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Warten auf Pannenhilfe

Frau hat Panne – wer hält an?

Pannenhilfe, Bérénice Schneider Foto: Dan Hannen 12 Bilder

Kavaliere der Landstraße – gibt es die noch? Wer hilft, wenn Frau unterwegs eine Autopanne hat? auto motor und sport-Mitarbeiterin Bérénice Schneider hat in Stuttgart und in Hamburg mit einem VW Sharan und einem Mercedes SLK die Probe aufs Exempel gemacht.

25.09.2013 Bérénice Schneider

Die Bundesstraße 432 von Hamburg nach Bad Segeberg. Die Landschaft ist flach, und auf den Feldern wachsen Raps, Getreide und Mais. Auf den Weiden grasen Kühe und Pferde. Alle paar Kilometer führt die Straße durch ein Dorf oder ein Städtchen. Eine typische deutsche Pendlerstrecke, an der ich meinen Mercedes SLK mit blinkendem Warnlicht in einer Feldzufahrt ausrollen lasse. Eigentlich habe ich gar keine Panne. Ich tue nur so, weil ich wissen will, ob in Zeiten von Handy und meist zuverlässiger Autotechnik überhaupt noch jemand auf offener Straße spontan Pannenhilfe leistet. Für eine junge, offensichtlich hilflose Frau müsste doch der eine oder andere anhalten. Oder? 

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Reportage Warten auf Pannenhilfe Frau hat Panne – wer hält an?
auto motor und sport 17/2013
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Ich halte an, öffne die Motorhaube und schlüpfe in die orangefarbene Warnweste. Baue das Warndreieck zusammen und stelle es weit hinter meinem SLK auf den Grünstreifen. Gehe zum Auto zurück und warte.

Ich stehe erst zehn Minuten, als ein VW Passat neben mir bremst. Der Mann am Steuer lässt das Beifahrerfenster runter, beugt sich zu mir und fragt: "Brauchen Sie Hilfe?" Ich nicke. "Moment", er setzt zurück, parkt hinter mir und steigt aus. "Was hat er denn?" Ich zucke mit der Schulter. "Plötzlich nahm er kein Gas mehr an, und die Motorkontrollleuchte blinkte." Der Passat-Fahrer runzelt die Stirn. "Hat er das öfter?" Ich verneine. "Na, dann starten Sie ihn mal wieder, kann sein, dass er gar nichts weiter hat." Hat er natürlich nicht, und so springt der Benz problemlos an und zeigt auch sonst keine Auffälligkeiten.

Der Helfer nickt zufrieden. "Sehen Sie, alles in Ordnung. Fahren Sie trotzdem am Montag mal in die Werkstatt." Er klopft kurz aufs Heck und geht dann zu seinem Wagen zurück.

Zufallstreffer? Ortswechsel – ich verlasse die B 432 und fahre über die Dörfer Richtung Kaltenkirchen. Nächster Versuch. Nach einiger Zeit bremst ein Nissan 350Z Roadster. Ein junger Mann grinst mich an. "Soll ich dich abschleppen?" Ein Blick auf sein Auto, und ich erwidere: "Und womit?" Offenbar die falsche Antwort, denn er gibt Gas und fährt mit quietschenden Reifen davon.

Anderes Auto, andere Stadt

Ich fühle mich in Zeit und Ort zurückversetzt: Vor einem Monat hatte ich einen ersten Versuch unternommen, mit einem familientauglicheren Wagen – einem alten VW Sharan. Schwusch – schwusch – schwuschhhhh. Hunderte Autos zischen an mir vorbei, einige Fahrer bremsen kurz ab, schauen zu mir herüber und beschleunigen wieder. Ich stehe auf dem Seitenstreifen der Bundesstraße 10 in Esslingen bei Stuttgart. Eine hoch frequentierte Pendlerstrecke. Rechts fließt der Neckar und links der Verkehr auf vier Spuren. Ich schlüpfe in die Warnweste, stelle das Warndreieck auf und warte.

Und warte. Liegt es an mir? Liegt es am Auto, in dem man eine Rasselbande quengeliger Kinder vermuten könnte? An der Mentalität der Schwaben? Oder an der sengenden Sonne, die an diesem Vormittag gnadenlos vom Himmel brennt? Keine Ahnung. Die Fahrzeuge donnern jedenfalls an mir vorbei. Keiner nimmt Notiz von mir. Nach einer knappen Stunde verlangsamt schließlich ein roter VW Bus mit Firmenbeklebung seine Geschwindigkeit. Der Beifahrer lehnt sich leicht aus dem geöffneten Fenster. "Brauchst du Hilfe?" Ich nicke. "Warum rufst du nicht deinen Alten an?" Er lacht, und der Transporter fährt weiter.

