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Autos, die man nicht vergisst (25)

VW Jetta GTD - Vom Reiz des Reizlosen

Foto: Hersteller 2 Bilder

Ein Jetta hat sich in die Redaktion verirrt, ein GTD mit Turbodiesel. Wir schreiben das Jahr 1987 - die Präsentation dieses Golf 2 mit Stufenheck liegt schon drei Jahre zurück, das in Grünmetallic gehaltene Stück aus dem VW-Fuhrpark ist ein aufgabenloser Irrläufer.

11.02.2009 Klaus Westrup Powered by

Alles ist schon getestet und geschrieben. Doch weil er nun mal da ist, sucht Michael Mehlin, oberster Testwagenverwalter, jemand, der sich um ihn kümmert.

Kofferraum wie bei der S-Klasse

"Haben Sie Lust", tönt es aus seinem Büro, "ein bisschen Jetta zu fahren?" Wie soll man auf einen Jetta Lust haben? Andererseits kennt Mehlin meine Neigung zu automobilen Underdogs und Nobodys. Ich gebe mich fahrbereit, auch wegen einer Bemerkung des Automobil-Gourmets Fritz B. Busch, der einmal sagte, am wohlsten fühle er sich immer mit einem Lenkrad zwischen den Fingern. Und ein Lenkrad hat ja der Jetta. Es ist Winter, die erste längere Fahrt führt in den Schnee des südlichen Schwarzwalds. Die beiden Kinder sind noch klein, zwei Schlitten schluckt der 550-Liter-Kofferraum wie nichts. Er ist so groß wie bei einer Mercedes S-Klasse , man kann völlig unkoordiniert laden und bekommt doch immer den waagerechten Deckel zu. Mir kommt der wohlhabende blaublütige Bekannte in den Sinn, der eigentlich Jaguar fahren müsste, aber stattdessen einen Jetta kauft, weil seine Gewehre so wunderbar in den Kofferraum passen.
Von ihm stammt auch der Kommentar zum Styling: vorne Golf, hinten Container-Kiste. Es gibt ja noch keine "Formensprache" bei Volkswagen, die neuzeitliche Überbewertung der Verpackung ist weit entfernt. Ein toller Hecht wie der Mann im Alfa Spider oder Porsche ist man im Jetta ganz und gar nicht, aber was ist man dann? Die Marketing-Abteilung des Konzerns weiß Rat. Für die Einschätzung von außen hat sie ein schönes Wort erfunden, die sogenannte Modellfremdanmutung.

Im Fall des Jetta bedeutet sie, dass der Mann hinter dem Lenkrad für ruhig, sparsam, friedlich und unsportlich gehalten wird - aus der Sicht der Marketing- und Verkaufsstrategen eher negative Eigenschaften, weil sich mit ihnen weniger Geld verdienen lässt. Der typische Jetta-Fahrer ist zudem mit hoher Wahrscheinlichkeit verheiratet (80 Prozent), zwischen 30 und 59 Jahre alt, höherer Beamter oder Rentner und bringt 4.000 Mark netto nach Hause.

Singles fahren nicht Jetta, was sollten sie auch mit dem Kofferraum? Immerhin spielt das voluminöse Heckabteil eine wichtige Rolle bei den Fotos, die die Presseabteilung von Volkswagen verschickt. Schwere Bernhardiner-Hunde sind da zu sehen, die man problemlos einladen kann, außerdem rasante Ski-Fahrerinnen, die ihre Stöcke verstauen, langmähnige Schönheiten in flokatiartigen Pelzen.

Rund sieben Liter genehmigt sich der 70 PS-Turbodiesel

Zur Biederkeit gerade dieses Typs aus Wolfsburg mag man sich nicht bekennen, der Reiz des Reizlosen ist entweder nicht entdeckt worden oder wird schamhaft verschwiegen. Die Schwarzwaldfahrt verläuft unspektakulär, aber sehr zufriedenstellend. Der Turbodiesel mit Kennziffer 827, noch ein alter Wirbelkammer-Motor mit 70 PS, brummt zufrieden und macht den Jetta ausreichend, aber eben auch nicht zu schnell. Das würde alles verderben, der Touren- und Reisecharakter wäre dahin.

Sieben Liter nimmt sich der langhubige Vierzylinder alle 100 Kilometer aus dem 55 Liter fassenden Tank. Wer etwas zurückhaltend fährt, kommt mit einer Füllung von Stuttgart nach Nizza. Man tankt nicht einfach, sondern bunkert den Treibstoff wie ein U-Boot. "Es gibt nur wenige Menschen", erklärt der Mann vom VW-Marketing, "die sich ein reizloses Auto erlauben können." Diese wenigen meidet der Text im Jetta- Prospekt. "Das Schöne an ihm ist", behauptet dieser, "dass er genau so aussieht wie er ist: klassisch schön."

Auf einmal reizt das Reizlose

Ein George Clooney auf vier Rädern steht also da auf der Straße, denn, so VW: "Das Starke an ihm ist, dass er nicht nur stark aussieht." In Wahrheit zählen seine inneren Werte. Der Jetta läuft gut, federt gut, lenkt sich gut. Seine objektiv unattraktive Linie, die sich auch durch die optionalen Leichtmetallfelgen mit merkwürdigem Speichendesign nicht grundlegend ändert, tritt in den Hintergrund.

Schon in der ersten Jetta-Woche verstärken sich die guten Gefühle. Ich werde zum Jetta- Fan, verstaue mit Genuss auch kleinste Gebinde im riesigen Gepäckraum, einmal eine Flasche Likör. Das Wort des Mannes mit den vielen Gewehren klingt immer plausibler. Er kann nicht verstehen, wie man statt eines Jetta einen normalen Golf kauft. Doch das Volk entscheidet anders; auf sieben Golf-Exemplare kommt hierzulande nur ein Jetta. Es ist keineswegs der Preisvorteil von ehemals rund 1.000 Mark, der den Golf im Vergleich zum verlängerten Bruder zum Verkaufsrenner macht.

Die zweite Jetta-Woche vertieft unsere Beziehung dramatisch. In der Redaktion ertappt man mich bei Lobpreisungen dieses langweiligen Automobils, als wolle ich es verkaufen. Vielleicht waren alle anderen Autoanflüge, der NSU TTS, der 2 CV, die Gedankenspiele mit dem Triumph TR 4 und Austin Healey 3000, nur Irrungen, die nun zielstrebig zum Jetta führen.

Auch aus Kindermund kommt Lob. Die winterliche Schwarzwaldfahrt bleibt als "gemütlich" in Erinnerung, selbst auf langen Strecken entsteht kein Brechreiz. Ich werde Fritz B. Busch den Jetta als neuzeitliches Auto empfehlen. Ich muss ihm sagen, dass er nicht unbedingt einen Opel 4/20 für die Ersteigung des Julier-Passes benötigt und nicht den Ford A für seine Reise nach Neapel. Im Jetta gelingt das auch, dem Fahrfreudigen sogar mit unerwartetem Genuss. Er muss nicht einmal Isolierband, Bindedraht und Abschleppseil mitnehmen. Der Abschied kommt abrupt. "Der Jetta wird abgeholt", tönt die Stimme kalt und herzlos aus dem Testwagenbüro. Ein rasanter Sportwagen steht bereit, Fahrspaß scheint garantiert zu sein. Mal sehen.

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