Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Westrup (31) VW Polo

Der Pappkamerad

Padua Auto e Moto d'Epoca 2009 Markt - Kai Klauder Foto: Kai Klauder 52 Bilder

Seit 40 Jahren schreibt Klaus Westrup über Autos in auto motor und sport. Für Motor Klassik erinnert er sich, diesmal an einen Neuzugang aus dem VW-Konzern, den Polo.

24.07.2009 Klaus Westrup Powered by

Die siebziger Jahre sind schon zur Hälfte ins Land gegangen, Männer tragen immer noch mützenartige Frisuren mit langen Koteletten, Volkswagen hat den Ur-Golf erfolgreich unter die Menschen gebracht, baut im Stammwerk Wolfsburg noch den Käfer in abgemagerter Form. Doch dann taucht ein neuer Name am Kleinwagen-Himmel auf – Polo. Das Wägelchen ist klein, ganze dreieinhalb Meter lang, und obwohl es ganz neu ist, kommt es bekannt vor. Kein Wunder, der erste Polo ist nichts anderes als eine Magerversion des bereits 1974 präsentierten Audi 50. Der Testwagen trägt Gelb, hat weder Radkappen noch Chromschmuck, die Türgriffe sind mattschwarz. Ein schmuckloses Ding, dieses neueste VW-Produkt, aber wer den Audi 50 kennt, kann auf die inneren Qualitäten des neuen Polo hoffen. Die erste längere Fahrt führt in den südlichen Schwarzwald, ein sogenanntes Brainstorming ist angesagt. Kann man in einem Polo Ideen haben? Vermutlich schon, aber sicher nur einfache. Denn das ganze Auto ist von einer Schlichtheit, wie man sie sich heute kaum vorstellen kann. Es gibt noch keine modischen Begriffe wie „Trendline“, kein „Candy-Weiß“, erst recht kein „Cool-and-Sound-Paket mit Climatic“, vom fehlenden Bremsassistenten und den Zusatzkürzeln ASR, EDS und MSR gar nicht zu reden, was immer sie bedeuten mögen. Die Kunst des Weglassens ist beim neuen Polo zur Höchstform aufgelaufen – auch aus hierarchischen Gründen. Die mit mehr und teureren Extras versehenen Audi 50-Modelle sollen dem Aufstieg dienen, ebenso wie der Golf, der in der noch jungen Kompaktwagen-Generation von VW ganz oben steht. Besonders deutlich wird dieser Zwang zum Downsizing im Interieur. Die Türverkleidungen bestehen aus schwarzer Pappe, es gibt nur eine Sonnenblende, ja nicht einmal eine Tankanzeige. Einziges Instrument der N-Version bleibt der Tachometer, ansonsten finden sich Kontrolllampen, die gegebenenfalls auf schwindenden Benzinvorrat, zu heißes Kühlwasser oder den gezogenen Choke hinweisen. Die damals bei den vorherrschenden Vergasermotoren übliche Startautomatik wurde ebenfalls eingespart – nicht unbedingt ein Nachteil, wenn man mit dem Choke umzugehen versteht.

Die Scheibenwaschanlage, immerhin serienmäßig, wird per Fußpumpe in Gang gesetzt, den dringend erforderlichen Heckscheibenwischer gibt es nur gegen 176 Mark Aufpreis. Zudem muss man sich damit abfinden, dass die Beifahrertür schlosslos ist und die Rücksitzbank nicht geklappt werden kann. Zur Pappe in den Türen passt wie ein optisches Reduziersymbol das gestrippte Gaspedal. Aus der Blechzunge des Audi 50 wurde eine simple Drahtschlinge. Wer sie tritt, entlässt maximal 40 PS an die zierlichen Vorderreifen, nicht 50 wie beim Audi 50 LS oder 60 wie beim Audi 50 GL. Auch an dieser Stelle ist der Drang in die automobilen Niederungen unverkennbar. Der im Original 1100 Kubikzentimeter große Vierzylinder, den VW mit 50 PS auch im Golf einsetzt, erfährt für den Polo eine drastische Hubraumreduktion auf nur 0,9 Liter. Üblicherweise macht man so etwas durch Reduzierung der Zylinderbohrung, doch beim Polo-Triebwerk sorgt eine andere Kurbelwelle mit kürzerem Hub für die gewünschte Kraftlosigkeit. Für den Frankreich-Export ist sogar eine Variante mit 780 cm3 verfügbar, Hub hier statt 59 mm nur noch 51. Der kurze Kolbenhub lässt das modifizierte Audi-Triebwerk schwingungstechnisch einen Schritt nach vorn machen – kein anderer Reihenvierzylinder dieser Autokategorie zeigt eine solche Laufruhe und Kultiviertheit bis in die höchsten Drehzahlen.

Viel Durchzugskraft steht erwartungsgemäß nicht zur Verfügung, man muss den Polo also fleißig schalten, auch um die vor dem Brainstorming liegenden Schwarzwaldberge zu bezwingen. Nur 700 Kilogramm wiegt der neue VW-Zwerg. Und so kommt man mit den nominal mageren 40 Pferdestärken doch einigermaßen zügig voran, zum Beispiel in 18 Sekunden auf Tempo 100, Höchstgeschwindigkeit 133 km/h. Der stärkste VW Käfer mit seinem 1,6 Liter großen und 50 PS starken Boxermotor kann es auch nicht besser. Er verbraucht nur mehr – noch mehr. Im Testmittel sind es beim Polo immerhin neun Liter Normalbenzin auf 100 Kilometer. Aus heutiger Sicht eine Riesenmenge, damals ein Zeichen von Genügsamkeit, auch weil es keine große Mühe macht, unter acht Liter zu kommen. Die Gründlichkeit der Testabteilung dokumentiert unter anderem eine Verbrauchskurve, die jenseits von 120 km/h steil nach oben weist, auch weil der kurz übersetzte kleinste VW bei Tempo 100 im großen Gang des Vierganggetriebes schon deutlich über 4000 Touren dreht. Elf Liter sind es bei Höchstgeschwindigkeit, sechs bei konstantem Tempo 70.

Das waren Zeiten. Heute ist bei kleinen Autos schon ein Testmittel von sechs Litern nicht mehr unbedingt ein Grund zum Jubeln. Wie fährt er sich? Ausgezeichnet, auch heute würde er eine gute Figur machen. Das Fahrwerk mit Federbein-Vorderachse und Querlenker-Aufhängung entspricht dem des Audi 50 und zeichnet sich durch guten Geradeauslauf und nur mäßiges Untersteuern aus, die noch nicht servounterstützte Lenkung arbeitet exakt, der Federungskomfort ist für ein so kleines und leichtes Auto erstaunlich gut. Er habe Langstrecken-Qualitäten, verheißt denn auch der Testbericht – nicht weil er schnell ist, sondern wegen seiner akustischen Kultiviertheit und des guten Gesamtkomforts. Im Preis bleibt der Einfach-Polo mit 7500 Mark rund 1500 Mark unter dem stärkeren und besser ausgestatteten Audi 50 LS. Das Brainstorming im Schwarzwald verläuft erfolgreich. Im Polo lässt es sich nachdenken, obwohl er nur 40 PS hat und eine Gaspedal-Schlinge. Wie viel Auto braucht der Mensch? Die Frage stellt sich immer wieder einmal, auch und gerade heute. Das kleine einfache Auto erlebt eine Blütezeit, selbst wenn aus dem einstigen Minimum längst ein Maximum geworden ist.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Gebrauchtwagen Angebote
Autokredit berechnen
Anzeige