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VW Santana

Schwarzwälder Pirsch

Foto: Hardy Mutschler 16 Bilder

Wenn guter Geschmack einsam macht, zieht schlechter Geschmack dann die Massen an? Wir prüfen das mal - und reisen mit dem VW Santana in die Epizentren des Schwarzwald-Tourismus.

28.03.2007 Sebastian Renz Powered by

Titisee, so schunkelig wie der Musikantenstadl

Der Obersheriff von Titisee-Neustadt ist ein großer Stratege. Ein ganz großer - denn heute kleidet er sich in Zivil. Wir dagegen rollen zum zweiten Mal gut sichtbar im Santana eine Straße hinauf, die sich einbildet, eine Fußgängerzone zu sein, dann jedoch zu einem Parkplatz führt.

Wir haben das andere Ende fast erreicht, da springt der Ordnungshüter eilends hinter einem Schwarzwaldschinken-Regal hervor und stoppt mit gezücktem Ausweis unser Auto. Mit seiner Digitalkamera dokumentiert er unser Verbrechen. Nein, Durchfahrtsgenehmigung haben wir keine. Also kostet das "15 Euro. Pro Durchfahrt. Und jetzt machen Sie, dass Sie hier wegkommen."

Es hätte schlimmer kommen können. Er hätte uns drohen können, dableiben zu müssen. So können wir uns zumindest taktisch aus Titisee zurückziehen, einem Ort, schunkelig wie der Musikantenstadl. Wir sind überhaupt nur hier, weil ich mit einem neuen Kollegen eine Bildungsreise unternehme, um ihm die Schönheit Süddeutschlands nahezubringen.

Im Schwarzwald wollen wir ihm zeigen, dass es mächtigere Erhebungen gibt als Bahnübergänge und wildere Gewässer als den Mittellandkanal. Feldberg und Triberger Wasserfälle stehen damit als Ziele fest, dann wollen wir noch ein wenig durch den Schwarzwald autospazieren. Weil das Ganze gemütlich abgehen soll, wählen wir dafür den Volkswagen Santana.

Der Santana war Konkurrent von 5er-BMW und Audi 100

Unser GL5 stammt aus dem Premierenjahr 1981. Die Limousine wird in Emden und Brüssel gebaut und soll mit Audi 100 und 5er-BMW konkurrieren - findet Volkswagen damals. Doch wie schon bei den anderen Stufenheckmodellen Derby und Jetta gelingt auch beim Santana die erhoffte Höherpositionierung nicht.

Die Kundschaft versteht ihn als Stufen-Passat. Und dessen Namen nimmt der Santana 1985 schließlich auch an. Doch in seiner edelsten Ausführung als mit Velours ausgekleideter GL5 Automatik, kommt der Santana deutlich nobler daher als seine Passat-Brüder. Zu Beginn der Achtziger ist denen wegen ihrer Fließ- und Kombihecks der Aufstieg in die automobile Oberklasse noch verwehrt.

Ein Wagen wie ein Seniorenteller

Der Santana aber fühlt sich dazugehörig, auch wenn es sein Fünfzylinder mit 115 PS, sein Automatikgetriebe mit drei Stufen bewenden lässt. Ein Wagen wie ein Seniorenteller: Leicht zu überschauen, nach einem guten Rezept gemacht - da weiß man, was man hat. So trägt uns die Limousine beschaulich über die Autobahn nach Süden.

Die große Strecke beherrscht sie konsequent, federt weich, gleitet leise und lässt uns bequem sitzen. Es schaut nach einer entspannten Tour aus, als kurz hinter der Autobahn mein Namensvetter Peter Renz plakativ steht und mitteilt, dass er Schluss macht. Das ist ein Schreck für mich. Möge dieser Renz unserem guten Namen keine Schande machen. Dann wirft mein beifahrer ein, dass Teppichhändler vermutlich zu vier Totalräumungsverkäufen pro Jahr verpflichtet sind. Das beruhigt mich so weit, dass wir die Reise fortsetzen können.

Hornberg: Anblick der Ekstase

Es ist noch früh, die Sonne durchbricht gerade erst den leichten Nebel im Wald. Einsam erklimmen wir mit dem Santana kühne Berge, schlängeln uns durch schroffe Täler, kaufen beim Ortsbäcker ein Vesper.

Alles ist wunderbar und idyllisch - bis zum ersten Folklorestopp: dem Hornberger Uhrenspiel. Dennoch investieren wir einen Euro. Sodann setzen sich menschengroße Holzfiguren in einer Uhr, groß wie ein Einfamilienhaus, in Bewegung. Die Musik und das schiefe Grinsen der Figuren sollen uns noch mehrere Nächte in Albträumen erscheinen.

Nur noch übertroffen vom Anblick der Ekstase, die dieses Spektakel bei den amerikanischen Touristen auslöst. Die haben wohl seit Sonnenaufgang geduldig lauernd auf jemanden gewartet, der ihnen das Uhrenschauspiel spendiert. Kaum weniger zum Schießen ist Hornberg selbst.

Verschiedenste Lokalitäten, vom Nurhak-Döner über Tortencafés bis zur Schnitzelfabrik, reihen sich zwischen Souvenirständen, deren Auslage reichhaltige Möglichkeiten bietet, Daheimgebliebene mit Geschenken zu beleidigen. Wir brechen etwas überhastet auf und landen nicht in Triberg, sondern in Sankt Georgen - einem Ort, in den wir nicht wollen, und in den wir auch nicht mehr wollen werden. Mein Kollege empfindet dort aber Hunger.

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