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Mentalcoach Christoph Treier

Der Schattenmann der WRC

Rallye, Impression, WM, Mentalcoach Foto: McKlein, Tony Welam 19 Bilder

Der Schweizer Christoph Treier bringt als Mentaltrainer Rallye-Stars auf die Erfolgsspur und ist längst selbst eine Kultfigur.

13.02.2016 Markus Stier

Christoph Treier muss lachen. Es ist die erste Lektion: "Lachen ist besser als ärgern", sagt er. Der Schweizer lacht gern und viel, nicht zuletzt wenn er von früher spricht: "Wusstest du, dass die finnische Olympiamannschaft 2014 in Sotschi erstmals einen Mentaltrainer dabeihatte? Davor haben sie immer einen Priester mitgenommen."

Es gibt Länder, in denen man Humor gut brauchen kann. Vor allem wenn man dort versucht, als Sportpsychologe Fuß zu fassen. Finnland, das Land der Schwermütigen, hohe Herzinfarktquote, horrende Selbstmordrate, und dazu die eiserne Mentalität, es allein schaffen zu müssen – wie damals im legendären Winterkrieg, als die noch junge Nation Suomi dem übermächtigen russischen Bären standhielt.
Eines der Lieblingswörter der Finnen ist "Sisu", diese Mischung aus Stärke und Mut, mit denen das Sechs-Millionen-Völkchen sich in Eishockeyschlachten gegen die Russen oder die ehemalige Kolonialmacht Schweden wirft.

Vom Konditionstrainer zur Kultfigur

Als Christoph Treier sich in eine Finnin verliebte und ihr an den Bottnischen Meerbusen folgte, hatte man eigentlich keine Verwendung für einen früheren Alpinskifahrer mit Sport- und Psychologiestudium. Er fing als Konditionstrainer bei einem Provinz-Hockeyteam an, und die Geschichte könnte hier zu Ende sein, wenn diese drittklassige Truppe nicht innerhalb weniger Jahre erstklassig geworden wäre und die Finnen sich nicht gefragt hätten: Wie ist das möglich? "Die brauchten mehr psychisches als physisches Training. Es fehlte an Selbstvertrauen und Stressmanagement", sagt Treier.

Mentale Schwächen einzugestehen, ist im Mannschaftssport schon ein heikles Thema, in Individualsportarten und gerade in typischen Macho-Disziplinen wie Motorsport ist es immer noch ein echtes Tabu. Treier muss wieder lachen: "Früher musste ich nicht selten in den Verträgen garantieren, dass ich niemals öffentlich zugebe, mit diesem Sportler zu arbeiten."

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Porträt Mentalcoach Christoph Freier
auto motor und sport 02/2016
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Anruf aus Dallas

Heute ist der einstige Schattenmann eine Kultfigur, die selbst viele Verträge unterschreiben könnte. Treier betreut finnische Langlaufstars, aber auch Boxer. Im Frühjahr rief die hinter Real Madrid zweitteuerste Vereinsmannschaft der Welt an: Das Footballteam der Dallas Cowboys zeigte Interesse. Am Rallye-Sport hatte Treier eigentlich das Interesse verloren, aber dann kam 2013 der Hilferuf von Jari-Matti Latvala.

Der 30-jährige VW-Werkspilot scheint auf den ersten Blick völlig ungeeignet für jede Art von Spitzensport. Zu sensibel, zu grüblerisch, zu leicht aus dem Takt zu bringen. Wenn da nur nicht dieses unglaubliche Talent wäre und diese bedingungslose Hingabe. An einem Tag schmeißt der Finne das Auto ohne Not in die Büsche, an einem anderen gibt er mit seinem Tempo selbst Weltmeistern Rätsel auf. Nur hat der einst jüngste WM-Lauf-Sieger aller Zeiten in elf WM-Jahren noch keinen Titel gewonnen. Immer wieder versauten Unfälle die Punktebilanz schon im Frühjahr.

Christoph Treier kam das Muster bekannt vor. 1998, der Eidgenosse war längst ein gefragter Mann in der Sportpsychologie, hatte ihn jemand nach einem Vortrag angesprochen. Es gebe da einen langen Nordmann, der ein ganz Großer sein könnte, würde er nicht ständig von der Piste segeln. Treier musste damals seine Frau fragen, wer dieser Typ eigentlich sei. Da lachte die bessere Hälfte: "Du kennst Marcus Grönholm nicht?"

