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Wendelin Wiedeking

"Wie in der DDR-Zeit"

Foto: Computer-<br>Retusche: Nextline 4 Bilder

Interview mit Porsche-Chef Wendelin Wiedeking über abstruse Polit-Ideen, den Standort Deutschland und den Erfolg des Cayenne.

05.07.2005

100.000 Cayenne in nicht einmal drei Jahren verkauft – hat ein so kontrollierter Optimist wie Sie das erwartet?
Wiedeking: Erwartet - das wäre wohl etwas übertrieben. Bekanntlich sind wir in der Planungsphase ursprünglich von einer Jahresstückzahl von etwa 25.000 Einheiten ausgegangen. Und diese Zielvorgabe war aus damaliger Sicht durchaus ehrgeizig. Natürlich haben wir gehofft, die geplante Marke am Ende vielleicht sogar zu überschreiten. Unser neues Leipziger Werk haben wir deshalb in weiser Voraussicht so ausgelegt, dass es bei entsprechend starker Nachfrage auch höhere Stückzahlen verkraftet. Dass wir die Cayenne-Produktion in Leipzig aber einmal an der Kapazitätsgrenze von jährlich rund 40.000 Einheiten fahren werden, davon ist beim Serienanlauf Mitte 2002 sicher niemand ausgegangen. Die weltweit starke Nachfrage hat uns alle positiv überrascht.

Noch nie kam ein Porsche in vergleichbaren Zeiträumen auf derartige Stückzahlen. Nun diese Serie mit einem fast 2,5 Tonnen schweren Geländewagen, der Verbrauchswerte aufweist, die in seiner Klasse am oberen Rand angesiedelt sind. Ist das kein Widerspruch?
Wiedeking: Wo liegt da der Widerspruch? Wir haben einen exklusiven Geländewagen entwickelt, der zwar von seiner Bauart her von einem klassischen Sportwagen weit entfernt ist, aber porschetypisch sehr sportlich ausgelegt ist. Der Cayenne passt zu unserer Marke und wird offensichtlich auch von unseren Kunden als echter Porsche angesehen - das belegen nicht zuletzt die aktuellen Absatzzahlen.

Dennoch, der Cayenne ist kein Vorbild, wenn es um Verbrauch und CO2 geht.
Wiedeking: Diese Bewertung hängt letztlich von der Perspektive des Betrachters ab. In seinem Segment und im Vergleich mit großen Limousinen kann er jedenfalls gut mithalten - erst recht, wenn man seine herausragenden Leistungsdaten berücksichtigt und den spezifischen Verbrauch, also den pro PS, betrachtet. Nehmen wir zum Beispiel das derzeit stärkste Cayenne-Modell, den Turbo: Nach EU-Norm gemessen verbraucht dieses Fahrzeug im Schnitt 15,7 Liter auf 100 Kilometer. Nimmt man nur den außerstädtischen Fahrzyklus der Normmessung, liegt der Durchschnittsverbrauch sogar bei knapp zwölf Liter. Für ein gut 2,3 Tonnen schweres Fahrzeug mit 450 Pferdestärken und 4,5 Liter Hubraum ist das sicher kein unangemessener Wert.

In Frankreich wird eine Sondersteuer für schwere Geländeautos diskutiert, in Schweden ein Fahrverbot in Großstädten. Stehen solche Debatten nicht weiteren Absatzerfolgen im Weg?
Wiedeking: Klar, wann immer derart absurde Diskussionen geführt werden, wird Porsche nicht tatenlos zusehen. Es entbehrt ja nicht einer gewissen Willkür, dass beispielsweise eine Kommune wie Florenz offenbar kein Problem damit hat, wenn alte Fahrzeuge, die noch nicht einmal die EU 2-Norm erfüllen, auf ihren Straßen fahren. Gleichzeitig aber soll modernen Geländewagen der Zugang zur Stadt verwehrt werden. Wir beobachten diese Entwicklungen sehr genau und überprüfen in jedem Einzelfall, ob es Aussicht auf Erfolg hat, dagegen Rechtsmittel einzulegen. Gegen die Vorschrift der Stadt Florenz haben wir übrigens gerade bei der EU-Kommission Beschwerde eingelegt.

