenn ein überlasteter Reifen in einer Autobahnbaustelle platzt und das Gespann außer Kontrolle gerät, sind Menschenleben in Gefahr. Von einem Kavaliersdelikt kann also keine Rede sein.

Die Gesetzeslage lässt keine Zweifel aufkommen: Es gilt die technisch zulässige Gesamtmasse. Wer bis zu 20 Prozent Übergewicht auf die Waage bringt, zahlt 35 Euro, darüber hinaus sind drei Punkte und 95 Euro fällig. Abgezogen werden zehn Kilogramm als Toleranz. Je nach Überladungsgrad schreckt die Strafe aber nicht so sehr ab wie die Konsequenzen für den anstehenden Urlaub: "Überladen lassen wir niemand weiterfahren, das Gewicht muss reduziert werden. Im Extremfall bleibt dann eben ein Teil des Gepäcks hier", erläutert Thiel.

Heute läuft die Kontrolle vergleichsweise harmlos ab. Das belgische Gespann, das der Streifenwagen an der Weiterreise gehindert hat, bleibt zumindest gewichtsmäßig im Rahmen des Erlaubten. Dass eine mit drei rostigen Schrauben gespickte Abschlussleiste am Heck des Caravans absteht, passt den Ordnungshütern jedoch nicht. Sie schicken den Urlauber zu einer Werkstatt, um den Schaden beheben zu lassen.

Fahrzeugpapier-Einträge und tatsächliches Gewicht können abweichen

Entgegen Thiels Prognose entpuppt sich kurz darauf eine mitsamt Wohnwagen gen Süden strebende Familie als vorbildlich: 1.200 Kilogramm darf der Anhänger wiegen, 1.115 bringt er auf die Waage. Gespannlenker Roland Sistermans grinst: "War mir klar, ich habe ihn ja vorher selbst gewogen."

Wenn das nur alle Reisenden tun würden. Doch allzu gern wird verdrängt, dass die Angaben zum Leergewicht im Fahrzeugschein nur bedingt etwas mit dem eigenen Modell zu tun haben, sondern mit dem Homologations-Exemplar in der Basisausstattung. Gerade bei älteren Wohnwagen ist das tatsächliche Gewicht oft deutlich höher und die verbleibende Zuladung lächerlich gering in Relation zum vorhandenen Stauraum.

Wenn dann reichlich schweres Zubehör wie Markise oder elektrische Rangierhilfe verbaut werden, darf nur noch Handgepäck an Bord. Das muss Familie Leu gerade erfahren, die zu sechst mit VW Multivan und Wohnwagen für zwei Wochen auf die Schwäbische Alb möchte. 1.360 Kilogramm darf ihr Anhänger auf die Waage bringen, doch es sind 1.730. "Wir haben für 14 Tage Lebensmittel, Milch und Getränke dabei. Am Urlaubsort gibt es wenig Einkaufsmöglichkeiten", entschuldigt sich Mutter Christine. Vater Dettmar lädt derweil Gepäck vom Anhänger in den VW Bus: "Dass es so viel ist, hätte ich nicht gedacht, aber das kommt davon, wenn man nicht selber packt." Immerhin hat der Zugwagen noch ausreichend Kapazitäten, um nach einer Umverteilung der Lasten durchzustarten.

Mängel bei einem Drittel der Kontrollierten

Ähnlich läuft es bei einer belgischen Familie, die 400 Kilogramm zu viel eingepackt hat, darunter 60 Flaschen Rotwein sowie 60 Kilogramm Hanteln – man will ja auch im Urlaub fit bleiben. Mit Umladen und Ablassen der Wassertanks bleiben auch diese Urlauber schließlich gerade so innerhalb der Grenze des Erlaubten.

Doch nicht immer geht die Kontrolle ähnlich reibungslos ab, wie wenig später Jörg Abend feststellen muss.  Zusammen mit Frau und zwei Kindern im Teenager-Alter strebt er im VW Passat nebst Wohnwagen gen Bayern. Die Limousine hängt hinten so tief in den Federn, dass die Beamten auch gleich das Zugfahrzeug prüfen. 1.010 Kilogramm dürfen auf der Hinterachse lasten, doch die Waage vermeldet 180 Kilogramm mehr. Beim Wohnwagen sieht es nicht besser aus: 240 Kilogramm sind hier zu viel an Bord. "Sie müssen was da lassen, mit Umladen kommen Sie nicht weiter", fasst Thiel die Situation zusammen. Die Urlauber reagieren frustriert: "Wenn wir alles abladen, klappt der Urlaub nicht mehr. Doch der Beamte bleibt hart: "Noch ist nichts passiert, wir können Schlimmeres vermeiden." Immerhin darf die Familie einen Teil des Gepäcks in der Polizeidienststelle zwischenlagern.

Die Bilanz nach einem halben Tag im Einsatz: Bei 30 überprüften Verkehrsteilnehmern wurde in zehn Fällen Überladung oder schlecht gesichertes Gepäck bemängelt.

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