Vulkan Trophy : 24-Stunden-Traktorrennen in Hessen

VulkanTrophy 24h-Traktorrennen

Formel Feld statt Formel 1: Landwirte treten im hessischen Altenschlirf mit aufgemotzten Traktoren bei der Vulkan Trophy gegeneinander an, waghalsige Überholmanöver und Boxenluder inklusive. Außerdem wird getunt, bis der Acker bebt.

"Schnell, ich brauche noch einen 16er Schlüssel!” Georg Picker vom MuZi-Rennteam läuft die Zeit davon. In 20 Minuten startet die Vulkan Trophy, das 24-Stunden-Traktorrennen - und bei Pickers rotem Porsche-Traktor ist die Lichtmaschine defekt. Die Teammitglieder wühlen im Werkzeugkasten, rufen sich Befehle zu, schauen hektisch auf die Uhr. Kurz vor Rennbeginn dann der erlösende Satz: "Alles fertig, los geht’s!" Der erste von vier Piloten setzt seinen Helm auf, klettert auf den Fahrersitz des 2,5-Tonnen-Treckers und reiht sich hinter der Boxengasse ins Starterfeld ein.

Porsche-Trecker mit Mercedes /8-Motor

"Alles funktioniert noch rein mechanisch, kein Hightech. Das ist eben der Reiz", sagt Georg Picker und sieht dem roten Acker-Flitzer mit den gewaltigen Zusatztanks am Heck hinterher. Ob er mit Problemen während des Rennens rechnet? "Aber sicher. Federung, Kühler, Öltemperatur – da kann so einiges passieren. Nur Reifenplatzer gibt es selten", sagt der Landwirt aus Stockhausen, dessen Team ungezählte Arbeitsstunden in den Renn-Trecker gesteckt hat. Unter der Haube des Porsche Standard aus dem Jahr 1962 steckt ein 62 PS starker, unverwüstlicher Dieselmotor aus einem alten Mercedes Strich-Achter. Die Vorderachse stammt von einem Fendt-Traktor, bei den Scheibenbremsen musste ein Opel Astra als Teilespender herhalten. Mit geänderter Getriebeübersetzung schafft der Traktor 70 Km/h.

Speedlimit bei 70 km/h

"Aus Sicherheitsgründen ist Tempo 70 auch die erlaubte Höchstgeschwindigkeit im Rennen. Wer schneller unterwegs ist, bekommt eine Strafzeit aufgebrummt", sagt Christian Baumann, Rennleiter und Vorstandsmitglied des Oldtimer-Traktoren Racing Club Vogelsberg. Rücksichtslose Fahrer müssen ebenfalls mit Strafzeiten rechnen oder bekommen die rote Karte. Denn manche der Oldie-Trecker tuckern mit gemütlichen 40 Sachen um die Strecke.

Mehr als 45 Traktoren in 11 verschiedenen Klassen nehmen an dem 24-Stunden-Rennen in der Nähe des hessischen Örtchens Altenschlirf teil. Das Starterfeld ist kunterbunt - vom Lanz Bulldog über Fendt- und Renault-Trecker, John Deere und Massey-Ferguson bis hin zu skurrilen Eigenbauten. Der älteste Traktor ist Baujahr 1945. Die 4,5 Kilometer lange Strecke führt über Asphalt, Schotter und Wiesen. Jedes Fahrzeug muss die Sicherheitsabnahme bei einem TÜV-Prüfer bestehen, Gurt und Überrollbügel sind ein Muss. Ansonsten gibt es vergleichsweise wenig technische Vorgaben. "Hier wird getunt, das ist der helle Wahnsinn", sagt Christian Baumann.

Bremsen aus dem BMW M5
 
Nicht immer geht es dabei um mehr PS. Beim Team Krause Racing präsentieren die Schrauber stolz die Bremsanlage ihres John Deere-Traktors: "Die Scheiben stammen von einem BMW M5, die Sättel vom Audi S8 und der Hauptbremszylinder von einem Audi Urquattro", erklärt ein Mechaniker. Pilot und Teamleiter Heinrich Bramm hat früher Rallyes gefahren, nun schlägt sein Herz für den noch jungen Trecker-Rennsport. "Das ist einfach etwas völlig anderes – aber auch ziemlich anstrengend", erzählt Bramm. Damit nicht jedes Schlagloch zu den Fahrern durchdringt, sitzen viele auf speziellen Schwingsitzen.

Die Vulkan Trophy ist keine Landpartie

Spätestens beim Start wird klar, dass die Vulkan Trophy keine gemütliche Landpartie ist. Die Boxen-Girls in ihren knappen weißen Shorts verlassen die Piste, der Startschuss fällt, die Dieselmotoren heulen auf und rülpsen schwarzen Qualm aus ihren Auspuffrohren. Wie eine Büffelherde stürmen die Landmaschinen voran, der aufgewirbelte Staub brennt in den Augen. Die Fahrer legen sich in die Kurve, große Bodenwellen heben sie aus den Sitzen. Mutige Piloten jagen ihre Trecker mit den riesigen grobstolligen Reifen in einem Affenzahn durch die Kurve, bei waghalsigen Überholmanövern auf den langen Schotter-Geraden wird gern ein Stück Feld oder Wiese mitbenutzt. Wenn die schnellsten Trecker vorbei rasen, wirken 70 Km/h für den Betrachter wie Tempo 100.

Damenteam mit Cheerleader-Truppe
 
Nicht nur Männer liefern sich spektakuläre Überhol-Duelle, auch Frauen gehen in Altenschlirf an den Start. Beim AEM-Racing Team wird einer der beiden Traktoren sogar von einer komplett weiblichen Crew pilotiert. "Wir wollen es den Männern mal zeigen", sagen die vier Landwirtinnen. Beim Rennen im vergangenen Jahr holten die Landmaschinen-Ladies in ihrer Klasse den dritten Rang, nun sei noch "Luft nach oben".  Wenn die beiden Deutz-Trecker an der Start- und Ziel-Geraden vorbei flitzen, werden sie von einer eigenen kleinen Cheerleader-Truppe angefeuert.

Der Spaß steht im Vordergrund

Die Vulkan-Trophy findet schon zum dritten Mal statt, und jedes Jahr wächst die Zahl der Teilnehmer und Zuschauer. Die meisten Piloten sind Landwirte oder haben zumindest beruflich mit der Landwirtschaft zu tun. "Beim ersten Rennen wurden wir noch belächelt", erinnert sich Georg Picker vom MuZi-Team. Langsam entwickelt sich das 24-Stunden-Rennen zum angesagten Publikumsmagnet. Doch viele Teilnehmer hoffen, dass der Veranstaltung ihr rustikaler Charme erhalten bleibt. "Die Gaudi steht ganz klar im Vordergrund. Das wäre wahrscheinlich sofort anders, wenn Profi-Teams am Start wären. Nur wenn einem keine Sponsoren im Nacken hängen, kann es auch eine Gaudi bleiben", sagt Georg Picker.

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Sebastian Viehmann

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