Die europäische Autoindustrie hat angekündigt, bis 2008 den Gesamt-CO2- Ausstoß um ein Viertel zu reduzieren. Ist Porsche im Plan?
Wiedeking: Bei der EU-Kommission haben wir durchgesetzt, dass Porsche offiziell als Nischenhersteller anerkannt wird. Das heißt, wir werden zwar nicht wie ein Volumenhersteller behandelt, müssen aber in Relation die gleiche Ausstoßverringerung erreichen wie die Hersteller mit breiter Palette. Und da liegen wir voll im Plan.

Was passiert, wenn sich diejenigen Parteien durchsetzen, die den Flottenverbrauch der einzelnen Hersteller, sogar der einzelnen Modelle, veröffentlichen und besteuern wollen? Wäre das für Porsche ein hygienisches Problem?
Wiedeking: Vielleicht kommt ja eines Tages auch noch irgend jemand auf die zweifelhafte Idee, sämtliche Sportwagen, Geländewagen oder größere Limousinen zu verbieten oder sogar nur noch das Fünf-Liter-Einheitsauto zuzulassen. Damit wären wir dann wieder zurück in der unseligen DDR-Zeit angelangt. Wie man aber mit derartigen Eingriffen den Standort Deutschland und - wenn man den japanischen Wettbewerb einbezieht - den Standort Europa voranbringt, das muss man mir erst noch erklären. Mit solchen Überlegungen geht man schließlich ans Eingemachte, das träfe die gesamte Automobilindustrie ins Mark. In unserer Branche würden dann bestimmt nicht mehr viele Arbeitsplätze übrig bleiben.

Porsche wird doch auf Dauer nicht umhin kommen, beim Verbrauch deutliche Signale zu setzen.
Wiedeking: Wir setzen schon seit Jahren deutliche Signale, lesen Sie doch einmal Ihre eigenen Testberichte über unsere Produkte. So emittieren 300 Porsche Carrera der aktuellen Generation weniger unverbrannte Kohlenwasserstoffe als ein einziger Porsche 911 aus dem Jahr 1966, dem Beginn der Abgasgesetzgebung. Und wer es darauf anlegt, fährt einen heutigen Neunelfer auch mit weniger als zehn Liter Benzin auf 100 Kilometer.

"In der Politik geht es nicht um Personen, sondern um Sachfragen."

Hat sich, unter Berücksichtigung der heutigen Umwelt- und Marktsituation, Ihre bislang rigide Anti-Diesel-Politik geändert? Uns scheint sie kaum noch stimmig zu vertreten.
Wiedeking: Das sehe ich völlig anders. Aus meiner Sicht ist der Diesel- Antrieb nicht die Antwort auf die Frage, die uns die Ökologie stellt. In dieser Diskussion wird nämlich gerne übersehen, dass der Diesel bei den toxischen Schadstoffen gegenüber dem Benziner deutliche Nachteile aufweist. Und was die CO2-Emissionen betrifft: Moderne Ottomotoren, wie sie derzeit bereits in der Oberklasse eingesetzt werden, setzen nur noch unwesentlich mehr CO2 frei als ein vergleichbarer Dieselmotor. Der heutige CO2-Vorteil des Diesel ist spätestens mit einer neuen Benzinmotoren-Technologie im Jahr 2009 weg. Bleiben werden aber die Nachteile des Diesel bei Stickoxiden. Sein Markterfolg in Europa ist ohnehin nur auf Steuervorteile zurückzuführen, die der Dieselkraftstoff gegenüber dem Benzin hat. Gäbe es diese Vorteile nicht, wäre der in der Herstellung erheblich teurere Dieselmotor für die meisten Autofahrer letzten Endes unwirtschaftlich. Ohne Subventionen würde der Diesel doch nur ein Nischendasein fristen - das sieht man doch ganz eindeutig in der Schweiz oder in den USA.

Gibt es keine Nachfrage, oder passt der Diesel nicht zum Image?
Wiedeking: Sowohl als auch. Aus unserer Marktforschung wissen wir, dass höchstens drei Prozent der potenziellen Cayenne-Kunden in Europa von einem Kauf unseres sportlichen Geländewagens absehen, weil wir keinen Diesel-Antrieb anbieten. Und für diese drei Prozent ein Diesel-Aggregat zu entwickeln, lohnt sich für uns nicht. Im Rest der Welt interessiert das Thema ohnehin keinen: Auf dem Weltmarkt hat der Diesel im SUV-Segment gerade mal einen Anteil von neun Prozent. Wir bauen schließlich Weltautos und keine staatlich subventionierten Europa-Autos. Hinzu kommt, dass die sportliche Fahrdynamik, die unsere Kunden von einem Porsche erwarten, mit einem Diesel einfach nicht darstellbar ist. Und: Ein Diesel würde sicher auch unserem Image schaden.

