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VW Karmann-Ghia Restaurierung

Der Vierte im Bunde

VW Karmann-Ghia Cabriolet, Seitenansicht, Ausfahrt Foto: FACT 14 Bilder

Drei VW Karmann-Ghia hat Horst Reckert aus der Nähe von Kassel bereits restauriert. Im Mai 2011 startete er mit dem nächsten Projekt - einem Cabriolet von 1972, das er von einem Clubkollegen übernahm, um es neu aufzubauen.

30.05.2013 Bernd Woytal Powered by

Die einen gehen jeden Abend in ihre Stammkneipe, andere spielen in ihrer Freizeit gerne Golf. Horst Reckert hat ein anderes Hobby gefunden: Er beschäftigt sich am liebsten mit VW Karmann-Ghia.

Traumwagen der Jugend

Die Autos auf seinem Grundstück, die Modellsammlung in der Wohnung und die Ersatzteile in der Garage lassen keinen Zweifel daran, für welches Auto er besonders schwärmt. Den Grund dafür kennt er genau: "Als ich 18 war, durften meine Freundin und ich eine Probefahrt im Karmann meines Onkels machen." Diese Tour anno 1963 bereitete ihm so viel Spaß, dass er beschloss: "So einen Wagen bekomme ich auch einmal."

Dafür reichte sein Geld vorerst nicht, also blieb sein Traum zunächst unerfüllt. Erst 1975 ergab sich die Gelegenheit zum Kauf eines Coupés mit Unfallschaden für nur 300 Mark. Doch es benötigte eine aufwendige Verjüngungskur.

Ein Cabrio muss her

Reckert machte seine Sache gut, über 30 Jahre hielt ihm das Karmann-Ghia Coupé die Treue, dann trennte er sich davon - aber nur aus Platzgründen. Denn zwischenzeitlich war der Karmann-Bestand im Hause Reckert gewachsen. "Nachdem ich ein Coupé hatte, wünschte ich mir natürlich zusätzlich noch ein Cabriolet", erinnert sich der 67-Jährige.

1982 ergab sich die Chance dazu - natürlich nutzte er sie. In jener Zeit gab es etliche Karmann-Ghia-Fahrer rund um Kassel, und so formierte sich der Karmann-Ghia-Club-Kassel, zu dessen Gründungsmitgliedern Reckert zählte. Von einem der Clubkollegen stammte auch seine letzte Neuerwerbung, ein rotes 72er Karmann-Ghia Cabrio, das eigentlich noch fahrbereit war, aber dringend eine Auffrischung benötigte.

Vorgeschichte des Karmann-Ghia unbekannt

Der Vorbesitzer hatte dieses Karmann-Ghia Cabrio vor vielen Jahren schon einmal hergerichtet. Die nun anstehende erneute Restaurierung fiel ihm aus Altersgründen schwer, weshalb der Karmann zum Verkauf stand. Klar, etliche Alterungsspuren ließen sich nicht verleugnen, "dennoch sah der Wagen noch relativ gut aus", fand Reckert. Und ergänzt: "Aber wie es wirklich um ein Auto bestellt ist, sieht man erst, wenn man es ganz auseinandergenommen hat." Genau das tat er.

Da er zuvor schon drei andere Karmänner restauriert hatte, besaß er eine gewisse Routine. Und die nötigen Fachkenntnisse gehen auf seine Erfahrungen zurück, die er in den Sechzigern sammeln konnte - beruflich und in der Freizeit. Als Jugendlicher absolvierte er eine Lehre als Maschinenschlosser, und später setzte er als Reparaturschlosser in einer Schmiede Maschinen instand. Ein Schweißkurs zählte ebenfalls zu seiner Berufsausbildung, den Umgang mit Blech und Lack an Autos lernte er schließlich, als er zusammen mit seinem Vater Unfallfahrzeuge herrichtete.

Karmann-Ghia-Schrauben als liebstes Hobby

Als er 1970 zum Mercedes-Achswerk in Kassel wechselte, wo er in der Abteilung Controlling landete, kam er nur noch in seiner Freizeit zum Schrauben, und dafür waren die Karmänner da. Wenn er sich einen Karmann-Ghia kauft, befasst er sich auch mit dessen Vorgeschichte. "Zum Beispiel rufe ich dann den Erstbesitzer an, wenn ich ihn ausfindig machen kann", sagt der Karmann-Fan. An ein Telefonat erinnert er sich besonders gern: "Einmal hatte ich eine Dame am Telefon. Als ich ihr sagte, sie könne ihr früheres Auto wieder kaufen, lehnte sie freundlich ab. Denn sie war eine pensionierte Lehrerin, und mit ihren 78 Jahren wollte sie sich keinen Wagen mehr kaufen."

