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VW Chief Digital Officer Johann Jungwirth im Interview

Wer will, kann natürlich selbst fahren

Johann Jungwirth Foto: Hans-Dieter Seufert
Interview

Der Digital-Chef des Volkswagen-Konzerns über autonomes Fahren, das Wettrennen mit Apple und Co., Autos mit Wellnessraum und den Fahrspaß von morgen.

27.04.2016 Ralph Alex, Jens Katemann
Sie sagen, der VW-Konzern soll bis 2025 zu einem führenden Mobilitätsanbieter werden. Wie soll das gehen?

Jungwirth: Dazu gehört ein breites Angebot an Produkten sowie Mobilitätsangeboten und -lösungen. Eine wichtige Komponente ist die Entwicklung von völlig autonom fahrenden Autos. Zum anderen braucht man eine Mobilitätsplattform, über die unsere Nutzer Mobilitätsdienstleistungen buchen können.

Andere Konzerne wie Daimler mit seinem Moovel-Angebot sind in diesem Punkt schon weiter.

Jungwirth: Carsharing kann in einzelnen Regionen wie zum Beispiel in China Sinn machen, wird allerdings mittelfristig durch Ridesharing und autonom fahrende Autos abgelöst werden. Dementsprechend ist es kein Nachteil, in der ersten Welle in begrenztem Umfang wie zum Beispiel mit dem Carsharing-Dienst Greenwheels dabei zu sein. Wichtig ist, dass wir bei Mobility-on-Demand-Services – in naher Zukunft mit selbstfahrenden Fahrzeugen – sehr früh unseren riesigen Vorteil ausspielen, dass wir so viele Marken und Fahrzeugkategorien wie kein anderer haben.

Worauf kommt es noch bei der Neuorganisation der Mobilität an?

Jungwirth: Wir brauchen, das ist die dritte Komponente, intelligente Mobilitäts-Kontrollzentren. Wenn beispielsweise in einer Stadt ein großes Fußballspiel ist, dann lernen wir über unsere Algorithmen, wo die Menschen sind und welche Fahrzeuge dort gebraucht werden. Die Besucher wollen vor dem Spiel beispielsweise vom Bahnhof ins Stadion. Und nach dem Ende des Spiels müssen 10.000 Fahrzeuge bereitstehen, um die Fußballfans nach Hause oder zum Bahnhof zu bringen. Das muss gemanagt werden, was zum Großteil über Software läuft.

Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Jungwirth: Wir müssen uns als Konzern von einem Hardware-Unternehmen zu einem integrierten Hardware-, Software- und Services-Unternehmen weiterentwickeln.

Werden die 10.000 selbstfahrenden Autos, die uns am Fußballstadion abholen, eher Polo, Golf oder Passat sein oder sehen diese Fahrzeuge dann völlig anders aus?

Jungwirth: Das ist eine ganz wichtige Frage für uns. Wir haben im Konzern ja sehr unterschiedliche Marken mit einem eigenen Charakter. Diese Spreizung muss man auch bei den selbstfahrenden Modellen spüren. Wir werden sicher ganz neue Fahrzeugkonzepte erleben: Das eine Modell hat beispielsweise eher einen Lounge-Charakter, ein anderes hat einen HiFi-Erlebnis- oder Wellnessraum, und wieder ein anderes treibt die Idee des VW Multivan oder California weiter. Da ist ganz vieles vorstellbar.

Wie müssen wir es uns vorstellen, wenn Sie – mit Apple-Vergangenheit und Silicon-Valleygeprägt – auf die klassische Ingenieurskultur des VW-Konzerns treffen?

Jungwirth: Die Reaktionen sind durchweg positiv, ich bin nach wie vor ein Vollblut-Ingenieur mit sehr starkem Fokus auf den Menschen, den Kunden und Nutzer, was mir sehr wichtig ist. Alle Chefs der Marken unterstützen mich sehr, Konzernchef Matthias Müller sowieso. Alle sehen die Entwicklung und das Potenzial für uns, da die erfolgreiche digitale Transformation des Unternehmens sehr wichtig für den Erfolg und das nachhaltige Wachstum des Konzerns ist.

Was sollen die Future Center bringen, die Sie auf drei Kontinenten gründen?

Jungwirth: Die Future Center in Deutschland, Kalifornien und Asien sind die Basis für die ganz enge Kooperation von Interieur-, Exterieur- und digitalen User-Experience-Designern. Ich finde es extrem wichtig, den Kunden in den Mittelpunkt unseres Arbeitens zu stellen. In fünf Jahren werden die Autofahrer das digitale Erlebnis in unserem Ökosystem haben, das sie heute nur vom Smartphone kennen und gewohnt sind. Wenn Sie in ein Fahrzeug unserer Marken einsteigen, selbst wenn es ein Mietwagen ist, werden alle Ihre Einstellungen und Präferenzen übernommen: von Sitz- über Klimaeinstellungen bis hin zum Audiobook, das Sie gerade hören.

Und was werden wir in zehn Jahren erleben können?