Schluss mit der Jammerei

Eine 911-Müdigkeit ist nicht zu erkennen - wenngleich der Cayman einen attraktiven 911-Ersatz darstellt.
Wiedeking: Dass der Cayman ein äußerst attraktiver Sportwagen ist, bestreite ich natürlich nicht - wohl aber, dass er den 911er ersetzen könnte. Wir positionieren den Cayman zielgenau in die Lücke zwischen dem Boxster und dem 911. Da ist nach oben wie nach unten noch genügend Luft, um eine klare Differenzierung zu unserer bisherigen Modellpalette hinzukriegen. Der Cayman ist ein völlig eigenständiges Modell, mit dem wir bevorzugt jüngere Kunden ansprechen, die sich ein besonders agiles und leistungsstarkes Porsche-Coupé wünschen, ohne dafür gleich zum Carrera greifen zu wollen. Der 911 bleibt die Sportwagen-Ikone, die er nun mal ist.

Man zählt Sie zu den "FROGS“, den "Friends of Gerhard Schröder“. Welches Signal ginge für Porsche von einem Regierungswechsel aus?
Wiedeking: Es ist ja kein Geheimnis: Ich habe persönlich ein gutes Verhältnis zu Gerhard Schröder - was mich aber nicht davon abhält, die rot-grüne Regierungspolitik auch kritisch zu begleiten und mich unüberhörbar zu Wort zu melden, wenn Regierungsentscheidungen mit den Interessen von Porsche kollidieren. Das wird bei Frau Merkel, sollte sie die anstehende Bundestagswahl gewinnen, nicht anders sein. Bei aller Sympathie für den einen oder die andere: Letztlich geht es in der Politik weniger um Personen, sondern vielmehr um Sachfragen. Wir müssen die Probleme unseres Landes lösen. Und solange eine mögliche Regierung Merkel den von der Regierung Schröder eingeleiteten Reformprozess konsequent fortsetzt, ohne die soziale Komponente zu vernachlässigen, hat sie meine uneingeschränkte Unterstützung.

Was halten Sie von der SPD-Forderung, die Unternehmen in Deutschland sollten die Löhne erhöhen?
Wiedeking: Porsche bezahlt schon heute Löhne, die im bundesweiten Vergleich zumindest an der Obergrenze liegen, wahrscheinlich über alle Branchen hinweg. Und unsere Mitarbeiter werden bereits seit vielen Jahren anständig am Unternehmenserfolg beteiligt. Darauf sind wir übrigens von ganz alleine gekommen, ohne die SPD vorher um Rat zu fragen. Eins sollte man in dieser Diskussion allerdings nicht vernachlässigen: Ein erfolgreiches Unternehmen wie Porsche kann es sich gegenwärtig leisten, seine Belegschaft etwas großzügiger zu vergüten, andere Unternehmen können das nicht. Da stehen einige mit dem Rücken an der Wand. So pauschal, wie sie vorgetragen wird, ist die aktuelle Forderung der SPD deshalb sicher nicht glücklich.

Was ist Ihrer Meinung nach für ein ökonomisch leistungsfähiges Deutschland der Zukunft einzufordern?
Wiedeking: Zunächst einmal müssen wir diese Jammerei beenden, die notorische Schlechtmacherei des Standorts Deutschland durch Unternehmer und Manager im Ausland. Das ist eine deutsche Unart und würde keinem Franzosen oder Engländer einfallen. Wenn wir dieses Land wieder nach vorne bringen wollen, muss sich jede Interessensgruppe von einem Teil der liebgewonnenen Besitzstände verabschieden, ohne gleich den Untergang des Abendlandes heraufzubeschwören. Das tut sicher manchmal weh, aber es ist einfach notwendig. Und ich glaube, wir sind da insgesamt auch schon auf dem richtigen Weg. Am Ende profitieren wir alle davon - die Unternehmer, die Arbeitnehmer und vor allem die Arbeitslosen.

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