Bedauerlich, dass die Vorgeschichte seiner letzten Neuerwerbung im Dunkeln blieb. Jegliche alten Dokumente waren verschwunden, und das Clubmitglied, von dem er das Karmann-Ghia Cabrio erworben hatte, konnte sich an den Vorbesitzer nicht mehr erinnern. Schade, denn vielleicht hätte sich klären lassen, warum in dem 72er Karmann ein Motor mit 44 PS montiert war, der eigentlich nur in bis 1970 gebauten Modellen Verwendung gefunden hatte.

Rost an der Karosserie sorgt für reichlich Arbeit

Doch das Thema Motor stand zunächst nicht zur Debatte. Zuerst einmal begann Reckert mit den Demontage-Arbeiten an seinem Karmann-Ghia Cabrio. Er nahm alle Anbauteile weg, demontierte das Interieur und baute den Motor und das Getriebe aus. Als erstes wollte er sich der Karosserie des Karmann-Ghia Cabrios widmen. Wie er schon vermutete, mussten die Schweller ersetzt werden sowie das darin verborgene Lochblech. Diese Arbeiten erledigte er, solange sich die Karosserie noch auf dem Plattformrahmen befand, um zu vermeiden, dass sich das Auto verzog.

"Um dies rechtzeitig erkennen zu können, habe ich die Türen dringelassen und auf die Spaltmaße geachtet", erklärt Reckert. Um die Rostschäden der Heizungskanäle zu beseitigen, musste er allerdings die Karosse des Karmann-Ghia Cabrio abheben. Normalerweise löst man zuvor alle Verschraubungen, und einige kräftige Männer nehmen dann die Blechhülle weg.

Doch der Hobbyschrauber mochte ungern warten, bis irgendwann mal jemand Zeit dafür hatte. Deshalb erledigte er diese Aufgabe lieber allein, mit viel Geduld, zwei großen Wagenhebern und geschicktem Abstützen. Danach schweißte er in den Türaussparungen des Karmann-Ghia Cabrio Versteifungskreuze ein, um die Karosserie zu stabilisieren.

Karmann-Karosserie ist schwer zu restaurieren

Auch am hinteren Seitenteil und im Radhaus des Karmann-Ghia Cabrio mussten neue Bleche eingeschweißt werden. Aus Gründen der Passgenauigkeit bevorzugt er Originalteile von VW, "und beim Schweißen muss man stets aufpassen, dass sich nichts durch eine zu große Hitzeeinwirkung verzieht", sagt Reckert - und bestätigt die Erfahrung anderer: "Eine Karmann-Karosserie ist schwer zu restaurieren, weil alles rund und außer den Hauben und Türen nichts verschraubt ist."

Neben den Rostschäden musste Reckert noch einige Arbeiten nachbessern, die einst nicht mit der nötigen Sorgfalt durchgeführt worden waren. So war der Vorderkotflügel an einer Stelle zu lösen und neu zu verschweißen. Auch das Verdeck passte beim Karmann-Ghia Cabrio in geschlossenem Zustand nicht richtig. Die mangelhafte Passung zwischen dem vorderen Spriegel und dem Rahmen der Windschutzscheibe war durch ein Gummiteil vertuscht worden. "Das Richten hat mich 14 Tage gekostet", erinnert sich Reckert.

Überholung des Chassis

Das Chassis des Karmann-Ghia Cabrio hat er übrigens sandgestrahlt. Die hinteren Bodenbleche musste er allerdings erneuern, weil sie unter den Dämmmatten Rostlöcher aufwiesen. Dann grundierte er den Plattformrahmen und lackierte ihn schwarz. Wie erwähnt, konnte er das in Eigenregie übernehmen - wie auch das Spachteln und Grundieren der Karosserie. Deren Inneres lackierte er ebenfalls eigenhändig aus.

Als Farbton wählte er weder Rot noch Gelb, wie das Karmann-Ghia Cabrio einst ausgeliefert worden ist. "Im Fernsehen habe ich mal einen Karmann in Metallic-Silber gesehen, und das hat mir gut gefallen", erklärt Reckert seine Farbwahl. Es handelt sich aber um einen Ton, den es laut seinem Farbkatalog damals tatsächlich gab. Das Lackieren der Karosserie übernahm er nicht selbst, sondern überließ es einem Fachbetrieb.