Jungwirth: In zehn Jahren werden wir selbstverständlich völlig autonom fahrende Autos von verschiedenen Konzernmarken und in verschiedenen Fahrzeugkategorien haben – noch nicht überall auf der Welt, aber in einigen Städten und Regionen. Und wir können damit schwachen Menschen wie Alten, Kranken, Blinden und Kindern erstmalig Zugang zu individueller Mobilität bieten und ihre Lebensqualität deutlich erhöhen.

Und die autonom fahrenden Autos holen uns dann im Stadion ab und parken zwischendurch von selbst im Parkhaus?

Jungwirth: Natürlich. Aber die Vorteile sind noch viel größer: Wir wissen, dass immer noch jährlich über 1,2 Millionen Menschen im Straßenverkehr sterben. Die meisten von ihnen können wir retten. Oder das Thema Zeit: 37.668 Stunden Lebenszeit verliert ein Mensch im Durchschnitt im Auto – die können wir ihm zurückgeben, weil er im autonomen Auto die Zeit sinnvoll nutzen kann.

Sie kennen als einer der wenigen Autoentwickler die Seite der IT-Konzerne – durch Ihre Zeit bei Apple – und die Seite der Autokonzerne. Wer hat die besseren Chancen im Wettlauf ums autonom fahrende Auto?

Jungwirth: Fakt ist: Wir als Autounternehmen entwickeln unsere Systeme konsequent weiter, bei Audi und Porsche genauso wie bei VW. Aber gleichzeitig können wir ebenso das tun, was viele eher den IT-Unternehmen zutrauen: Wir entwickeln auch einen revolutionären Pfad, basierend auf dem selbstfahrenden System mit künstlicher Intelligenz. Und haben dabei als VW-Konzern den Vorteil, das alles in kleinen Stadtautos genauso zu spielen wie im Premium-Segment und im großen Lkw. Das ist ein Riesenvorteil.

Hat eine Firma wie Apple nicht viele Vorteile?

Jungwirth: Anders als neue Player beherrschen wir die Fahrzeug-Hardware schon perfekt. Da kann uns auch keiner was vormachen. Da wir jetzt bei den Themen Software und Services mit der gleichen Energie und Fokussierung vorangehen, wüsste ich nicht, warum wir nicht zu den Gewinnern dieses spannenden Rennens gehören sollten. Auf der anderen Seite sehe ich sehr gute Kooperationschancen mit dem Silicon Valley, da sich unsere Stärken perfekt ergänzen. Ich habe nach wie vor viele Freunde bei Apple und im Silicon Valley, welche ich sehr schätze.

Wie sieht Ihre Zukunftsstrategie aus?

Jungwirth: Die besteht aus sechs Punkten und beginnt mit dem neuen digitalen Erlebnis für den Nutzer; dafür brauchen wir die Future Center. Das Zweite ist die Digitalisierung der Produkte und Services: unter anderem das selbstfahrende System. Drittens Smart Mobility, also unsere künftigen Mobilitätsplattformen und -Services. Dann das Thema Kunde und Handel – also digitales Marketing, Online-Vertrieb und das Ökosystem. Fünftes Thema ist Business 4.0, gemeint ist die Digitalisierung der Geschäftsprozesse, der Arbeitswelt und der Aus- und Weiterbildung. Und als sechster Punkt Industrie 4.0, also die Digitalisierung der Produktion.

Wo liegt denn der Volkswagen-Konzern vorn?

Jungwirth: Meiner Ansicht nach beim Thema Industrie 4.0, da sind wir gut unterwegs. In den anderen Bereichen haben wir klare Ziele als Teil der Digitalisierungsstrategie erarbeitet. Man muss sich klarmachen, dass wir gerade an der Neuerfindung des Automobils und der Mobilität arbeiten. Das ist wie die Umstellung vom Pferd aufs Auto vor über 100 Jahren.

Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Jungwirth: Nein. Das, was der Motor war – also das Herz des Automobils im 20. Jahrhundert –, wird im 21. Jahrhundert das selbstfahrende System. Wer dies nicht als Kernkompetenz beherrscht, wird nicht zu den Gewinnern gehören.

Reden wir in Zukunft eigentlich noch davon, dass das Autofahren selbst Spaß macht?

Jungwirth: Autonomes Fahren und Fahrspaß passen nicht zusammen? Ich sehe das völlig anders! Wenn Sie sich heute nur mal die Spreizung in der Fahrdynamik unserer Automarken ansehen, von Skoda und Seat bis zu Bentley und Lamborghini. Die ist auch im Zeitalter der autonom fahrenden Autos extrem wichtig. Wenn man außerhalb der Stadt fährt, ist der Unterschied im Fahrwerk, in den Bremsen, im Antrieb auch in selbstfahrenden Fahrzeugen voll spürbar. Dieser Unterschied ist sogar sehr wichtig fürs Erlebnis des Kunden. An einem Dynamikregler kann er einstellen, wie er gefahren werden will.

Aber Sie gehen davon aus, dass er auch dann gefahren wird und nicht selbst fährt?

Jungwirth: Die Menschen werden uns sehr dankbar sein, es schätzen und genießen, da bin ich mir sicher. Dies wird einen Riesenfortschritt der Gesellschaft ermöglichen. Wer aber selbst fahren will, der kann natürlich selbst fahren.

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