Wales-Reise: Mit dem Jaguar XKR-S über die Insel

Wales ist das kleinste der drei Länder auf der britischen Insel. Saftig grüne Wiesen dominieren das Landesinnere - und kleine Straßen, die einem Jaguar XKR-S viel Spaß machen.

Rhydcymerau, Llansantffraed, Llanuwchllyn - Ortsnamen, die schier unaussprechlich sind. Hut ab vor allen, die sich dieser merkwürdigen Sprache bedienen können. Glaubt man den offiziellen Verlautbarungen, interessieren sich von Jahr zu Jahr mehr Menschen dafür - das vom Gälischen abstammende Walisisch ist in Wales mittlerweile zweite Amtssprache neben Englisch. Darum sind alle Ortsschilder im Südwesten der britischen Insel zweisprachig beschriftet. Wobei der Kontinentaleuropäer die zungenbrecherischen Worte gar nicht erst versuchen sollte. Mike Cross, der Fahrwerks-Guru von Jaguar , ist ein bekennender Fan jener grasgrünen, hügligen Landschaft. Hier fährt er gern zusammen mit Richard Parry-Jones, dem langjährigen Chefentwickler des Ford-Gesamtkonzerns, auf schweren Motorrädern die kurvenreichen Strecken ab. Als er von unserer Tour hört, nimmt er sich einen Tag frei und kommt vom Entwicklungscenter Whitley herüber: Schließlich kennt er die Gegend ganz genau und will nebenbei noch zeigen, wie gut der angeschärfte Jaguar XKR-S auf diesen Straßen geht.

Start in Welshpool

Wir starten in Welshpool, einem verschlafen wirkenden Fachwerk-Städtchen 120 Kilometer westlich von Birmingham. Tagsüber scheint das Leben stillzustehen, dann und wann tuckert mal ein Traktor über die Hauptstraße. Ein Jaguar-Sportwagen ist schon etwas Besonderes hier. Abends aber füllen sich die Pubs, es wird kräftig gebechert. Serviert werden Roastbeef und Yorkshire-Pudding. Nur wer darauf besteht, wird auch walisische Spezialitäten wie Lamm in Minzsoße, Welsh Black Beef oder den Gemüse-Lammfleisch-Eintopf Cawl bekommen.

Drei Highlights hat der Ort aufzuweisen: Zum einen die "Welshpool and Llanfair Light Railway", eine der vielen Dampf-Kleinbahnen, die jedes Wochenende in Betrieb sind. Briten überhaupt und ganz besonders die als etwas schrullig geltenden Waliser mögen die schienengebundenen Giganten. Kein Wunder, schließlich war Großbritannien der wichtigste Schrittmacher in Sachen Eisenbahn: 1825 zuckelte das erste Bähnlein von Darlington nach Stockton. Erst danach zogen andere Länder wie Deutschland (1835) auf dem Kontinent nach. Sehenswert sind auch der von kleinen Schiffchen befahrene Montgomery Canal und Powis Castle nahe Welshpool, das einst als Bollwerk gegen die englischen Eroberer errichtet wurde. Heute ist es ein prächtiges Herrenhaus mit einer der schönsten Gemälde- und Stilmöbel-Sammlungen der Insel.

Das Land ist bergig, etwa ein Fünftel der Fläche wird landwirtschaftlich genutzt. Und die Straßen sind sehr eng, Autofahren erfordert höchste Konzentration, wenn man sich nicht ein paar Kratzer einfangen will. Aber der mit einer sehr direkten Lenkung versehene, starke Jaguar schlängelt sich problemlos hindurch. In schnellen Kurven zeigt er sein wahres Potenzial, schon weil die Reaktionszeit der Fahrwerksregelung deutlich geringer geworden ist. Es macht Spaß, mit einem solchen Sportwagen den einen oder anderen Zwischenspurt einzulegen.

Ab durch die Cumbrian Mountains

Entlang saftig grüner Wiesen geht es weiter Richtung Westen - mitten hinein in die malerischen Cumbrian Mountains. Höchster Berg ist der Snowdon mit 1.085 Metern. Schafe mit eingefärbtem Fell trotten am Straßenrand entlang, ein einsamer Reiter ist am Horizont zu sehen. Plötzlich erfüllt ein dumpfes Dröhnen die einlullende Stille: Ein riesiges Hercules-Flugzeug der Royal Air Force donnert in geringer Höhe über uns hinweg - die Luftwaffe übt hier in wenig besiedelten Gegenden derartige Manöver.

