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Im VW Sharan nach Kasachstan

VW Sharan, Hamburg, Hafen Foto: Karsten Schöne 20 Bilder

Was tun, wenn für den 13 Jahre alten VW Sharan bei uns nicht der gewünschte Preis zu kriegen ist? Ab nach Kasachstan, hat uns jemand erzählt, denn dort stehen Gebrauchte aus Deutschland viel höher im Kurs. Highlights einer 3.924-Kilometer-Reise.

22.03.2014 Christian Litz

Ein Knopfdruck, und der Tageskilometerzähler beginnt wieder bei null. Wir stehen am Hamburger Hafen und beschließen, möglichst schnell durch Polen und die Ukraine nach Russland zu fahren, solange wir fit und die Straßen gut sind. Ersatzreifen und vier Reservefedern haben wir dabei. Mal sehen, was die Pisten in Zentralasien dem Sharan abverlangen.

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Zum Autoverkauf nach Zentralasien Durchs wilde Kasachstan
auto motor und sport 04/2014
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VW Sharan kollidiert mit Taxi

Nach 2.224 Kilometern fährt uns in Kharkov kurz vor der Grenze Ukraine/Russland ein Taxi hinten ins Auto, als ich die Spur wechsle. Unser VW Sharan hat nur Kratzer an der Stoßstange, doch die Front des Taxis ist zerstört. Der Fahrer schreit: "No Polizia!" Wir geben ihm 220 Euro. Er ist zufrieden, wir fahren weiter in unserem VW Sharan. Kurz darauf, gerade acht Kilometer weiter, winkt uns die Polizei raus. Der erste Gedanke: Jetzt sind wir wegen Fahrerflucht dran. Es ist nur die übliche Kontrolle, eine der fünf, die wir auf der Reise erleben. Der Beamte vergleicht den Namen im Pass mit dem im Fahrzeugbrief und wünscht uns gute Fahrt.

Auf dem Weg nach Kasachstan stehen wir östlich von Luhansk, von hohen Drahtzäunen mit Stacheldraht umgeben, im Niemandsland zwischen der Ukraine und Russland. Zweimal durchsuchen sie unter grellen Scheinwerfern das Auto. Achtmal muss ich ein Formular ausfüllen, weil ihnen meine Handschrift nicht gefällt. Ab dem vierten kriege ich es in lateinischer Schrift. Kyrillische Buchstaben kann ich nicht.

Die Zöllner sagen wenig und versuchen, eine Atmosphäre der Angst aufzubauen, grimmig zu gucken. Zwischendurch machen sie Vesperpause. Danach lassen sie die anderen – Usbeken und Kasachen – durch. Ich muss zum nächsten Container. Einer der Usbeken sagt mir auf Englisch: "Nicht lächeln! Schau demütig!" Nach vier Stunden scannt ein Grenzer Ausweis, Visum, Fahrzeugbrief und das Formular. Plötzlich lächelt er: "Welcome to Russia." Um Mitternacht kommen wir über die Grenze.

Abenddämmerung vor der Vollmondnacht zwischen Astrachan und der russisch-kasachischen Grenze. Was ist das? Ich halte an. Da liegen Kühe, zwei Stück, tot. Bei einer ragen alle vier Beine senkrecht zum Nachthimmel, die andere liegt eher schräg. Ich steige aus, schaue mich um. Beide haben keine Wunden, aber den Kopf nach hinten gedreht, vielleicht den Schädel gebrochen. 20 Meter weiter liegen noch zwei tote Kühe.

Kontrolle oder keine Kontrolle?

Nach 3496 Kilometern, kurz vor Ganyushkino am Kaspischen Meer, nachts in der Steppe, eisiger Wind, steht da ein Mann in Uniform. Könnte Polizist sein, Zöllner oder Soldat. Er winkt mit der Kelle. Wir sehen ihn in unserem Scheinwerferlicht, halten an, lassen die Scheibe herunter. Der Polizist – ist es denn einer? – sagt: "Documents." Er kriegt sie, schaut weder in die Pässe noch in den Fahrzeugbrief. An der rechten Hüfte hat er ein Halfter, der Pistolengriff schaut raus.

Dieser Milizionär, Räuber, Verkehrspolizist hat die Papiere in der Hand, die Knarre an der Seite, schweigt. Schließlich schaut er auf die Pässe, ohne sie zu öffnen. "Germanski? Get out!"
Er ist klein, unrasiert, hat eine Mütze auf dem Kopf, Narbe auf der Stirn und blickt mir direkt in die Augen. Er hebt die Hand mit den Pässen und dem Fahrzeugbrief, sagt: "Dokument."

Der Steppenwind ist eisig. Stille. Plötzlich: "Dollars? Euro?" Ich schüttele den Kopf. Er legt die Papiere aufs Dach des VW Sharan. Der Fahrzeugbrief wird von den Pässen kaum gehalten, flattert, wird wohl wegfliegen. Ich schiebe ihn unter die Pässe. Über der Schulter des Mannes sehe ich im Westen Scheinwerfer auf uns zukommen. Er nicht. "Problem!" Pause. Dann Autogeräusche. Er wird hektisch: "Go!" Wir nehmen die Papiere vom Dach, steigen wieder ein, starten den Motor. Klarer Fall, vielleicht Polizist, vielleicht auch nicht. Seine Idee war, bedrohliche Autorität auszustrahlen, bis wir Geld bieten.

