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WTCC-Regelchaos 2009

Politik-Wissenschaft in der Tourenwagen-WM

WTCC Brünn 2009 Foto: WTCC 47 Bilder

BMW und Seat halten an der Tourenwagen-WM fest - zumindest vorläufig. Gründe für einen Ausstieg gäbe es mehr als genug, denn der Sport wird immer mehr zum Abziehbild der politischen Ränkeschmiede im Hintergrund.

02.07.2009 Powered by

Ein Sieg für BMW beim TW-WM-Lauf in Valencia musste her, unbedingt. Die Lage war prekär - das wusste auch Schnitzer-Teammanager Charly Lamm. "Ich habe meiner Mannschaft gesagt: Verdrängt die Politik aus euren Köpfen und konzentriert euch auf den Job an der Rennstrecke. Das ist unsere einzige Möglichkeit, die Gesamtsituation positiv zu beeinflussen." Die BMW-Teams mussten in Valencia unter Beweis stellen, dass sie nach den letzten, reichlich konfusen Reglementrochaden der FIA dennoch siegfähig waren. Andernfalls, so die unter der Hand gereichte Erläuterung, drohe unter Umständen sogar der Rückzug von BMW aus der TW-WM.

Rückzug aus dem Motorsport als Ausweg
 
Rückzugsdrohungen sind in der WM momentan groß in Mode. Schuld ist allein die FIA. Zunächst hatte ein Protest von BMW in Marokko gegen den Ladedruck der Seat Leon eine niederschmetternde Erkenntnis zutage gefördert: Der Ladedruck lag eben nicht, wie über den Winter beschlossen, bei 2,5 bar, sondern Seat fuhr beim Rennen in Marrakesch mit 2,9 bar - ohne Wissen der WM-Gegner BMW und Chevrolet.
 
Das allein wäre eigentlich schon Grund genug gewesen, den Stöpsel zu ziehen, denn die FIA verspielte ihre Glaubwürdigkeit als Schiedsrichter des Sports. Die Ausflüchte der FIA, man habe auf diese Weise nur einen Korrekturfaktor für Außentemperatur und Meereshöhe sowie Messtoleranz integriert, sind hanebüchen. Denn mit wechselnden Ladedrücken verschob die FIA die relative Leistungsfähigkeit der Seat zu den WM-Gegnern von Rennen zu Rennen. Da kann man wohl nur Absicht unterstellen.
 
Trotzdem trat der WM-Tross in Pau vollzählig auf. Dort schlug die nächste Welle über das Fahrerlager zusammen: Die FIA verfügte einen maximalen Ladedruck für die Seat Leon von 2,5 bar - inklusive aller Messtoleranzen und Ladedruckspitzen. Seat spielte mit dem Gedanken, das Rennen sausen zu lassen. Erst am Sonntagmorgen kam der erlösende Befehl von Seat-Präsident Erich Schmitt: Antreten und demonstrieren, dass man so nicht fahren kann.
 
Entscheidungen der FIA wurden aufgehoben
 
Die Seat fuhren natürlich hinterher. Prompt reagierte die FIA für das fünfte Saisonrennen in Valencia: Wieder eine neue Einstufung für den Seat, und wieder wurde alles Vorhergegangene auf den Kopf gestellt. Nun durften die Seat auf einmal mit 2,7 bar fahren, plus Ladedruckspitzen ohne Begrenzung in der Höhe, allerdings mit Begrenzung bei der Zeit. Damit wurde die vor der Saison als Kompromiss aller Hersteller erarbeitete Entscheidung der FIA aufgehoben.
 
Jetzt lag der Ball wieder im Garten von BMW, wo ein Sturm von Meetings losbrach. Als Ergebnis startete man in Valencia, begleitet von verbalen Drohungen: "Wir sehen die Situation in der TW-WM sehr kritisch", knurrte BMW-Sportchef Mario Theissen. Mit dem Start in Valencia verpasste BMW aber auch den zweiten logischen Zeitpunkt, um dem Politik-Fiasko der FIA ein Ende zu bereiten. Die BMW-Teams setzten in Valencia alles auf eine Karte. Sie arbeiteten so perfekt zusammen wie niemals zuvor in der WM. Seit Saisonbeginn lautet die Devise: Die Länderteams müssen kooperieren, auf allen Ebenen und mit vollem Datenaustausch. Das war eine Konsequenz aus den Vorkommnissen des letzten Jahres, wo man durch mangelhafte Zusammenarbeit die WM-Titelchancen von Andy Priaulx in Imola versemmelte. "Wir können uns in diesem Jahr wirklich nicht beklagen", versicherte RBM-Teamchef Bart Mampaey in Valencia, der den Wagen von Priaulx einsetzt. "Bei BMW liegen alle Daten auf dem Tisch, es wird geredet und koordiniert. Man kann nicht behaupten, dass wir in diesem Bereich irgendwo Performance verschenken."

