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Walter de Silva

Walter de Silva im Porträt

Walter de Silva, Porträt Foto: Hans-Dieter Seufert 23 Bilder

Der ehemalige VW-Designchef Walter de Silva befindet sich seit dem 30. November 2015 im Ruhestand – das Ende einer Ära im Automobildesign. Wir verdanken ihm den Alfa 156, Audis Singleframe-Grill, A5, Polo und Golf.

19.01.2016 Birgit Priemer

Nein, er ist ganz sicher nicht über den VW-Abgas-Skandal gestolpert. Dafür kann Walter de Silva nun wirklich nichts. Doch mit dem Abgang von Konzernchef Martin Winterkorn sind viele Steine ins Rollen gekommen. Einer davon ist, symbolisch gesprochen, Walter de Silva. Dass er lange den Wunsch nach mehr Ruhe hegte, war in der Szene bekannt.

Walter, wie ihn alle riefen, fühlte sich oft müde. Kein Wunder: Designchef aller VW-Konzernmarken zu sein, ist ein Knochenjob. An der Seite von Martin Winterkorn zu arbeiten, eine weitere Herausforderung. Denn Winterkorn vertraute nur ihm in Sachen Design – und ließ ihn deshalb auch nicht gehen. Obwohl de Silva wollte. Mehr Zeit für die Familie, mehr Lebenszeit in Italien verbringen.

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Porträt Walter de Silva
auto motor und sport 26/2015
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Walter de Silva, PorträtFoto: Hans-Dieter Seufert
Nur ihm vertraute Winterkorn in Sachen Design.

Der Tüftler und das Design-Genie

Winterkorn und de Silva – das war ein ungewöhnliches Paar. Eines, bei dem man rein beziehungstechnisch davon ausgegangen wäre, dass diese Konstellation schiefgehen muss. Aber im Gegenteil: Diese berufliche Ehe hielt. Oft saßen die beiden bis tief in die Nacht zusammen, diskutierten fanatisch Details, rieben sich an jeder erdenklichen Linie, bis manches gute Glas Rotwein darüber geleert worden war.

Winterkorn, der schwäbische Tüftler, de Silva, der elegante, feinfühlige Italiener, der sich in Wolfsburg nie zu Hause fühlte. Der sich mit italienischen Designern umgab und bei Interviews nie deutsch sprechen wollte. Sondern englisch oder italienisch – obwohl er 17 Jahre im VW-Konzern gearbeitet hat. "Im Alltag schlage ich mich mit Deutsch durch. Aber ich werde niemals deutsch wie ein Deutscher sprechen. Ich hatte es Professor Winterkorn auch ganz klar gesagt: Entweder ich lerne Deutsch – oder ich designe Autos. Für beides habe ich keine Zeit." Basta.

Das Handwerk seiner Sprache waren Stift und Papier. Wenn de Silva seine Ideen zeichnend erklären konnte, dann war er in seinem Element, dann kam Leben in diesen fast schon zierlichen Mann, dessen Augen entweder glühten oder traurig wirkten. Viel dazwischen gab es nicht. Geerbt hat er sein Talent von seinem Vater: "Mein Vater war Architekt, Künstler und Genie. Er hat meinen Brüdern und mir ständig wunderbare Spielsachen aus Holz und Pappdeckeln gebastelt."

Italiener mit klaren Design-Prinzipien

De Silva war über Jahre der wohl anerkannteste Designer der Szene. Besonders als der frühere Renault-Designchef Patrick le Quément als Querdenker mit Hang zu ausgefallenen Studien wie dem Avantime immer mehr an Bedeutung verlor. Seinen Ruhm hat sich der 1951 in Lecco (Italien) geborene de Silva zunächst bei Alfa erarbeitet, wo er 1997 den 156 und 2001 den 147 schuf.

Endlich hatte die italienische Marke wieder eine Linie, blühte die Schönheit erneut auf, die sie früher ausgezeichnet hatte. Dabei war de Silva immer schnörkellos, kein Strich zu viel: "Ein Auto muss mit zwei, maximal drei Linien definiert sein. Ansonsten ist es overdesigned. Es gibt Autos, die haben so viele Linien, da könnte man drei Autos draus machen."