Ich wechsle während der nächsten zwei Stunden noch einige Male erfolglos meinen Standort an der B 10, fahre schließlich raus zur alten Solitude-Rennstrecke im Westen Stuttgarts. Dort baue ich mich am Parkplatz des ehemaligen Start-und-Ziel-Häuschens auf – ein strategisch günstiger Platz, da ich von beiden Fahrspuren aus zu sehen bin und Helfer problemlos anhalten könnten. Doch auch hier tut das niemand.

Die Pannenstatistik des ADAC für 2012 besagt, dass in den meisten Fällen die Batterie an einem Ausfall schuld ist: bei rund jeder dritten Panne, selbst bei jungen Autos. Abgesehen davon sind moderne Autos generell nicht mehr so leicht zu reparieren wie früher. Ein Grund, warum heute kaum noch jemand anhält, um zu helfen. Später in Hamburg glaubt das jedenfalls der ergraute Motorradfahrer, der schließlich noch stoppt. "Die Käfer früher – da konntest du noch alles dran machen. Wir haben im Freundeskreis einen Wettbewerb gehabt, wer am schnellsten den Motor austauschen konnte". Er beugt sich über den Motor des SLK. "Aber das hier?" Der Mann schüttelt den Kopf und schließt mit einem Rumms die Haube. "Ich kann Ihnen den ADAC rufen – die können den Fehlerspeicher auslesen und Ihnen wirklich helfen." Da muss ich Farbe bekennen und meine fingierte Panne gestehen. "Wundert mich nicht, dass Sie so wenig Glück haben, ich hab‘ auch nur gehalten, weil man doch eine hübsche junge Frau nicht einfach ignorieren kann." Als
er sich wieder auf seine BMW schwingt, wünscht er mir noch viel Erfolg.

Man braucht vor allem viel Glück

Von Glück spricht auch die junge Frau im schwarzen 67er Ford Mustang Fastback, die anschließend noch anhält. "Ich stand auch mal da – die Lambdasonde hatte sich verabschiedet. Ich bin schließlich zu Fuß ins nächste Dorf gelaufen, um Hilfe zu holen." Ich frage, woran es ihrer Meinung nach liege, dass die Leute kaum noch helfen. "Vermutlich denkt jeder, die hat ja ein Handy – kann sie doch Hilfe rufen. Inzwischen habe ich auch eins, aber damals eben noch nicht."

Ein letztes Mal wechsle ich den Standort – nähere mich langsam wieder Hamburg, als ich kurz vor Henstedt-Ulzburg Warndreieck und -weste rauskrame. Stehe und warte. Und warte. Gerade als ich beschließe aufzubrechen, bremst ein Kia Sorento mit Paderborner Kennzeichen. Drin sitzt eine Familie, im Kofferraum türmen sich Decken und Urlaubsutensilien. Ein blondbezopftes Mädchen streckt seinen Kopf aus dem hinteren Fenster und kneift die Augen gegen das Sonnenlicht zusammen. Kraust die Nase und piepst: "Braucht du Hilfe?"

Ich ringe mit meinem guten Karma und kapituliere. "Danke, ich krieg das schon hin!" Der Vater hat die Scheibe runtergelassen. "Sind Sie sicher? Ich kann Ihnen den ADAC holen, falls kein Reifenwechsel nötig ist." Ich versichere, dass ein Freund jeden Moment eintreffen müsste, kann dann aber nicht widerstehen und frage: "Wieso haben Sie angehalten? Sie sind doch voll beladen und haben sicher keine Zeit, um Pannenhilfe zu leisen." Er zuckt die Schulter. "Ja und? Auf die fünf Minuten kommt es auch nicht an. Es gehört sich einfach anzuhalten!" Der Kia rollt wieder los, von der Rückbank winken die Kleine und ihr Bruder.

Vom Opfer zum Helfer

Auf meinem Heimweg nach Hamburg steht ein blauer und etwas verbeulter VW Golf IV am Straßenrand. Ein junger Mann kniet neben dem rechten Hinterrad und hantiert unsicher mit dem Wagenheber. Nun ist es an mir zu halten. "Soll ich mal?" Er guckt skeptisch, sagt: "Weißt du, wie man das macht? Ich nämlich nicht." Ja, ich weiß, wie man einen Reifen wechselt, und erledige es für ihn. Mächtig beeindruckt sieht er dabei zu, kann sich jedoch nicht verkneifen zu sagen: "Ein bisschen peinlich ist mir das ja schon. Dass eine Frau mehr von Autos versteht als ich ..." Tja, man muss die Helfer eben nehmen, wie sie kommen. Wenn sie überhaupt kommen.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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