Stallorder bei BMW
 
In Valencia tat BMW sogar fast zu viel des Guten - bereits in Lauf eins gab es erstmals bei BMW eine klare Stallorder. Jörg Müller musste den hinter ihm platzierten Schnitzer-Teamkollegen Augusto Farfus kurz vor dem Zielstrich vorbeiwinken. Auch in Lauf zwei gewährte der Deutsche dem Brasilianer den Vortritt - Farfus holte den ersten Saisonsieg für BMW und den ersten BMW-Doppelsieg seit Brünn 2008. Mit dem Sieg war das Ziel von Lamm und den BMW-Teams erreicht: Die Politik können sie eh nicht ändern, also versuchen sie, Siege einzufahren und somit die Entscheidungsträger zum Weitermachen zu animieren.
 
Doch die Strategie ist riskant. Nach Valencia schloss sich das letzte Zeitfenster von BMW, mit plausiblen und in der Öffentlichkeit nachvollziehbaren Argumenten aus der WM auszusteigen. Zwei Mal hatte die FIA mit dem Feuer gespielt, zwei Mal war sie damit durchgekommen. Valencia belegte auch: BMW ist beim Speed nach wie vor nicht wettbewerbsfähig. Im Zeittraining lag man fast sieben Zehntelsekunden hinter dem besten Seat, sechs Zehntel davon büßte man in Sektor eins mit der Start-und-Zielgeraden ein, wo Farfus übersetzungsbedingt gut 150 Meter im Begrenzer herumratterte. Im ersten Rennen verlor BMW immer noch eine halbe Sekunde auf die Seat. Nur im zweiten Lauf konnte Augusto Farfus die schnellste Rennrunde markieren.
 
Seat hat das überlegene Auto
 
Doch das ist mehr als trügerisch, denn die Seat-Fahrer Yvan Muller und Tiago Monteiro fuhren seltsamerweise 1,4 beziehungsweise 1,2 Sekunden langsamer als im ersten Rennen. Ein Schuft, wer Arges dabei denkt. Der Sieg von Farfus stellte mittelfristig den Verbleib von BMW in der WM sicher. Wie hätte BMW auch nach dem Sieg in Valencia und mit voll intakten Titelchancen - Farfus liegt nur drei Punkte hinter WM-Spitzenreiter Yvan Muller (Seat) -, den Ausstieg auch verkaufen sollen? Doch Fakt ist auch: Mit 2,7 bar hat Seat das überlegene Auto und kann den WM-Verlauf nach Belieben steuern. BMW und Chevrolet laufen Gefahr, als Kanonenfutter für Diesel-Siege herhalten zu müssen. BMW-Sportchef Mario Theissen redet nun über die Vorkommnisse in der WM direkt mit FIA-Präsident Max Mosley. Der gab in Valencia zu, dass die FIA Fehler gemacht habe.

WM-Promoter Lotti hat in Valencia klargemacht: "Wenn ein Hersteller am Ende der Saison aussteigen will, habe ich einen guten Notfallplan." Welchen, will er nicht verraten. Den Ausstieg von BMW oder Seat während der Saison hält Lotti nur für eine Drohgebärde: "Seat und BMW haben sich für die komplette Saison bei der FIA als Hersteller eingeschrieben - die können gar nicht aussteigen!"
 
Alternativen für 2010
 
Alle WM-Hersteller werden für 2010 ihre Motorsportprogramme auf den Prüfstand stellen. Bei Seat liegt die Entwicklung des viertürigen Exeo-Modells auf Eis. Lotti versucht Seat davon zu überzeugen, 2010 wieder mit dem Saugmotor anzutreten. Der Reglementwechsel auf Turbotechnik soll frühestens 2012 stattfinden. Damit zeichnet sich womöglich auch eine Kompromisslinie für die Zukunft von BMW ab: Man könnte das - kommerziell erfolgreiche - Kundensportprogramm nach Super 2000-Reglement fortsetzen.
 
Momentan überwiegen noch die Drohgebärden - BMW könnte in anderen TW-Serien antreten oder auf den GT-Sport mit dem M3 setzen. Doch beim Thema GT käme BMW vom Regen in die Traufe, denn der GT2 ist immer noch nicht homologiert.

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