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Wissmann

"Ich will Vorurteile abbauen"

Foto: dpa

Der ehemalige Verkehrsminister und neue Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie (VDA) Matthias Wissmann über die CO2- Debatte und die kommunikative Herausforderung beim Thema Umwelt.

10.04.2007

FälltIhnen der Abschied aus der Politik schwer?
Wissmann:Seit 1976 gehöre ich ohne Pause dem Bundestag an, wurde in meinem Wahlkreisseitdem jedes Mal bestätigt. Natürlich ist das ein Schnitt. Andererseits sollman dann aufhören, wenn es noch Beifall gibt. Und die Vermischung beiderTätigkeiten ist nicht vermittelbar.

Wie schwierig wird Ihre neue Aufgabe? Schließlich müssen Sie auch innerhalb des VDA unterschiedliche Interessen unter einen Hut bringen.
Wissmann: Die einstimmige Wahl zum VDA-Präsidenten zeigt, dass meine Kandidatur von allen gleichermaßen mitgetragen wurde, von Herstellern wie Zulieferern. Die Verantwortlichen der deutschen Automobilindustrie wissen ganz genau, dass wir nur gemeinsam in die Offensive gehen können. Die deutsche Automobilindustrie hat so viel zu bieten - das müssen wir besser darstellen.

Sie steigen zu einer schwierigen Zeit ein. Sehen Sie das als Chance, sich selbst gleich richtig zu positionieren?
Wissmann: Als Helmut Kohl 1993 versucht hat, mich davon zu überzeugen, vom Forschungsministerium kurzfristig ins Verkehrsressort zu wechseln, da hat er gesagt: "Da liegen viele Dinge an, das muss einer schnell in den Griff kriegen." Ich habe das damals als besondere Herausforderung und Chance begriffen. Und so sehe ich die neue Aufgabe auch. Davon abgesehen ist es sicherlich schwieriger, in einer Zeit anzutreten, in der alles völlig glatt läuft und man gar nichts mehr besser machen kann.

Glückwünsche von Gabriel und Kuhn

Im Juni werden Sie die Arbeit beim VDA aufnehmen. Wie viel Gegenwind erwarten Sie so kurz vor der IAA?
Wissmann: Mir ist sehr wohl klar, dass die Automobilindustrie gelegentlich mit ideologischen Vorurteilen zu kämpfen hat. Aber ich habe bei meinen politischen Aufgaben bei aller Klarheit des eigenen Standpunktes bewiesen, dass ich immer auch in der Lage war, Brücken zu Andersdenkenden zu bauen. Dass mir Umweltminister Sigmar Gabriel und Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn zu meiner Wahl als VDA-Präsident freundliche Kommentare schickten, ist zwar keine Garantie für die Zukunft, zeigt aber, dass sie wissen, dass sie in mir einen fairen Gesprächspartner haben werden.

"Halbierter CO2-Ausstoß, halbierte Steuerlast"

Wo wollen Sie Schwerpunkte setzen?

Wissmann: Die deutsche Autoindustrie ist sehr erfolgreich, sie hat derzeit in erster Linie ein kommunikatives Problem. In der Vorbereitung auf das Amt habe ich mir die Zahlen angesehen: Jeder zweite in Deutschland verkaufte Pkw verbraucht weniger als 6,5 Liter auf 100 km. Das sind fünf Mal mehr Autos als vor zehn Jahren. Seit 1999 wurde der CO2-Ausstoß im Straßenverkehr um 15 Millionen Tonnen gesenkt. Deutsche Autos haben den Verbrauch seit 1990 um 25 Prozent und damit am stärksten reduziert. Das heißt nicht, dass man nichts mehr verbessern kann. Doch ich will zunächst versuchen, Vorurteile abzubauen.

Derzeit diskutiert die Politik intensiv über die Einführung einer CO2-basierten Kfz-Steuer. Was wird Ihrer Ansicht nach auf den deutschen Autofahrer zukommen?
Wissmann: Ich bin der Meinung, dass jedes Gramm CO2 gleich besteuert werden sollte. Das heißt: doppelter CO2- Ausstoß, doppelte Steuerlast, halbierter CO2-Ausstoß, halbierte Steuerlast. Das wäre eine klare, einfach verständliche Lösung, die darüber hinaus noch einen nützlichen Lenkungseffekt hätte. Unterscheidungen nach verschiedenen Fahrzeugklassen oder Segmenten machen das Ganze zu kompliziert. Die Kfz-Steuer ist eh schon mit hohem Verwaltungsaufwand verbunden.