Laufbahn im VW-Konzern beginnt bei Seat

Diese Einstellung passte zur Strategie von Martin Winterkorn und auch von VW-Patriarch Ferdinand Piëch, die über die Alfa-Modelle auf ihn aufmerksam wurden. 1998 ging de Silva, der die Citroën DS einmal als absolute Helden der Historie bezeichnete, zur spanischen VW-Tochter Seat. Damals wirkte die Marke stilistisch langweilig und bot ein Modellprogramm, mit dem keiner mehr so richtig etwas anfangen konnte.

Alfa Romeo 156Foto: Archiv
Martin Winterkorn und auch VW-Patriarch Ferdinand Piëch wurden über die Alfa-Modelle auf ihn aufmerksam.

"Auto Emotion", jahrelang der Slogan der Marke, kam quasi aus der Hand von Walter de Silva, der sich mit Ibiza und Altea die Blaupause für den nächsten Karriereschritt zeichnete: Audi brauchte de Silva – und nicht umgekehrt. Ab 2002 trug er die Verantwortung für die Markengruppe inklusive Lamborghini und Seat, ließ ein neues Designstudio in München eröffnen und konnte das quirlige, inspirierende Leben der Bayern-Metropole problemlos mit der Aufgabe im Hauptstudio Ingolstadt verbinden. Beides liegt gerade einmal eine Autostunde voneinander entfernt.

De Silva war in seinem Element und trug maßgeblich dazu bei, dass aus Audi neben Mercedes und BMW eine echte Premium-Marke wurde. Sein Verdienst? Er entwickelte den Singleframe-Grill, das Erkennungszeichen schlechthin von Audi. Was noch? Er entwarf den A5 – und erhielt dafür den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2010.

2011 bekam er in Italien den "Compasso d'Oro" (Goldener Zirkel), einen der renommiertesten italienischen Designpreise. Seine Vorbilder? "Meine Bezugsperson ist Giugiaro. Dann Sergio Pininfarina und Nuccio Bertone. Bei der Designstrategie sehe ich zwischen mir und Bruno Sacco (langjähriger Mercedes-Designchef, Anm. der Redaktion) große Ähnlichkeiten", so de Silva. Er selbst bezeichnete den A5 als sein schönstes Auto. Seine Design-Kollegen weltweit verneigten sich symbolisch vor so viel in Blech geformter Eleganz.

Mehr Künstler als Manager

Als Martin Winterkorn 2007 vom Audi-Chef zum VW-Konzernchef aufstieg, musste de Silva mit – und der damalige VW-Konzerndesignchef Murat Günak von heute auf morgen weichen. Die Chemie zwischen den beiden Kreativen hatte eh nicht gestimmt.

Konzerndesignchef – wie darf man sich diese Arbeit eigentlich vorstellen? De Silva: "Ich arbeite grundsätzlich an drei Achsen: den klassischen Baureihen, beispielsweise bei Audi von A1 bis A8, den Crossover-Projekten zwischen den Baureihen und den spezifischen Modellen für die Märkte in China, Indien und Südamerika. Das Arbeiten auf diesen drei Ebenen macht die Sache sehr komplex." Zwölf Marken, 1.500 Mitarbeiter, Studios rund um den Globus – für de Silva durchaus eine Bürde, dieses Geflecht auseinanderzuhalten.

Zumal er sich viel mehr als Künstler denn als Manager verstand: "Kreativität und Gedankenaustausch spielen eine große Rolle, Rationalität tritt in den Hintergrund", erläuterte er einmal die Arbeit des Kreativ-Pools. "Dieser Teil spricht mich sehr an." Und was ihn noch auszeichnet: seine Schnörkellosigkeit. "Ich glaube nicht, dass man zehn Jahre im Voraus leben kann. Man braucht auch keine Advanced Design Studios an exotischen Orten wie Kalifornien mit Blick auf den Strand. Die schönsten Autos der Welt sind an hässlichen Orten entstanden."