Vom Zappelphilipp zum Champ

Als jener lange Schlaks aus Inkoo 1999 beim Peugeot-Werksteam landete, hielten das manche noch für eine Verwechslung. Ein Jahr später sah die Rallye-Welt staunend zu, wie dieser extrovertierte Zappelphilipp mit vier Siegen Weltmeister wurde. Aber erst Jahre später fragten sich viele, wer eigentlich der dunkelhaarige Typ mit der Hornbrille sei, mit dem der Champ ständig zusammengluckte.
Grönholm war Treiers Visitenkarte: ein früheres Nervenbündel, das später selbst den Übermenschen Sébastien Loeb in einem nervenzerfetzenden Finale 2004 in Neuseeland eiskalt abwatschen konnte. Grönholm gewann mit drei Zehntelsekunden Vorsprung, damals das knappste Resultat aller Zeiten.

Treier arbeitete mit dem 30-fachen WM-Laufsieger vor allem an der Konzentration. Grönholm war Box-Fan, also ließ ihn sein Coach auf Pratzen schlagen und gab ihm gleichzeitig Zahlen vor, die sein Schützling addieren musste. "Davon hat er eine ganz fantastische Konzentration bekommen", schwärmt sein Lehrer. Mit Latvala macht Treier ähnliche Übungen.

Grönholm war anfangs besorgt, man könne ihm eine psychische Macke andichten, aber er fand zum Gemütsmenschen Treier schnell einen Draht und machte fortan kein Geheimnis mehr aus dem Geheimnis des Erfolgs. Plötzlich galt es in der vermeintlich so egomanischen Welt des Motorsports nicht mehr als Schwäche, sondern als Zeichen von Professionalität, an jedem möglichen Defizit zu arbeiten.
Jari-Matti Latvala muss Teamkollege Sébastien Ogier, den dreifachen Weltmeister, bezwingen, wenn er den Titel holen will. "Seb ist in allen Bereichen so stark. Ich muss in Top-Form sein, wenn ich ihn schlagen will", sagt er entschlossen. Latvala hatte noch nie ein Problem, über seine Probleme zu sprechen.

Ende 2014 schien der Finne so stark, dass er den Kampf würde aufnehmen können. Doch ein Ausrutscher bei seiner geliebten Schweden-Rallye brachte ihn im Februar aus der Spur, sodass er auch in Mexiko crashte. Wieder war eine Saison verloren. Treier schickte Latvala erst einmal zum Abschalten in den Urlaub, dann stabilisierte er seinen fragilen Schützling: Entspannungsübungen, Fokussierung. Der gewann nervenstark in Portugal, Finnland und Korsika und marschierte in der Tabelle durchs Verfolgerfeld wieder auf Rang zwei.
2016 will sich Christoph Treier selbst die größtmögliche Befriedigung verschaffen und Latvala zum Titel coachen: "Das könnte der größte Gefühlsausbruch meines Lebens werden."

Der neue Trend

Neben Fitnesstraining und Testfahrten setzen immer mehr Rallye-Piloten auf psychologische Unterstützung.

Kris Meeke war fast schon ein hoffnungsloser Fall. An der Schnelligkeit des Nordiren bestand kein Zweifel, nur brachte er bei fast jeder zweiten Rallye seinen Citroën nicht ins Ziel. Inspiriert von Jari-Matti Latvalas Erfolgen mit Christoph Treier, ließ man Fahrerbetreuer Marc Germain eine psychologische Zusatzausbildung machen, um seinen Schützling Meeke zu stabilisieren. Der Erfolg kam schon beim fünften WM-Lauf der Saison, als der als notorischer Bruchpilot Verschriene mit 34 Jahren in Argentinien seinen ersten WM-Erfolg feierte. Citroën-Teamkollege Mads Östberg hat schon mit fünf verschiedenen Mentaltrainern gearbeitet – und einen bei sich zu Hause: Seine Frau ist Sportpsychologin. Landsmann und Dauerrivale Andreas Mikkelsen macht mit seinem Physiotherapeuten Roy Snellingen auch regelmäßig mentales Training. Weltmeister Ogier indes gibt sich immun: "Ich brauche so was nicht."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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