Verbrauch und CO2-Ausstoß stehen in direktem Zusammenhang. Wäre es nicht die einfachste Lösung, die Kfz- Steuer ganz abzuschaffen und direkt an der Zapfsäule zu kassieren?
Wissmann: Eines fernen Tages könnte ich mir schon vorstellen, dass die Kfz- Steuer mit ihrem hohen Verwaltungsaufwand abgeschafft wird. Doch derzeit ist das Zukunftsmusik. Gegenwärtig brauchen wir ökologische Lenkungswirkungen, und die Automobilindustrie ist bereit, einer unbürokratischen Lösung in der CO2-Steuerfrage zuzustimmen.

Aus einigen EU-Staaten kommt die Forderung nach CO2-Limits, die vor allem deutsche Premiumhersteller besonders treffen würden. Wie gehen Sie damit um?
Eine undifferenzierte Herangehensweise nach der Rasenmähermethode halte nicht nur ich für schädlich. Das wäre für die deutsche Automobilindustrie verheerend. Wir brauchen eine Differenzierung nach Segmenten. Ein Familien-Van hat nicht denselben Verbrauch wie ein Kleinwagen. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel den Mut hatte, sich in dieser Frage im Gespräch mit der EU-Kommission und öffentlich für uns einzusetzen, war enorm wichtig.

Glauben Sie eigentlich, dass das Thema Umwelt für die deutsche Autoindustrie in den kommenden Jahren kriegsentscheidend wird?
Wissmann: Ich glaube, dass es für das öffentliche Ansehen dieser Schlüsselbranche von großer Bedeutung sein wird. Und mit den Technologien, die aus Deutschland kommen und kommen werden, kann die Automobilindustrie sicher viele Gegner entwaffnen. Wir brauchen dafür eine Mischung aus guter Kommunikation und zusätzlicher Anstrengung in Forschung und Entwicklung. Ich werde dabei auch den Dialog mit Leuten aus der Umweltbewegung suchen. Natürlich ist eine mobile Gesellschaft ohne das Auto nicht vorstellbar, aber ich bin selbst ein Beispiel dafür, dass man auch gleichzeitig begeisterter Auto- und Radfahrer sein kann. Die alten Fronten zwischen Öko- Bewegung und Automobilindustrie habe ich nie für besonders intelligent gehalten.

Hybrid ist nicht das Allheilmitel

Hat die deutsche Autoindustrie das Thema Hybrid nicht verschlafen?

Wissmann: Beim Thema Verbrauchsminderung und Schadstoffentlastung ist der Hybrid eine Option unter mehreren. Er ist kein Allheilmittel, aber auch in diesem Bereich sind die deutschen Hersteller dabei, kräftig zu investieren und aufzuholen. Der Technische Kongress des VDA hat gerade vor wenigen Tagen den neuesten Stand aufgezeigt, auf der IAA wird noch mehr zu sehen sein. Die deutsche Automobilindustrie hat zudem mit großem Erfolg den Clean Diesel positioniert. Die Effizienzsteigerungen - und damit die CO2- Minderungen - beim Clean Diesel sind enorm, er hat in Deutschland mittlerweile einen Marktanteil von 44 Prozent. Auch beim Benziner gibt es noch erhebliches Potenzial. Ich sehe die große Kommunikationsherausforderung, diese Erfolge auch gegenüber der breiten Öffentlichkeit deutlich zu machen.

Welche konkreten Maßnahmen zur Verbesserung des Images der deutschen Autoindustrie können Sie sich denn vorstellen?
Wissmann: Noch bin ich nicht im Amt und kann Ihnen deshalb keinen detaillierten Maßnahmenplan präsentieren. Ich glaube aber, dass die IAA im September eine große Chance ist. Dort sollten die Leistungen der Industrie bei Effi zienzsteigerung und Verbrauchsenkung in den Vordergrund gestellt werden. Die Menschen sollen sehen und erleben, was die deutschen Hersteller alles können.

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