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Vorderpfalz Classic 2009

Eine Rallye mit Pleiten, Pech und Pannen

Vorderpalz Classic 2009 Foto: Frank Biller 5 Bilder

Wir hatten keine Chance, doch wir nutzten sie. Dies ist die Geschichte, wie man ohne Equipment die legendärste Asphaltprüfung Deutschlands gewinnen kann. Auch wenn alles zunächst schief zu gehen scheint.

23.01.2010 Markus Stier Powered by

Der eine spricht aus, was der andere denkt: "Hier stimmt doch was nicht", meint Walter. Seit einer Viertelstunde schleicht der Opel Kadett mit der Startnummer 57 durch den Stadtverkehr von Kaiserslautern. "Die schicken uns doch niemals an einem Freitagnachmittag mitten hier durch", sagt Walter bestimmt. Mir kommt die Sache auch längst spanisch vor, aber das Roadbook passt bis hierher, und das nächste Zeichen ist erst in eineinhalb Kilometern vorgesehen. Erst vor einer Sackgasse ist definitiv klar, dass wir uns grob verfahren haben. Es sind einige der großen Fragen des Lebens: Wo sind wir? Wo wollen wir hin? Und vor allem: Wie blöd kann man eigentlich sein?

Aber das gilt nicht nur für uns. Die Dame an der Tankstelle lächelt freundlich, während ihr blutrot lackierter Fingernagel auf der Karte herumirrt. Sie kann nicht einmal zeigen, wo sich ihr eigener Arbeitsplatz befindet. Der Taxifahrer hat keine Ahnung, wo das gesuchte Waldleiningen liegt, spricht aber aus, was wir längst befürchten: "Da müsst ihr ganz zurück ans andere Ende der Stadt." Wir sind viel zu spät dran, und das wird schön peinlich. Der Rekordhalter der berühmtesten Asphaltprüfung Deutschlands kommt bei der Vorderpfalz Classic zu spät, weil sein dilettantischer Copilot sich verirrt hat.

Ohne Rallye-Equipment ist eine Rallye nur schwer zu gewinnen

Walter schlägt vor, dem Rest des Feldes irgendeine Geschichte über einen Defekt aufzutischen, ohne Opel dabei alt aussehen zu lassen. Schließlich hat man uns wie schon vor zwei Jahren wieder einen hübschen Werks-Kadett hingestellt. Sogar polierte Felgen hat unser C-Coupé - nur leider keinen Tripmaster. Hochtrabend haben wir uns am Morgen noch geschworen, dass wir den mittelmäßigen 50. Rang von 2007 unbedingt vergessen machen müssen. Doch der Blick ins völlig serienmäßige Cockpit bringt neben einem gehörigen Schreck sofort die Erkenntnis, dass ohne Rallye-Equipment keine Gleichmäßigkeits- Rallye zu gewinnen ist.

Das Ziel ist nicht Letzter zu werden

Der Gedanke, nun einfach als Touristen durch den Pfälzer Wald zu rollen, ist keine Option. Wir brauchen ein neues Ziel, und das heißt: Auf keinen Fall Letzter werden. Nun steht fest, dass wir vermutlich als Letzte an der Zeitkontrolle in Waldleiningen ankommen. Ausgerechnet Waldleinigen. Hier hat Walter Smolej 1978 in einem Gruppe 2-Kadett zeitgleich mit Toyota -Werksfahrer Achim Warmbold einen ewigen Rekord aufgestellt. 9:31 Minuten mit einem 220 PS - Autochen. Selbst die Gruppe-B-Monster mit doppelt so viel Qualm konnten diese Zeit nicht knacken.

Unsere erste Zeit lautet: 22 Minuten Verspätung, damit sind wir vermutlich doch Letzte. Waldleiningen ist eben selbst ein Ungeheuer. Die Straße ist nicht besonders steil, sie hat auch keine Spitzkehren, keine Abgründe jenseits des Asphalts, keine Sprungkuppen. Waldleinigen ist die bucklige, alte Hexe, die im tiefen Wald wohnt, und vor der jeder Angst hat. Das Problem an dieser 17 Kilometer langen Asphaltkordel ist das Tempo. "Da sind wir früher mit einem 130er-Schnitt drübergeritten. Kannst du dir das vorstellen?" schwärmt Walter. Heute ist ein 48er-Schnitt vorgeschrieben, und schon den kann ich mir nicht vorstellen.

Noch nicht einmal einen Tageskilometer an Bord

Ein geeichter Tripmaster misst die Strecke bis auf zehn Meter exakt. Wir haben nicht einmal einen Tageskilometerzähler, sondern nur einen normalen Tacho mit Hundertmeter-Rolle. Am Start lesen wir den Gesamtkilometerstand ab. Mit der Schnitttabelle rechne ich aus, wann wir den ersten Kilometer der elf Kilometer langen Prüfung erreicht haben müssen. Mit der Stoppuhr zähle ich die Sekunden runter, während Walter kontrolliert, ob die richtige Zahl auf dem Tacho ins Blickfeld wandert. Oft steht im Wald das Licht so schlecht, dass die Scheibe vor den Instrumenten reflektiert. "Kannst du das lesen?" fragt Walter dann, und ich versuche von der Seite, eine drei Millimeter große Ziffer zu erhaschen, die in wenigen Sekunden wieder verschwunden ist.