Im VW Sharan vorbei an Ruinen

Bei Kilometerstand 3.612 fahren wir im wilden Kasachstan auf einer Piste nach Osten. Hinter uns liegt Zaburunye. Laut Karte. Aber da war nichts, nur Ruinen aus Blech und Stein, ein Feldweg mit einem Schild, auf dem nichts stand, absolut nichts. Wir können kilometerweit schauen, sehen nichts, keine Bäume, keine Gebäude, nur ab und zu Ölpumpen. Es gibt kaum Gras, viel Staub, Autowracks. Ein Busch weht über die Straße wie im Western. Das Tageslicht wirkt diesig. Der Gegend fehlen Farben. Kasachstan ist ausgebleicht.

Plötzlich Kamele, einige auf der linken Seite des Damms, einige rechts. Eines ist braun, etwa zwei Menschenköpfe größer als die anderen. Der Boss hier. Er schreitet auf die Straße. Bleibt stehen. Ich bremse. Der Bulle starrt auf die Frontscheibe. Zehn Meter Abstand, schätze ich.

Die Piste ist schmal, mit tiefen Schlaglöchern, da komme ich nicht vorbei. Er kommt näher und brüllt. Vier, fünf Meter, höchstens. Eindeutig, der droht. Andere Kamele erreichen die Piste und traben weg, als hätten sie Angst vor dem, was jetzt kommt. Ich mache den Motor aus. Ein schneeweißes Kamel kommt von rechts. Knapp an der Front des VW Sharan vorbei schiebt es sich zwischen dem Riesen und dem Auto durch und trabt runter von der Straße. Der Bulle lässt von uns ab, schreitet hinterher.

Lucky lebt

Kurz vor Aqquistaw – doch, das schreibt sich mit zwei q – steht ein Laster quer auf der Straße. Er hängt schräg. Wir sind die Ersten, die der Fahrer sieht nach seinem Unfall. Er tut so, als wären wir Engel. Oder aber Menschen, was bedeutet, er hat überlebt. Sein Laster hat das linke Hinterrad verloren. Öl tropft auf die Straße. Eine Benzinlache stinkt. Der Fahrer lässt meine Hand nicht mehr los. Er freut sich zu leben, jubelt laut. Ich sehe eine Kreuzung, beide Straßen asphaltiert. Er war schnell. Das Hinterrad landete in dem Schlagloch. Der Laster fuhr auf drei Rädern weiter, das Ende der Achse. Wo das Rad fehlt, kratzt eine Narbe in den Asphalt. 50 Meter. "You are a lucky man", sage ich. Er: "Ja, ja, lucky, lucky. I live."

Im Ölarbeiter-Saloon

Der VW Sharan steht vor dem "Guns and Roses" in Atyrau, östlich des Ural-Flusses. Der Barkeeper spricht Englisch. Ich sage: "Draußen hab’ ich ein Auto, VW Sharan, Made in Germany. Will ich verkaufen. Mein Auto, legal, ich habe die Papiere. Nur keine Zolldokumente." Er: "Wird schwer. Atyrau ist eine Ölstadt, mitten im Boom. Keiner will Gebrauchtwagen."

Am nächsten Abend liegt der Kopf eines Ölarbeiters, mit dem ich mich gestern unterhalten habe, auf der Theke. Er schnarcht. Ich sitze mit zwei anderen Arbeitern an einem Tisch. Auch die meinen: "Hier will niemand Gebrauchtwagen." Da steht ein Mädchen am Tisch. Sie sagt "Car". Wir machen eine Probefahrt. Danach ruft sie ihren Bruder an. Der kommt mit vier Freunden. Sie schauen unter die Motorhaube, unter den Wagen. Die Zentralverriegelung gefällt ihnen. Ich fahre sie einmal um den Kreisverkehr vor der Bar. Wir verhandeln. Sie fürchten, dass ich ein gestohlenes Auto verticke. Ich, dass sie mit Falschgeld zahlen. Ich muss schwören, dass ich das Auto nicht morgen als gestohlen melde.

Wir erreichen in etwa den Preis, den ich brauche. Das Auto muss die Heimreise mit dem Zug bis Moskau und ab da mit dem Flugzeug finanzieren und mehr bringen, als der Mann mir bot, der in Hamburg ein Kärtchen an die Scheibe geklemmt hatte.

Ich nehme die Kennzeichen ab, schau noch mal auf den Tacho des VW Sharan: Kilometerstand 161.724. Wir sind 3.924 Kilometer gefahren. Sie geben mir US-Dollar. Wir schütteln Hände. Nach Papieren fragen sie nicht, ich gebe ihnen die Farbkopie des Fahrzeugscheins. Die fünf setzen sich ins Auto, hupen, fahren los. Zwei Polizisten schauen auf. Der VW Sharan hat kein Nummernschild. Interessiert keinen.

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