Nächstgrößerer Ort ist das Machynlleth mit einem 24 Meter hohen, neugotischen Uhrenturm. Dort ist eher Entschleunigung angesagt, kontemplative Typen müssen sich einfach wohlfühlen. Wenige Meilen außerhalb bei Corris liegt der Freizeitpark King Arthur’s Labyrinth, eine Art Erlebniswelt unter Tage, in die man Meter unter der Erdoberfläche entschwindet. Und immer wieder tauchen Schlösser und Burgen in allen Erhaltungszuständen auf. Sie sind typisch für Wales, aber längst nicht so touristisch erschlossen wie im benachbarten England. Wir wollen endlich weiter ans Meer - auch, um hier stilecht Fish and Chips im Auto sitzend zu verzehren, so wie es Fahrensleute des Commonwealth zu tun pflegen, egal ob man in Australien, Kanada oder Nordirland ist. Aberystwyth ist ein typisches Touristenstädtchen und viktorianischer Badeort mit sandigen Stränden, einer Universität und schönen Erkerhäusern. "Jedes Jahr", erzählt Mike Cross, "war ich als Kind mit meinen Eltern hier. Ich kann bis heute nicht genug davon bekommen." Schönes Wetter vorausgesetzt, bietet dieses abgelegene Städtchen tatsächlich viel Abwechslung und Lebensqualität. Junge Mädchen in bauchnabelfreiem Outfit kichern und gackern, tätowierte Kerle stolzieren am Strand auf und ab - in der Provinz sind die Rollen klar verteilt.

Zurück auf breitere Straßen

Die Rücktour Richtung Osten führt zunächst zur legendären Devil’s Bridge. Gleich drei Brücken stehen hier übereinander, wo der Mynach in den Rheidol fließt. Teufelsbrücke heißt die Flussüberquerung deshalb, weil einst der Leibhaftige diese Brücke für eine Bäuerin gebaut haben soll, die eine Kuh von der anderen Flussseite herüberholen musste. Der Teufel verlangte im Gegenzug die Seele des ersten Lebewesens, das das Bauwerk nutzen würde - die schlaue Frau schickte daraufhin ihren bedauernswerten Hund über das Bauwerk. Errichtet wurde es in Wirklichkeit im 13. Jahrhundert von Mönchen des nahen Zisterzienserklosters, dessen Ruinen heute noch besichtigt werden können. Llanidloes ist der nächste markante Punkt der Tour - hier dominiert eine dreistöckige Markthalle das quirlige Zentrum. Seinen wirtschaftlichen Aufstieg verdankte der Ort der Wollindustrie - angesichts der vielen Schafe kein Wunder. Die bekannte Designerin Laura Ashley erlebte hier den Beginn ihrer großen Karriere, in spezialisierten Geschäften kann man ihre verspielten Blümchen- und Rüschen-Blusen erwerben. Künstler und Alternative prägen bis heute den Ort.

Gleich nebenan liegt der Stausee Llyn Clywedog, der ein Anziehungspunkt für Wanderer und Naturliebhaber ist. Ganze Familien schälen sich aus angejahrten Ford Escort oder Vauxhall, ein kahlköpfiger Mann rollt gar in einem uralten Austin A35 vor. Picknick ist angesagt, obwohl sich der Himmel bewölkt. So viel Zeit haben wir nicht und geben Gas. Glücklicherweise ist auch in Wales die Nutzung der Lichthupe gang und gäbe - so werden wir rechtzeitig auf den uniformierten Herrn aufmerksam, der sich mit einer Laserpistole ins Gebüsch verzogen hat. Freundlich grüßend rollen wir in Zeitlupe vorbei, das Grollen des Kompressor-Motors ist erst auf der breiten Staatsstraße wieder in vollem Umfang zu vernehmen.

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Eberhard Kittler

Autor:

auto motor und sport, Heft 04 / 2009

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