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2010 geht es weltweit wieder aufwärts

Foto: VW 10 Bilder

VW-Marketing- und Vertriebschef Detlef Wittig spricht mit auto-motor-und-sport-Redakteur Harald Hamprecht über die weltweite Finanzkrise, die Zukunft des VW-Handels, über die aktuelle und künftige Modellpalette und den Wettkampf mit Toyota.

18.10.2008 Harald Hamprecht

Herr Wittig, jüngst gab es wilde Informationen über eine Ausdünnung des deutschen VW-Händlernetzes. Was ist da dran?
Wittig: Richtig ist, dass wir unseren Vertrieb in Deutschland neu strukturieren. Wir werden dabei aber weder eine Kündigungswelle lostreten, noch Abfindungsprämien zahlen und auch keine sonstigen massiven Einschnitte vornehmen. Es wäre grundfalsch, uns von kleineren Händlern rigoros zu trennen, nur weil ihr Jahresabsatz deutlich unter 1.000 Fahrzeugen liegt. Einen bundesweit geltenden Durchschnittswert für eine optimale Absatzmenge gibt es nicht; wir brauchen doch auch die Kapilarität unseres Netzes in ländlichen Regionen. Die Zahl der verkauften Neuwagen ist bei dem von uns gewählten Restrukturierungsansatz für sich allein genommen kein Kriterium und kann es auch nicht sein. Es gibt auch keinen direkten Zusammenhang zwischen Rendite des Händlers und Verbleib im Händlernetz. Eine durchschnittliche Standardgröße eines Händlerbetriebes gibt es nicht, Wir suchen hier nach ganz individuellen, strukturellen Lösungen.

Dann bleibt alles wie bisher?

Wittig: Nein. Wie gesagt, wir strukturieren unseren Vertrieb in Deutschland neu. Unser Netz ist - so wie das vieler Wettbewerber - überbesetzt, weil die Strukturen teilweise noch auf eine Größenordnung von bundesweit vier Millionen Neuzulassungen im Jahr ausgelegt sind, statt auf die 3,1 Millionen, die wir dieses Jahr und auch mittelfristig erwarten. Wir müssen uns auf eine weitere Stagnation des Marktes vorbereiten. Deswegen führen wir individuelle Gespräche mit vielen Händlern, werden einvernehmliche Lösungen finden und uns selbstredend auch immer an Paragraph 89b des Handelsrecht halten, der den Ausgleichsanspruch eines Vertragshändlers gesetzlich regelt. Das Marktumfeld hat sich in den vergangenen Jahren einfach rasant verändert. Mit der Neustrukturierung leisten wir einen wichtigen Beitrag dazu, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Händler auch für die Zukunft zu sichern - und letztlich natürlich dauerhaft eine noch höhere Zufriedenheit unserer Kunden zu erreichen.

Was hat sich am Wettbewerbsfeld denn Ihrer Meinung nach dramatisch geändert?
Wittig: Für die gesamte deutsche Autoindustrie gilt: Die Netze sind überbesetzt. Ein deutscher Händler verkauft im Schnitt 300 bis 400 Neuwagen im Jahr, in anderen Ländern sind es 800 bis 1.200. Die Renditesituation in Deutschland ist angespannt. Der Branchendurchschnitt lag 2007 bei 0,5 Prozent. Innerhalb des geschrumpften Gesamtmarkts vollziehen sich nachhaltige Segmentverschiebungen von höheren hin zu niedrigeren Segmenten. Das bedeutet eine Verlagerung auf tendenziell ertragsschwächere Modelle. Des Weiteren sind Veränderungen innerhalb der Absatzkanäle zu beobachten: anteilig und absolut weniger private Abnehmer, entsprechend mehr gewerbliche. Die Haltedauer von Fahrzeugen nach der Erstzulassung verlängert sich zunehmend. Die durchschnittliche jährliche Fahrleistung hat in erheblichem Umfang abgenommen - allein in den letzten fünf Jahren um rund 25 Prozent - und das schlägt sich auch im Service nieder.

