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Youngtimer Mercedes 450 SEL 6.9

Das beste Auto der Welt

Mercedes 450 SEL 6.9, Frontansicht, Telefonzelle Foto: Dirk Gulde 20 Bilder

Auf Zeitreise in die Siebziger: Für Redakteur Dirk Gulde erfüllt sich mit der Fahrt im Mercedes 450 SEL 6.9 ein Kindheitstraum.

29.04.2013 Dirk Gulde

"Ein Traum kann durch nichts mehr verlieren, als in Erfüllung zu gehen", heißt es im Volksmund, doch für solche Schlaumeiereien ist es jetzt zu spät. Da steht er nämlich: 5,06 Meter lang und so golden wie die Zeit, in der er entstand. Ein Mercedes 450 SEL 6.9 – das Topmodell der zwischen 1972 und 1980 gebauten S-Klasse oder einfach "das beste Auto der Welt", wie auto motor und sport einst titelte.

Und ich darf ihn fahren. Und zwar eine Woche lang. Eine Zeitreise in die Kindheit, als ein Liter Sprit noch 89 Pfennig kostete und der W116 Wirtschaftskapitäne sowie Politiker der Bonner Republik chauffierte und mit seinen Omnibus-Rücklichtern den Begriff vom "dicken Benz" prägte.

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Oldtimer Mercedes 450 SEL 6.9 Goldene Zeiten
auto motor und sport 07/2013
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Leder kostete im Mercedes 450 SEL 6.9 noch Aufpreis

Also Tür auf und eintauchen in ein Meer von braunem Velours. Ledersitze kosteten selbst beim Sechsneuner noch Aufpreis, zum Glück wurden sie nicht bestellt. Kuhhäute imitiert heute nämlich jeder asiatische SUV mehr oder weniger gekonnt. Das strenge, hochflorige Velours harmoniert hingegen perfekt mit der Wurzelholz-Schrankwand von einer Mittelkonsole.

Freundin Sonja hat sich hingegen in die Sitzheizungsschalter verliebt. In schrillem Orange wirken sie aufgepappt wie Pril-Blumen auf dem Alibert. Überhaupt die Schalter: Jede Funktion hat ihre eigene Taste, Menüs kannte man damals nur aus der Gastronomie. Und dann dieser dürre Hebel für den "so genannten Tempomat", wie auto motor und sport die staunende Leserschaft über den unfassbaren Luxus aufklärte.

Gigantischer Motor, gigantischer Verbrauch

Dürr liegt auch das Lenkrad in der Hand, zudem wirkt es aus heutiger Sicht geradezu riesig. Da es sich nicht verstellen lässt, ist breitbeiniges Sitzen angesagt, was hinter einem 6.834 ccm großen V8 ja auch irgendwie passt. Mehr noch als die 286 PS beeindrucken 550 Nm Drehmoment selbst in der Turbodiesel-verwöhnten Neuzeit. Der M100 mit Trockensumpfschmierung und mechanischer Einspritzung hat leichtes Spiel, ganz unabhängig von der Drehzahl. Weshalb der Automatik auch drei Stufen genügen. Zwischen Stillstand und gemessenen 234,1 km/h Topspeed liegen daher ganze zwei Schaltunterbrechungen.

Beschleunigen wird vor allem aus dem Stand zum Erlebnis: Beim Druck aufs Gaspedal passiert für einen kurzen Moment erst mal gar nichts, dann hebt sich die Motorhaube, der Drehmomentwandler spannt vor, und der Zweitonner schießt nach vorn. Kein Wunder, dass seine einstigen Tester Leistungsfähigkeit und Straßenlage priesen – Doppelquerlenker vorn und Bremsmomentabstützung machten den hydropneumatisch gefederten Über-Benz recht agil.

Doch die Welt hat sich weiter gedreht, nach heutigen Maßstäben schunkelt die S-Klasse auf ihren 14-Zöllern etwas verlegen durch Kehren. Dafür verblüfft die erst 6.500 Kilometer gelaufene Leihgabe von Mercedes Classic mit etwas, das in den letzten 35 Jahren fast ausgestorben ist: Abroll- und Federungskomfort der Extraklasse.

Sonstiges Früher-war-alles-besser-Gejammer verhindert bereits der Verbrauch, der im Test mit 23,2 L/100 km gemessen wurde – im damaligen Umfeld kein exorbitanter Wert. Dennoch verschob Mercedes die Markteinführung des 6.9 in Folge der Ölkrise 1973 um eineinhalb Jahre.

Mercedes 450 SEL 6.9 spielt noch mit Cassetten

Also gleiten wir entspannt über die Straßen, lassen uns durch das geöffnete Schiebedach die Sonne auf den Pelz brennen und freuen uns, im Keller noch ein paar alte Cassetten fürs Becker Mexico gefunden zu haben (gleich hinter den VHS-Bändern). Die digitale Revolution steht der Autobranche noch bevor, der 116er lässt sich gegen Ende seiner Bauzeit immerhin mit ABS bestücken (2.293 DM).

Auch ein Autotelefon für unglaubliche 16.498 Mark findet sich in der Preisliste, wird aber nur selten bestellt. Was wohl nicht als Verzicht empfunden wurde, schließlich prägt die Telefonzelle das Stadtbild. Die gelben Häuschen gibt es heute noch, angesichts von 1,3 Handys pro Einwohner scheinen sie jedoch unsichtbar geworden zu sein.

Im 450er fallen sie wieder auf, fast als wollten sie ihren vorbeifahrenden Zeitgenossen grüßen: "Hey, wir zwei waren doch mal wichtig. Für uns haben die Leute ihren letzten Groschen geopfert." Oder zumindest ihr ganzes Leben davon geträumt.

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