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Volvo-Original-Cup 2005

Foto: McKlein 9 Bilder

Wer nach gutem Geradeauslauf sucht, hat hier nichts zu suchen. Zwei Dutzend junge und ewige Talente rutschen mit gebrauchten Volvo durch die Republik. Wer meint, die Spaßgesellschaft hätte ein Ende, hat sich geschnitten.

13.02.2006 Markus Stier Powered by

Die alte Dame wurde sofort misstrauisch, als diese zwei vorgeblich freundlichen Typen vor der Tür standen. Sie sagten, sie wollten den Volvo kaufen. Der 740 war ein Schätzchen, Baujahr 1985, 265.000 Kilometer gelaufen und Scheckheft-gepflegt für 850 Euro.

Sie wollte das Auto eigentlich nicht hergeben - ihr Mann wollte verkaufen. Doch sie waren sich einig: Nur an Leute, die das Schnäppchen zu schätzen wissen. Die beiden Männer sagten, sie würden an historischen Ausfahrten teilnehmen, das gefiel dem betagten Pärchen. Der rüstige Schwede, hübsch geputzt vor sonnigen Cafes unter seinesgleichen...

Tatsächlich steht der 740 heute unter einem Rudel Gleichaltriger. Der Himmel ist verhangen, der betonierte Parkplatz verwaist. Die Besitzer lungern in der Kantine einer leer stehenden Kaserne und diskutieren, wovor sie sich mehr fürchten: der Sprungkuppe oder dieser fiesen, hängenden Doppellinks bergab. Heute ist Franken-Rallye, 30 Kilometer Vollgas auf Schotter. Und spätestens jetzt wird klar: Omis Misstrauen war sehr berechtigt.

Willkommen im Volvo-Original-Cup

"Hier könnte ein Volvo einem Cossie glatte zwei Sekunden abnehmen", doziert Mitorganisator Alfred Gorny bei der Streckenbesichtigung über ein schnelles Eck. Eine zwanzig Jahre alte Heckschleuder gegen einen zehn Jahre jüngeren Allrader mit Turboaufladung – wie soll das gehen? "Weil die Volvo-Fahrer den größten Nagel im Kopf haben", sagt Gorny.

"Egal, wo wir am Ende in den Siegerlisten stehen, wir kommen immer irgendwie quer um die Ecken", sagt Jochen Walther, der den in Schweden seit 1989 etablierten Volvo-Cup nach Deutschland importierte. Die Idee: Nahezu serienmäßige Limousinen mit möglichst wenig Geld zu Rallye-Autos umbauen und dann auf losem Zeug um die Wette fahren. Zu den 850 Euro Kaufpreis investierten Andreas Leue und Helmut Piechowski noch mal 2.500 Euro.Vorn installierte Piechowski eine Domstrebe.

Ein ordentlicher Käfig musste rein, ein paar Rennsitze mit Sechspunktgurten sowie ein Sportlenkrad. Das Sonnendach wurde kurzerhand zugeschweißt, die Karosse quietschgelb umgespritzt – fertig. Wer echten Motorsport noch billiger betreibt, ist entweder Profi oder ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Die Reifen sind runderneuert und dürfen nicht mehr als 100 Euro pro Stück kosten.

Wer maximalen Grip sucht, hat das Prinzip des Volvo-Cups nicht verstanden. Es geht viel mehr um die geringstmögliche Haftung - vor allem hinten. Gefahren wird fast ausschließlich auf Schotter, eine Differenzialsperre ist verboten. Die neue Quertreiberei auf grobem Geläuf hat Konjunktur. "Als wir mit einem Schotter-Cup angefangen haben, dachten wir, es kommen vielleicht 30 Starter. Jetzt haben wir regelmäßig über 100", frohlockt Alfred Gorny.

Die Volvo-Idee machte schnell Schule. Seit zwei Jahren gibt es in Deutschland zusätzlich den BMW 320i-Cup. Die Bayern und die Schweden balgen sich regelmäßig, vertragen sich aber prima. Meist sind die BMW einen Tick schneller, denn das Reglement erlaubt ihnen mehr Freiheiten. "Der BMW ist einfach ein bisschen mehr Rallye-Auto", sagt ein Fahrer. Dass sich dennoch viele für den Volvo entscheiden, liegt nicht nur an den Kosten, sondern auch an den Einsatzmöglichkeiten.