Wie wollen Sie die Renditen Ihrer Händler verbessern?
Wittig: Mittelfristig wird die gleitende Netzanpassung einen Beitrag dazu leisten. Zudem haben wir ein umfangreiches Leistungssteigerungspaket für den Handel geschnürt, das kurzfristig die Grundlagen für eine Kostenentlastung schafft. Drittens bündeln wir alle für die Marktbearbeitung wichtigen Funktionen in einer Nationalen Verkaufsorganisation. Ziel sind schlanke und effektivere Prozesse sowie eine bessere Betreuungsqualität vom Hersteller zum Handel.

Was ist die Rendite, die Sie für Ihre Händler anstreben?
Wittig: Per August stand bei den deutschen VW-Händlern im Schnitt 0,6 Prozent. Das ist immerhin eine Steigerung von 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nachhaltig gesund sind jedoch Händler-Renditen erst oberhalb von einem Prozent. Und das streben wir schon bald wieder an. Die Rendite allein ist allerdings kein Kriterium für den Verbleib eines Händlers in unserem Handelsnetz.

Derzeit verfügen Sie über 1.200 Handelspartner an 2500 Standorten. Was ist Ihre Zielgröße?
Wittig: Wir haben da keine fixe Vorgabe. Wie bereits erwähnt bevorzugen wir strukturelle Maßnahmen. Oft verfügen Händler über mehrere Filialen, von denen einzelne bei Bedarf zusammengelegt werden können. Hier gibt es einen ganzen Blumenstrauß an Möglichkeiten, die wir individuell mit den Händlern besprechen und im Einvernehmen beschließen wollen.

Wobei der Markt Ihnen keinen Rückenwind gibt.

Wittig: Eben. Dabei stehen wir beim Absatz im Vergleich zu unseren Wettbewerbern noch ganz gut da; per September haben wir im Vorjahresvergleich 0,5 Prozentpunkte Marktanteil hinzugewonnen - auf einen Marktanteil von 19,6 Prozent. Allerdings hilft unseren Händlern ein Zugewinn beim Marktanteil gar nichts, wenn das Marktvolumen insgesamt einkracht. In Deutschland stagniert der Markt nun schon seit drei Jahren. Und das wird auch mittelfristig so bleiben.

Laut Aussagen Ihres Händlerverbands schreiben 61 Prozent der VW- sowie 58 Prozent der Audi-Händler in Deutschland roten Zahlen.
Wittig: Diese Zahlen kann ich nicht widerlegen. Es ist dabei aber immer die Frage, ob das Ergebnis hellrot oder tiefrot ist. Einige unserer Händler schreiben auch deutlich schwarze Zahlen mit Traumrenditen von bis zu vier Prozent. Außerdem: In der gesamten Branche schreiben momentan mehr als die Hälfte aller Marken-Händler Verluste. Das müssen wir strukturell korrigieren.

Die Service-Kette Pit-Stop steht zum Verkauf. Haben Sie Interesse an einer Übernahme?

Wittig: Nein, Pit-Stop ist für uns nicht von Interesse. Wir haben unser eigenes freies Werkstattkonzept "stop and go" ins Leben gerufen und werden das wie geplant ausbauen.

Kommen wir zur Großwetterlage: Wie schwer trifft die globale Finanzkrise Ihren Konzern?
Wittig: Wir werden von der Banken- und Finanzkrise bislang nicht direkt getroffen, spüren aber natürlich auch die Auswirkungen - über die Konsumentenmärkte. Psychologische Effekte führen dazu, dass Kunden sich in Kaufzurückhaltung üben. Daneben gibt es Hardfacts: Banken können sich nicht refinanzieren, leihen Händlerbetrieben immer weniger und seltener Geld zur Refinanzierung. Auch vergeben Banken weniger Konsumentenkredite - oder nur noch zu höheren Zinsen – und das hat natürlich Auswirkung auf die Nachfragen. Diese beiden Faktoren führen dazu, dass einige Gesamtmärkte runtergehen. Auch in Deutschland sehen wir im September und Oktober entsprechende Trends – aber zum Glück verhalten, der deutsche Markt ist innerhalb Europas noch einer der stabilsten. Daneben sehen wir Extremfälle wie Spanien, wo der Markt in den vergangenen drei Monaten um bis zu 40 Prozent eingebrochen ist oder England, da bildet der September, der um 20 Prozent rückläufig ist, einen bisherigen Tiefpunkt.