Was soll’s? Es geht ja um nichts - außer um die Ehre. Walter ist entspannter als sonst. Wenn Wimbledon das Wohnzimmer von Boris Becker ist, dann ist Waldleiningen der Garten von Walter Smolej. "Ich kriege immer mehr Respekt, je öfter ich hier drüberfahre", sagt er ehrfürchtig. "In eineinhalb Minuten musst du Kilometer sechs erreicht haben", erwidere ich. Walter sagt: "Hier sind wir früher mit glühenden Bremsscheiben runtergekommen. Ich muss dir noch die Stelle zeigen, wo wir damals in den Baum geknallt sind." Ich fahnde mit einem Augenwinkel vergeblich nach den geheimen Kontrollen, Walter doziert, wie er sich früher oft nur an dem hellen Streifen orientiert hat, wo die Bäume ein Stück Himmel freigaben: "Es war wie die Fahrt in einem grünen Tunnel. Oft hast du einfach nur versucht, in der Mitte des Tunnels zu bleiben. Es ging alles so schnell."

Um Ausreden nicht verlegen

Heute geht alles quälend langsam. Auf dem langen Weg zurück nach Frankenthal können wir uns überlegen, wieso wir den Weg so vergeigt haben. Immerhin: Waldleiningen haben wir nach meinem Gefühl halbwegs ordentlich hinter uns gebracht. Weil Walter in Gedanken bei den guten, alten Zeiten war, hat er einen ziemlich gleichmäßigen Rhythmus gefahren. Öfter als sonst habe ich "Passt" gesagt, wenn Stoppuhr und Kilometerstand übereinstimmten. Am Abend tischt Walter alten Weggefährten wie Harald Demuth oder Klaus Fritzinger die Story auf, wir hätten in Kaiserslautern noch schnell Karten für das abendliche Zweitligaspiel der "Roten Teufel" gegen die "Zebras" gekauft. Die blauweiß gestreiften Duisburger sind mein Heimatverein. Die Angeflunkerten lachen immerhin an der richtigen Stelle.

Das Spiel wird im Restaurant auf Großbildschirmen übertragen. Die Duisburger sind gute Gäste, sie lassen sich von den Lauterern vier zu null abziehen. Um den Kelch der Schande bis zur Neige zu leeren, schaue ich mir die Ergebnislisten an. Platz 63 bei 87 Startern ist unter diesen Bedingungen doch gar nicht so übel. Allerdings ist die Zeitstrafe noch nicht eingerechnet. Auf der Liste der Prüfung Waldleiningen kann ich unsere Startnummer auch beim dritten Mal nicht finden. Der Grund liegt darin, dass ich weiter oben suchen sollte - ganz oben, um präziser zu sein. Startnummer 57 hat die Prüfung mit nur vier Strafpunkten gewonnen. Die späteren Sieger Hans-Werner Wirth und Andreas Kopp hatten hier ihre schwache Viertelstunde und kassierten 16 Miese.

Zwischendurch noch schnell Lotto gespielt

Walter hatte zwischendurch mal wieder angehalten, um Lotto zu spielen. Die Wahrscheinlichkeit, den Jackpot zu knacken, liegt bei einem siebenmillionstel Prozent. Wie hoch ist die Chance, eine geheime Kontrolle mit null Sekunden Abweichung anzusteuern, wenn du mit unserem Pi- Mal-Daumen-System unterwegs bist? Im Lotto hat Walter nichts gewonnen, aber im Wald haben wir einen Pokal und einen Fahrsicherheitslehrgang erbeutet. Liebe Mitreisende: Verbrennt eure Schnittcomputer und werft eure digitalen Zeitmessbatterien aus dem Fenster. Ich verkünde Walter die frohe Botschaft, dass unser Wochenende gerettet ist, auch wenn wir am Samstag versehentlich in Paris rauskommen, Diesel in den Kadett GT/E schütten oder beim zweiten Waldleiningen- Durchgang einen Baum rauffahren.

Ohne weiteren Vorkommnisse rollen wir trotz der 220 Strafpunkte für die böse Verspätung am Freitag auf Rang 68 ins Ziel. Sprecher Peer Günther leitet unseren Bühnenauftritt am Samstagabend mit hochtrabenden Worten ein: "Den Legenden um Waldleiningen ist ein weiteres Kapitel hinzugefügt worden", sagt er - dann stehen wir da oben im Blitzlicht, der König von Waldleiningen und ich. Darf ich mich jetzt Prinz nennen oder wenigstens Graf? Freiherr von Waldleiningen, das täte es mir auch schon.

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