Das Regelwerk des Volvo-Cups gilt nahezu identisch in einem halben Dutzend Ländern. Der tapfere Volvo-Tourist kann sich außerhalb unserer Landesgrenzen auch in Österreich, den Niederlanden, Polen, Finnland, Norwegen und Schweden vergnügen. Das erinnert an alte Zeiten, als man noch in die Langboote stieg, auf den Wiking ging und in halb Europa richtig Spaß hatte. Im Gegensatz zum Mittelalter bietet das neue nordische Freizeitvergnügen den nicht zu unterschätzenden Vorteil der körperlichen Unversehrtheit.

Die Insassen umgibt nach allen Seiten noch echter Schwedenstahl. "Ich habe meinen schon zwei Mal aufs Dach gelegt, und der fährt immer noch", sagt Rainer Keck und öffnet die Hintertür seines 240, um den tadellosen Zustand des Überrollkäfigs zu demonstrieren. "Entschuldigung, dass es innen ein bisschen dreckig aussieht. Aber ich habe ihn in Holland kopfüber in einen Graben geworfen, und der Schlamm ist nicht ganz rausgegangen", sagt der Mann, vor dem der Veranstalter nachdrücklich gewarnt hat: "Der Keck weiß einfach nicht, wo die Bremse ist." Vor drei Jahren noch tobte sich der KFZ-Meister aus Westfalen mit einem Ford Escort Cosworth aus. Doch der 240 ist ihm lieber, auch wenn er mit seinen knapp 140 Pferdchen nur halb so viel Qualm hat.

"Mit dem Volvo kannst du richtig reinhalten.“

"Beim Escort musst du immer aufpassen, dass nichts abfällt." Einhellig schwören die Volvo-Treter, eine bessere Rallye-Fahrschule habe der Planet nicht zu bieten. Der deutsche Organisator Jochen Walther kann sich bei dem Thema richtig in Rage reden: "Bei uns gewinnt der bessere Fahrer und nicht der dickere Geldbeutel. Statt ständig fünf Junioren zu irgendwelchen Talentsichtungen einzuladen, sollte man sie mit dem Volvo nach Schweden schicken. Da lernt man das Autofahren."

Holger Knöbel war vor ein paar Jahren noch einer dieser deutschen Junioren. Immerhin brachte es der aktuelle Tabellenführer des Volvo-Cups bis in ein 280 PS starkes und 300.000 Euro teures Golf-Kitcar im deutschen Championat.Doch als die Werksunterstützung wegfiel, kam der Karriereknick. "Klar macht so ein Kitcar riesig Spaß, aber ich hatte immer die Tränen in den Augen, wenn ich ins Portemonnaie geguckt habe", sagt der 29-Jährige, der sich in Franken wie so oft ein beinhartes Duell mit Keck liefert.

Nach zwei Prüfungen liegen 1,7 Sekunden zwischen den Duellanten, nach vier Sektionen sind es nur noch ein paar Zehntel. In der letzten Pause parkt man nebeneinander und redet Unsinn: "Dein Auto ist doch illegal", sagt Keck grinsend. Knöbel macht die Motorhaube seines 240 auf. Der 2,3-Liter braucht nicht viel Platz. Größere Motoren sind ebenso verboten wie Turbolader. "Wir fahren noch den kleinen Faltenbalg", flachst Kecks Beifahrer Kay Treder.

Knöbel zieht andere Register: "Ich war eben noch mal auf dem Klo, das bringt bestimmt ein halbes Kilo." Nebenan spielt einer im Kassettenradio das Lied vom Tod. Auf den letzten beiden Prüfungen wird Knöbel 1,1 Sekunden bis ins Ziel verteidigen. Gaststarter Olaf Dobberkau kommt da noch nicht ganz mit. Der Mann, dem Deutschlands erstes Rallye-Fachmagazin unlängst den Titel "Dr. Drift" verlieh, ist in Franken so was wie der Gaststar. Dobberkau tummelt sich sonst mit einem Mitsubishi Evo auf vordersten Plätzen in der deutschen Rallye-Meisterschaft. Schon in der ersten Kurve macht der Schleusinger seinem Namen alle Ehre.