Drohen auch bei VW Produktionskürzungen?
Wittig: Wir profitieren glücklicherweise noch von langen Lieferzeiten und werden diese nun verkürzen können. Das ist ein schöner Puffer. Daneben werden wir innerhalb unserer Produktionsprogramme etwas umschichten, etwa weniger Touran und mehr Tiguan bauen. Anpassungen solcher Art wird es hier oder da geben. Aber nicht im großen spektakulären Rahmen. Denn in diesem Jahr werden unsere Auslieferungen über dem Vorjahr liegen, wenn auch nur in einem moderaten einstelligen Prozentbereich. Per September lag der VW-Konzern bei den Auslieferungen rund vier Prozent über Vorjahreszeitraum. Dieses Polster wird bei der Verfassung der Märkte bis Ende Dezember vielleicht etwas dünner werden. Aber wir haben einige neue Produktimpulse, die noch dieses Jahr kommen, wie den VW Scirocco, Passat CC, Golf, Skoda Suberb, Octavia Facelift, bei Audi A4 und A4 Avant, Seat Ibiza die alle positiv schieben. Jetzt müssen wir schauen, ob dieser Produktschub den Abschwung der Märkte kompensiert oder vielleicht sogar überkompensiert. Andere Wettbewerber haben diese Chance sicher nicht. Aber wir werden mit den Auslieferungen über Vorjahr liegen.

Wie stark schätzen Sie den negativen Effekt der globalen Finanzkrise ein?
Wittig: Die Geschwindigkeit und Dimension, mit der es runter geht, überrascht mich schon. So etwas habe ich in den vergangenen 40 Jahren noch nicht erlebt. Deutschland ist dabei noch ein stabiler Hort im stürmischen Umfeld. Begonnen hat die Finanzkrise ja schon vor einiger Zeit, aber erst ab Mai und besonders im Juli, August, September hat sie sich schnell verschärft. Wann die Finanzkrise ihr Ende nimmt, ist noch mit einem Fragezeichen zu versehen. Aber wenn die Krise zurückgeführt wird durch die Vielzahl der staatlichen Sicherungsmaßnahmen, die Stabilität auf der Kreditseite zurückkehrt, wird das Vertrauen zurückkehren. Ich gehe davon aus, dass sich das Misstrauen bei Pkw-Konsumenten spätestens 2010 nivelliert und dass es dann wieder aufwärts geht.

Wie schätzen Sie den Markt des kommenden Jahres ein?
Wittig: Das ist natürlich immer etwas Glaskugel lesen. Immerhin verfügen wir über einige Erfahrungswerte über die letzten Jahrzehnte: das Automobilgeschäft ist zyklisch. Ein Boom hat noch nie eine ganze Dekade gedauert, das Maximum lag bisher immer bei acht Jahren, das Minimum bei fünf Jahren. Wir genießen in Europa jetzt schon seit sechs, sieben Jahren einen Aufschwung. In der Vergangenheit folgten nach einer etwa fünfjährigen Boomperiode immer ein Abschwung von ein bis zwei Jahren. Und nach einem achtjährigen Boom ein konjunktureller Rückgang von zwei bis 2,5 Jahren.

Was erwarten Sie dann nach den vergangenen fetten Jahren?
Wittig: Wir erwarten, dass der Abschwung ein bis 1,5 Jahre dauern wird. Und diese Zeitspanne wird herausfordernd sein.