Die nötigen Technikarbeiten hielten sich in Grenzen. Alle maroden Verschleiß- und Gummiteile kamen natürlich neu, zum Glück hatte der Vorbesitzer kurz zuvor die Bremsen überholt. In Reckerts Fundus befand sich zufälligerweise ein aus einem ausgeschlachteten Karmann-Ghia stammender 50-PS-Motor. Den hatte er überholen lassen, er war als Reserve gedacht, wenn plötzlich ein Triebwerk in einem seiner Wagen den Geist aufgeben sollte. Genau diese Maschine baute er nun in seinen neuen Karmann ein, zusammen mit dem alten Getriebe, das noch bestens funktionierte.

Boxermotor springt nicht an

Besondere Freude bereitete ihm das schrittweise Komplettieren des lackierten Karmann-Ghia Cabrios, aber als er dann zum ersten Mal den Zündschlüssel drehte, tat sich nichts. Nach langer Suche, bei der ein geschickter Elektriker aus dem Bekanntenkreis half, stellte sich heraus, dass er beim Anschließen des Anlassers einen Fehler gemacht hatte. Danach lief der Wagen ohne Mucken.

Die erste Ausfahrt führte dann gleich nach Sylt. "Aber meine Frau traute der Sache nicht und fuhr mit dem Zug", sagt er mit einem Augenzwinkern, wobei der wahre Grund wohl eher das viele Gepäck war, das nicht alles in das Karmann-Ghia Cabrio gepasst hätte.

Reckert hatte nun seinen vierten Karmann restauriert, und zu seiner Gattin sagte er: "Jetzt ist Schluss." Doch ist es das wirklich? Neulich verzichtete er auf den Kauf eines maroden Cabrios für 900 Euro: "Das tat mir in der Seele leid." Stattdessen revidiert er gerade mit seinem Sohn dessen Auto. Es ist, man ahnt es, ein Karmann-Ghia.

Antrieb des Karmann-Ghia stammt aus dem VW Käfer

Als Horst Reckert den Karmann-Ghia kaufte, werkelte im Heck ein falscher Motor: Statt des installierten Boxers mit 44 PS gehört in den 72er Karmann ein Triebwerk mit 1,6-Liter und 50 PS. Diese Maschine gab es erstmals ab August 1970 und ist auch im VW Käfer 1300 S (ab 1972), 1302 S, dem 1303 S und im 1303 Cabrio zu finden.

Der luftgekühlte Vierzylinder mit den Kennbuchstaben AD und AS und den Maßen 85,5 x 69,0 mm für Bohrung und Hub und 1584 cm3 Hubraum besitzt den Solex 34 PICT-3 Fallstromvergaser.

Restaurierung VW Karmann-Ghia Cabriolet

Kaufort/Jahr: Baunatal-Hertinghausen, Mai 2011
Kaufzustand: Der Wagen war noch angemeldet und fahrbereit, allerdings zeichneten sich   einige Roststellen ab, zudem war ein falscher Motor montiert.
Vorgeschichte: Der Erstbesitzer des Wagen ist nicht bekannt. Später kaufte ein Mitglied des Karmann-Ghia-Clubs Kassel den Wagen und fuhr ihn 32 Jahre. Zuvor restaurierte er  ihn und lackierte ihn von Gelb auf Rot um.
Restaurierungsumfang: Totalzerlegung in alle Einzelteile,Trennung von Chassis und Karosserie, Beseitigung der Rostschäden unter Verwendung neuer Blechteile an Karosse und Plattformrahmen. Letzterer wurde auch sandgestrahlt. Lackierung des Rahmens in Schwarz, der Karosserie in Metallic-Silber. Erneuerung beziehungsweise Anpassen des Verdecks, Ersetzen aller maroder Verschleiß- und Gummiteile, Einbau eines passenden, überholten Motors, Aufarbeitung aller wieder verwendbaren Teile.
Restaurierungsdauer: 2011 bis Mitte 2012
Fachkundige Unterstützung: Firma Neuffer in 37079 Göttingen, Tel. +49 (0)551 505070, www.ghia-connection.de (Ersatzteile), Volkswarenhaus Heussner Stauber GmbH & Co. KG, 34355 Staufenberg, Tel. +49 (0)5543 94110, www.typ-17.de (Ersatzteile), Sattlerei Heinemann, 37247 Grossalmerode (Persenning), Wilhelm Fiedler vom Vorstend des Karmann-Ghia-Clubs Kassel, www.kgck.de (technische Beratung)
Kosten: Rund 8.000 Euro ohne Eigenleistung
Wert: 25.000 Euro laut Gutachten

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