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Zukunft der Tourenwagen-WM

Wenn Citroën kommt, dann ...

Tourenwagen-WM, Rennszene Foto: David Lister 12 Bilder

Über die Zukunft wird mehr diskutiert als über die Gegenwart: Für die Tourenwagen-WM hängt viel wenn nicht alles am Zutritt von Citroën. Eine Spurensuche.

05.06.2013 Marcus Schurig Powered by

Frage an den Boss: „Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Tourenwagen-WM?“ Promoter Marcello Lotti fingert nach den Streichhölzern, um in seiner strikt rauchfreien Kommandozentrale im Fahrerlager von Monza die Marlboro im Mundwinkel zu entzünden. „Ich.“ Dazu ein Grinsen, dass den Kern der Aussage sofort wieder reduziert.

Bei Lotti steckt in fast jeder Aussage viel Wahrheit - und ein wenig Scherz. Dann betet er gekonnt die korrekte Wahrheit herunter: Die Markenvielfalt fällt in der TW-WM höher aus als bei allen anderen Weltmeisterschaften. Die TV-Präsenz ist top, weil Eurosport Events die Tourenwagen-WM vermarktet. Die WM hat viele Fahrzeuge, weil nicht nur Werksteams um den offiziellen WM-Titel fahren, sondern die Privatfahrerwertung weitere Autos ins Feld spült.

Teams sind das Rückgrat der WM

Und wer mingelt das alles zusammen? Lotti. Der Italiener ist ein Survivor. „Motorsport ist ein zyklisches Geschäft, deshalb muss man in schlechten Zeiten die guten vorbereiten.“ Die Teams sind das Rückgrat der WM und sie vertrauen Lotti. „Ich habe im Motorsport kaum jemand wie Lotti getroffen, der so viel zuhört und es sich dann auch zu Herzen nimmt“, sagt zum Beispiel Wiechers-Sport-Teamchef Dominik Greiner.

Die WM ist fraglos auf dem Weg nach oben - obwohl in den vergangenen Jahren bei Volvo, Ford, Seat, BMW und Chevrolet Teil- oder Vollrückzüge verkraftet werden mussten. Zwar haben sich 2013 mit Lada und Honda nur zwei Marken in die Hersteller-WM eingeschrieben, doch Lotti haut gleich mal wieder eine Ansage raust: „Im nächsten Jahr sind es vier, vielleicht sogar fünf.“

Im Gegensatz zu seinen üblichen Gepflogenheiten schweigt der Italiener über das, was da im Hintergrund wirklich läuft. Zu viel Sprengstoff steckt in den Ankündigungen, die in den nächsten Wochen folgen werden.
 
Klar ist: Mit Citroën steht und fällt das Wachstum der WM. Seat-Sportchef Jaime Puig sagt: „Der Einstieg von Citroën würde Seat helfen.“ Zu Deutsch: Wenn Citroën kommt, kehrt auch Seat zurück - zwei auf einen Streich. Citroën muss auf Grund der angespannten finanziellen Lage im PSA-Konzern mit Ankündigungen warten. Der Zukunftsplan für die Firma muss erst stehen und mit den Gewerkschaften verhandelt werden, erst dann kommen die Pressemitteilungen.
 
Die Spurensuche über andere Kanäle lässt das folgende Szenario erwarten: Citroën steigt zum Ende der Saison aus der Rallye-WM aus. Um den Markenbotschafter und neunfachen Rallye-Weltmeister Sébastien Loeb zu halten, wird ein Tourenwagen-WM-Auto für 2014 homologiert. Während eine Rallye-WM-Saison in etwa 40 Millionen Euro verschlingen kann, kostet die TW-WM nicht mal ein Fünftel - ein gutes Argument in schlechten Zeiten.

Vier Hersteller in der TW-WM 2014?

Seat ist auf dieses Szenario vorbereitet, wie Sportchef Jaime Puig zu verstehen gibt. Das Design für den Leon nach dem neuen Technik-Reglement steht. VW steuert den Motor aus der Rallye-WM bei, Seat muss ihn nur noch für die Rundstrecke applizieren. Dann hätte Lotti für 2014 in der Tat vier Hersteller: Citroën, Honda, Seat und Lada. „Mehr sollten es aber auch nicht werden“, warnt Seat-Sportchef Puig, „denn auf dem Podest ist nur Platz für drei Marken.“ Und die fünfte Marke, der Joker? Die üblichen Verdächtigen: Renault, Subaru, die Koreaner. Ihnen allen ist gemein: Sie warten auf Citroën, dann entscheiden sie.
 
 
 
Die WM ist beim Budget ein Schnäppchen im Vergleich zu Formel 1, Le Mans, Rallye-WM oder DTM. Produktionswagensport zu überschaubaren Kosten und mit verwertbarer Fernsehpräsenz - das bietet nur Lotti. Der Aufmarsch der Werke ist aber auch eine Gefahr für die Privatfahrer. Wie sollen sie die Anschaffung neuer Fahrzeuge für 2014 oder 2015 stemmen, und welcher Hersteller wird neue Autos über Kundensportprogramme in den Markt pumpen?
 
BMW, so pfeifen es die Spatzen vom Vierzylinderdach, ist Ende 2013 raus. Momentan stehen sieben BMW in der Startaufstellung, dazu fünf greise Kunden-Seat - zusammen fast die Hälfte des Feldes. Lotti hofft auf die Werke, die sukzessive die Altwagenflotte der Privatfahrer mit neuen Okkasionen auffüllen sollen. Eine Garantie dafür gibt es nicht, doch mit den Privatfahrern steht und fällt die Anzahl der Fahrzeuge.

Saison 2013 ist ein Übergangsjahr

So ist die Saison 2013 nicht viel mehr als ein Übergangsjahr. Das hat sich auch Honda gedacht und für die erste volle Saison extrem aufgestuhlt: neuer Motor, dutzende Detailverbesserungen, stramme Gewichtsreduktion. Das Zeittraining beim ersten WM-Lauf in Monza bestätigte zwar, dass die Japaner ihre Hausaufgaben gemacht haben: Gabriele Tarquini fuhr fast exakt so schnell, wie die Chevrolet-Werkspiloten - im Vorjahr. Leider war das anderthalb Sekunden langsamer als das, was das alte Werksteam mit dem alten Chevy und dem alten Fahrer Yvan Muller 2013 in Monza auf die Bahn zauberte - dumm gelaufen.
 
Es war eine Lehrstunde, wie Motorsport wirklich funktioniert: Werke bauen einen Überflieger, dann drosseln sie die Performance, um unauffällig zu siegen. Jetzt, wo Chevy kein Werksteam mehr ist, zeigt RML, was die Karre kann: statt 1.58,9 Minuten (2012) 1.57,4 Minuten (2013). „Die FIA steht jetzt etwas dumm da“, befand Jaime Puig.
 
Seit Jahren kritisiert Puig die intransparente Vergabe von Sondergenehmigungen, von denen eben auch der Chevrolet profitiert. Diesen Schuh will sich Lotti nicht anziehen: „Ich kann mich nicht um alles kümmern.“ Auch wenn er in der ersten Person Singular antwortet - für dieses eine Mal ist Lotti wirklich nicht das Alleinstellungsmerkmal der Tourenwagen-WM.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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