Befürchten Sie für VW 2009 einen Absatz-Rückgang?
Wittig: Nein, das glaube ich nicht, unser Konzern wird 2009 zumindest das weiter halten, was wir 2008 verkaufen.

Demnach drohen keine Stellenstreichungen bei VW?
Wittig: Das ist für uns überhaupt kein Thema. Wir halten uns an dieTarifvereinbarungen, die bis 2011 gelten.

Sind Ihre Langfristziele, die Sie in der Strategie "Mach 18" festgeschrieben haben, in Gefahr?
Wittig: Nein, wir befinden uns weiter auf dem Wachstumspfad für 2018. Bei der Verfolgung unserer langfristigen Ziele lassen wir uns von zyklischen Schwankungen nicht stören.

2007 lag der Weltmarktanteil der Marke VW bei rund 6,3 Prozent. Wo liegt der heute?
Wittig: Heute bei rund sieben Prozent.

Und für den Konzern?
Wittig: Bei knapp elf Prozent.

Was sind Ihre Ziele bis 2018?
Wittig: Wir haben da keinen fixen Marktanteil festgelegt. Wir wollen weiter wachsen. Vor allem in Märkten mit großem Potenzial, wie USA und den Emerging Markets. Per September liegt der Toyota-Konzern bei 13 Prozent, GM bei 12,7 Prozent. Ford haben wir im ersten Halbjahr bereits knapp überholt. Im Gesamtjahr haben wir uns weiter abgesetzt von Ford – und kommen GM und Toyota Schritt für Schritt näher. Unser Ziel ist es aber nicht nur, Toyota beim Marktanteil einzuholen, sondern in Profitabilität und Markenstärke. Wenn das einhergeht mit Volumen ist das prima. Wenn uns in diese Fall o,5 Prozentpunkte fehlen würden, stört uns das nicht.

Ihr Erzrivale Toyota will sein neues Einstiegsmodell für 13.000 Euro verkaufen und deswegen nur 10.000 Einheiten davon im Jahr verkaufen. Wie sehen die Pläne für Ihr Einstiegsmodell Up aus, das Ende 2010 auf den Markt kommen soll?
Wittig: Unser Up soll ein wahres Volksauto werden, und kein Nischenmodell. Deswegen wird der Up auch vom Preis her den Einstieg in die VW-Welt ermöglichen. Vielleicht gelingt es uns, ihn trotzdem zum Kultobjekt zu machen - ohne Kultpreise. Der Up wird deutlich unter dem Einstiegsmodell unseres japanischen Wettbewerbs liegen.

Wie wird sich der Rabattwettbewerb Ihrer Meinung nach entwickeln? Sprich: Werden Autos in Deutschland tendenziell teurer - oder bleibt das hohe Rabattniveau?
Wittig: Ich kann hier nicht für andere sprechen. Wir haben uns immer anders aufgestellt als die Branche. Mit der Marke Volkswagen haben wir Wert gelegt auf Werthaltigkeit, sprich Restwertstabilität. Ja, wir sind deswegen teilweise höher im Anschaffungspreis, aber auch besser im Kundenwert über den gesamten Lebenszyklus des Fahrzeugs hinweg. Der höhere Anschaffungspreis ist damit ein Wert, der sich hinterher verzinst und rentiert. Diese Preispolitik werden wir nicht aufgeben. Allerdings sehe ich auch nicht, dass sich unsere Preise signifikant erhöhen werden. Die Preispolitik orientiert sich an langfristigen Überlegungen. Außerdem bestimmt der Wert der Produkte den Wert unserer Marke. Und das ist bei uns eine heilige Kuh.

Warum kommt der Golf VII schon Ende 2011?

Wittig: Solche Spekulationen haben wir nicht kommentiert. Wir haben jetzt den Golf 6 in den Markt gebracht. Dass wir irgendwann an einem Nachfolger beginnen zu arbeiten, ist doch selbstverständlich.

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