VW GolfFoto: Archiv
Die Weiterentwicklung der Golf-Linie zählte zu den Lebensaufgaben von de Silva.

Die Weiterentwicklung des Golf

Und er musste bei VW mit Kritik leben – damit, dass der Golf sich nur evolutionär weiterentwickle. Vorwürfe, denen schon sein Vorvorgänger Hartmut Warkuß ausgesetzt war. Es fiel de Silva schwer, das zu verstehen: "Ich wundere mich da schon ein bisschen. Würden wir einen Golf entwerfen, der anders aussieht, würde man sagen: Ihr habt das Golf-Image vernichtet, den Golf kaputt gemacht. Der Golf ist wirklich ein Sonderfall. Es ist zusammen mit dem Porsche 911 das einzige moderne Auto, das sich diese natürliche Evolution leisten kann."

Es war de Silvas Stärke, sich von dieser Kritik nicht zermürben zu lassen. Er zeigte Konstanz, auch als der Singleframe-Grill der Audi-Baureihen als zu ähnlich empfunden wurde: "Das ist wie mit Luxus-Uhren. Auf den ersten Blick muss man eine Rolex erkennen, auf den zweiten das Modell. Der Mercedes-Stern ist 125 Jahre alt. Und die BMW-Niere, wie alt ist die? Ein Erfolgsmodell muss man nicht ändern, braucht es nur weiterzuentwickeln", beschrieb er in einem Interview 2011 seine Strategie.

De Silva bevorzugt das Exterieur-Design

Den kleinen emotionalen Roadster als Mazda-MX-5-Konkurrenten, den sich de Silva gewünscht hätte – den durfte er nie als Serienmodell machen. Dafür hat er intensiv an Polo und Beetle gefeilt und auch den E-Bulli im Design entwickelt, der Anfang nächsten Jahres auf der Consumer Electronic Show Premiere feiert und einen Ausblick auf das Internet der Dinge gibt – eine Welt, in der sich de Silva nicht unbedingt zu Hause fühlte.

Seine Liebe galt besonders dem Exterieur-Design – und die steckte er auch in die Weiterentwicklung des Polo: "In Italien ist der Golf die Königin, der Polo eher das Aschenputtel", erzählte de Silva beim letzten großen Modellwechsel 2009. "Jetzt haben wir ein schönes, elegantes Fahrzeug. Der Zweitürer ist ein modischeres Auto geworden. Ich hoffe, dass wir mit ihm vor allem junge, designorientierte Kunden ansprechen werden."

Sein nächstes Projekt? Schuhe entwerfen!

Was für de Silva sprach: Er ließ weitere starke Designer in seinem Umfeld zu. Stefan Sielaff (früher Audi, heute Bentley-Designchef), Wolfgang Egger (Ex-Audi-Designchef), Klaus Bischoff (Designchef Marke VW), Marc Lichte (heute Audi-Designchef) und Jozef Kabaň (Skoda-Designchef) machten bei ihren Marken gute Jobs. Skoda wird mitunter als die stilistisch attraktivere Variante zu VW gesehen. Der Italiener ließ es zu.

De Silva hinterlässt ein Lebenswerk. Er gehört zu jener Generation von Designern, die Kunst und Strategie kombinieren konnten. Dass er ausgerechnet im Schatten des Abgas-Skandals ging, ist eigentlich auch ein Skandal. Aber jetzt hat er Zeit für seine Frau und seine Kinder. Und eines seiner wichtigsten Hobbys: "Ich kann mir nicht vorstellen, einen Tag zu verbringen, ohne zu zeichnen." Sobald er Zeit habe, das gab er vor einigen Jahren zusätzlich zu Protokoll, würde er auch gerne einen Damenschuh entwerfen, weil "ein gut gemachter Schuh ein schönes, gut gebautes Frauenbein noch ästhetischer macht". Seinen Feingeist nahm Walter de Silva mit in den Ruhestand. Der Autoszene wird beides fehlen.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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