Obwohl der aufgestellte Richtungspfeil klar nach links zeigt, rodelt Dobberkau breitseits mit nach rechts gerichteter Schnauze auf die Ecke zu. Im letzten Augenblick reißt er das Ruder herum, hängt den Kofferraum seines 740 halb in den Graben und hetzt auf eine Kuppe zu. Wo die meisten zunächst vorsichtig bremsen, hechtet der Volvo über die Kante, hängt bedrohlich schief in der Luft und landet zwanzig Meter weiter krachend auf der Straße.

Volvo-Cup ist eben auch ein bisschen wie Turmspringen für Sumo-Ringer. "Ich wäre gern noch weiter gesprungen, aber das Auto ging nicht schneller", sagt Dobberkau. "Das ist eigentlich eine lahme Karre. Man muss lernen, den Schwung mitzunehmen", sagt Keck. Zwei Wochen später trat Dobberkau im schwedischen Trelleborg an. Im Heimatland der Schwedenpanzer sind regelmäßig zwischen 50 und 80 Volvo am Start. "Als es gut lief, war ich mal Sechzehnter", sagt er.

"Wenigstens lagen die drei Holländer noch hinter mir." Rainer Keck kennt sich mit nordischen Schlammpackungen aus: "In Schweden gibt’s regelmäßig was auf die Ohren." So sind sie, die Volvo-Männer: Furchtlos und jederzeit bereit, eine Schlappe wie ein Mann zu tragen.

Wer den Cup gewinnt, kriegt statt Preisgeld im Februar einen Kurzurlaub in Norwegen zur Kongsvinger-Rallye spendiert. Startgeld, Übernachtung, Service und Spike-Reifen - all inclusive. Das Unterhaltungsprogramm sieht 220 Kilometer auf Eis und Schnee vor. Die Animation übernehmen 80 Volvo-Konkurrenten. Das ist doch mal eine tolle historische Ausfahrt.

Der Volvo-Original-Cup

Zum seit 2002 ausgetragenen deutschen Volvo- Cup zählen zehn Läufe. Die Einschreibegebühr beträgt 50 Euro. Zugelassen sind die Typen 240 mit zwei und vier Türen, 740 und 940.

Der kürzere 240 mit dem Tank hinter der Hinterachse ist wendiger, die 740 und 940 gelten dank längerem Radstand als spurstabiler. Das Mindestgewicht liegt bei allen Modellen bei 1290 Kilogramm.

Alle eingebauten Teile müssen als Volvo-Orignial-Teile erkennbar sein. Als Motorisierung sind ausschließlich 2,3- Liter-Vierzylinder der Typen B 23 E oder B 230 F zugelassen. Motortuning ist nur in sehr engen Grenzen gestattet.

Dem B 230 F wird ein etwas höheres Drehmoment nachgesagt, der B 23 F soll etwas höher drehen. Die Leistung liegt bei 130 bis 140 PS. Je nach Modell dürfen Viergang- Getriebe, das "Overdrive"-Getriebe oder eine Fünfgang-Schaltbox verwendet werden. Jede Serienübersetzung ist erlaubt.

Der Fahrgastraum muss der Serie entsprechen. Der Einbau eines Überrollkäfigs ist vorgeschrieben. Jede originale Stahl-oder Alu-Felge der drei zugelassenen Modelle in den Größen 14 oder 15 Zoll ist erlaubt. Die Reifenbreite liegt bei 195 Millimeter. Jeder Volvo-Bremskraftregler ist erlaubt, ansonsten muss die Bremse serienmäßig bleiben.

Die Teilnehmer benötigen eine Lizenz des Deutschen Motorsportbundes DMSB. Bei Rallyes, wo der Volvo-Cup nicht speziell ausgeschrieben ist, können die Volvo in der Klasse F2005 oder in der Gruppe H über zwei Liter Hubraum starten.

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